InterviewFridays-For-Future-Aktivist „Ich glaube, dass wir etwas bewirken“

Von Josefin Hessel 

Der Gymnasiast Felix Quartier will so lange protestieren, bis die Regierung verbindliche Pläne für den Schutz der Umwelt vorlegt.

Der Gymnasiast Felix Quartier (16) aus Freiburg Foto: Moritz Schmidt
Der Gymnasiast Felix Quartier (16) aus Freiburg Foto: Moritz Schmidt

Freiburg - Er organisiert seit Dezember die Fridays-for-Future-Demonstrationen in Freiburg und ist Pressebeauftragter der Initiative: Und der Gymnasiast Felix Quartier (16) will nicht mit dem Protest aufhören, bis die Bundesregierung konkrete Pläne für den Klimaschutz umsetzt.

Felix, haben Sie das Gefühl, die Politiker nehmen die Freitagsdemos ernst?

Es ist schade, dass wir so was gefragt werden. Eigentlich sollten die Politiker gefragt werden, ob sie uns ernst nehmen. Ich glaube schon, dass wir etwas bewirken. In den Medien kommt man nicht mehr an uns vorbei. Und wahrscheinlich hat sich auch jeder große Politiker und jede große Politikerin mittlerweile zu uns geäußert. Dadurch bewegen wir was.

Wie finden Sie es, wenn die Kanzlerin Angela Merkel sagt, der Einsatz der Schüler sei gut, aber ein Kohleausstieg vor 2038 einfach nicht möglich?

Meiner Meinung nach wäre es komisch, wenn sie in ihrer Position nicht sagen würde, dass sie unser Engagement gut findet. Es bringt aber nichts, wenn dann nichts umgesetzt wird.

Das Thema solle lieber „den Profis“ überlassen werden, hat der FDP-Vorsitzende Christian Lindner kürzlich gesagt. Was halten Sie von seiner Aussage?

Wir arbeiten eng mit der Wissenschaft zusammen. Und es ist klar, dass ein Kohleausstieg vor 2038, wahrscheinlich sogar vor 2030, möglich und nötig ist. In anderen Bereichen ist ein Handeln ähnlich dringend. Deswegen gehen wir jetzt auf die Straße.

Die Wissenschaft ist das eine, die Wirtschaft das andere. Klimapolitik in dem Maße, wie Sie es fordern, wäre nicht ohne erhebliche wirtschaftliche Veränderungen umsetzbar.

Da ist die Frage, was für Prioritäten man setzt. Uns ist wichtig, eine lebenswerte Zukunft und auch in 50 Jahren noch Wohlstand zu haben. Die Politik setzt leider oft darauf, dass in dieser Legislaturperiode ein maximal hohes Wirtschaftswachstum entsteht und die Unternehmen kurzfristig Profite erzielen. Das Problem ist, dass wir die Folgen des Klimawandels erst nach der Amtszeit der aktuellen Politiker wirklich spüren werden. Wir wollen deshalb langfristig schauen. Da ist entscheidend, klimaneutral zu werden.

Was bedeutet denn Wohlstand für Sie?

Wohlstand bedeutet für mich, dass wir uns frei aussuchen können, wo wir leben. Dafür müssen wir ein Klima haben, bei dem weite Teile der Erde bewohnbar bleiben und nicht immer mehr Festland im Meer versinkt. Ansonsten kommen immer größere Mi­grationsströme. Außerdem bedeutet Wohlstand für mich, dass wir glücklich sind – und es keine Kriege gibt.

Hängt das zusammen?

Ich will mir gar nicht vorstellen, was es für Krisen gibt, sobald der Klimawandel auch bei uns richtig zu spüren ist. Es geht bei unseren Demos also auch um Menschenrechte und Friedenssicherung.

Würde es nicht mehr bringen, wenn jeder Einzelne sein Konsumverhalten ändern würde, anstatt zu demonstrieren?

Das würde natürlich auch was bringen. Wie viel, kann ich nicht abschätzen. Auf unseren Demonstrationen betonen wir immer wieder, dass wir an unserem Konsum etwas ändern müssen. Wir haben dazu einen Zehn-Punkte-Plan ausgearbeitet und verteilt. Es ist aber wichtig, kollektiv ein Zeichen zu setzen, weil die Politik nicht interessiert, was jeder Einzelne macht.

Gäbe es auch Demos, wenn das Wahlrecht schon ab 16 Jahren gelten würde?

Da kann ich nur für mich persönlich sprechen. Klar fühlt man sich hilflos, wenn der scheinbar beste Weg, um Politik zu verändern, die Wahl ist – und man selbst nicht wählen darf. Das trägt dazu bei, dass man sich anders wehren muss. Ich glaube aber, auch wenn wir jetzt alle wählen dürften, würden wegen der paar Prozent die Probleme nicht gelöst werden.

Gibt es Schüler, die die Demos nutzen, um Schule zu schwänzen?

Nein, das glaube ich nicht. Das ist jetzt zwar einfach gesagt, und viele ältere Menschen sind davon überzeugt, aber ich kenne Schulen, da werden Sechser verteilt, weil Klausuren nicht geschrieben werden. So was nimmt man nicht einfach so in Kauf. Am 18. Januar waren trotz Kälte 6000 Menschen mit uns auf der Straße. Wenn die Leute wirklich nur hätten schwänzen wollen, wären sie daheim geblieben.

Wenn jetzt die Schulen anfangen, die Schüler ernst zu nehmen und Flugreisen für Klassenfahrten streichen, wie wäre das?

Man kann schöne Reisen machen ohne zu fliegen. Darunter würde niemand leiden.

Was müsste konkret passieren, damit Sie aufhören zu demonstrieren?

Die Politik muss einen verbindlichen Plan vorlegen, wie das Ziel des Pariser Klimaabkommens erreicht werden kann, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wenn der Kohleausstieg bis 2030 kommt und die Verkehrs- und Agrarwende in den nächsten Jahren gestaltet wird, können wir aufhören zu streiken.

Wollen Sie bis dahin jeden Freitag in der Unterrichtszeit demonstrieren?

Ja. In vielen Städten wird aber erst nach Schulschluss demonstriert, das ist auch eine Option. Die meisten Schüler lassen sowieso nicht den ganzen Tag ausfallen. Ist die Demo um eins, gehen sie davor in die Schule, ist sie um zehn, danach wieder.