„Fridays for Future“ in Stuttgart Deshalb gehen Schüler in Stuttgart auf die Straße

Von Theresa Ogando 

Tausende Schüler im Land haben am Freitag die Schule geschwänzt, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. In Stuttgart war die Gruppe vergleichsweise klein, aber entschlossen: Einige Teilnehmer riskierten einen Eintrag ins Klassenbuch.

Schüler bei der Demonstration am Freitag auf dem Stuttgarter Marktplatz Foto: dpa 5 Bilder
Schüler bei der Demonstration am Freitag auf dem Stuttgarter Marktplatz Foto: dpa

Stuttgart - Es ist kalt auf dem Stuttgarter Marktplatz. Trotzdem stehen an diesem Freitag um 11 Uhr einige Schüler vor dem Rathaus und rufen „Hopp, hopp, hopp, Kohlestopp.“ Viele haben selbstgebastelte Plakate mitgebracht. Es ist unter anderem zu lesen: „Dies ist eine Krise … kein Wandel“ oder „I’m sure the dinosaurs thought they had time too“ („Ich bin mir sicher, die Dinosaurier dachten auch, sie hätten noch Zeit“).

Einer der Organisatoren hat ein Megafon dabei und singt in der Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“ „Wehrt euch, leistet Widerstand gegen die Braunkohle hier im Land“. Als alle im Kanon singen, klingt die Menge dann fast wie ein Kirchenchor.

Bundesweit hat die „Fridays for Future“-Bewegung zum Schulstreik für den Klimaschutz aufgerufen. In Stuttgart kamen circa 200 Menschen. Im Landesvergleich ist das wenig. In Tübingen kamen um die 400 Schüler, in Freiburg streikten über 3500 an diesem Freitagmorgen. Die Stuttgarter Organisatorin Yvonne Sauter ist trotzdem zufrieden: „Es sind zehnmal so viele wie die letzten Male.“ Die Stimmung auf dem Marktplatz ist trotz Kälte gut. „Das ist der Aufstand der Jugend. Viva la revolución“, ruft einer der Organisatoren des Streiks in sein Megafon.

Manchen droht jetzt ein Eintrag ins Klassenbuch

Lara hat ein Schild mit „Stop eating animals“ mitgebracht und sagt: „Wir wollen zeigen, dass wir etwas ändern wollen. Dass es uns nicht egal ist.“ Sie ist zusammen mit neun anderen der St.-Wolfgang-Schule aus Reutlingen angereist. Die Schulleitung und Lehrer an ihrer Schule unterstützen das, aber nicht alle Eltern. „Manche durften nicht mit, weil sie die Einverständniserklärung von ihren Eltern nicht bekommen haben“, erzählt Lara.

Aber nicht alle Schulleitungen befürworten die Teilnahme an dem Streik. Paulina und Viktoria von der Berufsfachschule Böblingen sind die einzigen aus ihrer Schule, die gekommen sind. Ihnen droht jetzt ein Eintrag ins Klassenbuch. Viele ihrer Schulkameraden wollten deshalb lieber nachmittags auf die Demonstration auf dem Schlossplatz gehen. „Wir schwänzen heute zum ersten Mal die Schule. Das ist uns die Aktion wert“, sagen Viktoria und Paulina. Sie stehen in der ersten Reihe des Streiks. „Es ist schade, dass wir hier sein müssen, weil die Erwachsenen es nicht auf die Reihe kriegen.“ Die beiden versuchen im Alltag Plastik zu vermeiden, essen kein Fleisch und heben auch manchmal Müll auf. „Wir müssen das jetzt ausbaden“, sagen sie. Die ursprüngliche Ideengeberin der Proteste ist die schwedische Schülerin Greta Thunberg. Die Aktivistin demonstriert nach eigenen Angaben seit Monaten immer freitags gegen den Klimawandel.

Die Menge ruft „Klimaschutz, Klimaschutz“ eine ältere Frau läuft zufällig am Rathaus vorbei und beginnt zu klatschen. Obwohl sich die Bewegung an junge Menschen richtet, sind einige ältere gekommen. Darunter der 65-jährige Tom Adler. Er ist einer derjenigen, die immer noch jeden Montag gegen Stuttgart 21 demonstrieren. 15 bis 20 von ihnen sind zu dem „Fridays for Future“-Streik gekommen. „Die Älteren tun sich mit den Jüngeren zusammen. Eine der Organisatorinnen von „Fridays for Future“ wird nun auch am Montag auf der Stuttgart 21 Demo sprechen“, so Adler. Der 65-Jährige möchte die Jugendlichen bei ihrem Streik unterstützen: „Es ist überfällig, dass die Jugend etwas tut. Ich hoffe es entwickelt sich noch eine breitere Bewegung daraus.“ Er glaubt die Bewegung könne durch die mediale Aufmerksamkeit, die sie erhält, etwas bewegen. „Man kann aber ruhig noch frecher werden. Zum OB zu spazieren wäre auch nicht schlecht gewesen“, sagt er.

Auch ein Lehrer ist mit seiner Klasse dabei

Um 12 Uhr ist die Menge schon lauter. Bei „Hopp, hopp, hopp, Klimastopp“ springen die Streikenden nun. Durch das Megafon ertönt: „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle.“ Drei Jungs aus der 12. Klasse des Gerlinger Gymnasiums stehen am Rand der Demonstration. „Wir finden die Idee gut und sind auch aus Überzeugung hergekommen. Die Umsetzung finden wir jedoch fragwürdig. Uns fehlen hier konkrete Vorschläge“, erzählen sie. Die Organisatoren verteilen schwarze Karten. „Gelb reicht nicht mehr, rot reicht nicht mehr, deshalb zeigen wir die schwarze Karte“, rufen sie.

Ein Religionslehrer vom Königin-Olga-Stift-Gymnasium ist mit seiner siebten Klasse zum Streik gekommen. „Hier können die Kinder lernen, wie guter Widerstand geht. Der Streik passt auch gut zum Unterricht, denn wir nehmen gerade Propheten durch. Noch nie war uns so klar, was auf uns zu kommt, hatten alle Möglichkeiten und tun so wenig.“

Sein Schüler Konstatin sagt: „Ich finde es gut, dass jemand was macht. Ich denke beim Einkaufen meistens nicht an Klimaschutz und nehme dann oft doch eine Plastiktüte. Aber nach dem ich jetzt die Sprüche heute gehört habe, werde ich mehr darüber nachdenken.“

Für nächste Woche ruft die „Fridays for Future“-Bewegung bundesweit zur Demonstration vor dem Wirtschafts- und Energieministerium in Berlin auf – denn dort wird die Tagung der Kohlekommission stattfinden.

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