Friedemann Vogel und das Stuttgarter Ballett Im Höhenflug

Ein Tänzer hebt ab: Von Stuttgart aus erobert Friedemann Vogel die Welt des Balletts. Foto: Roman Novitzky

In der Spielzeit 1998/99 begann Friedemann Vogel seine Karriere beim Stuttgarter Ballett. Eine große Rolle hat der Weltstar tatsächlich noch nie getanzt und gibt nun darin sein Debüt.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - Ein „Schwanensee“ in Stockholm, ein Ballettfestival in Tokio, eine Gala in Moskau mit der Bolschoi-Primaballerina Olga Smirnova, eine Uraufführung in neuen Dior-Kostümen in Rom und demnächst „Giselle“ an der Seite von Polina Semionova in Zürich: Ein Blick in den Kalender auf Friedemann Vogels Internetseite genügt, und man weiß, dass man es mit einem Global Player seiner Kunst zu tun hat.

 

Friedemann Vogel sei der Jonas Kaufmann des Balletts, erklärte neulich jemand den Status des Superstars unter den Solisten des Stuttgarter Balletts. Der Tänzer, der sich zwischen zwei Proben in Stuttgart Zeit für ein Gespräch nimmt und dafür die Mittagspause opfert, findet den Vergleich gar nicht schlecht, auch wenn das Ballett dabei im Schatten der Oper stehe. „Wichtig ist doch, dass ein anderes Publikum sich ein Bild machen kann und so der Zugang zum Ballett erleichtert wird“, sagt Friedemann Vogel.

Werbung fürs Ballett? In Stuttgart, wo Friedemann Vogel nunmehr seit zwanzig Spielzeiten engagiert ist und zum Kammertänzer ernannt wurde, ist das kaum nötig. Und doch schlüpft der Tänzer trotz seines hohen Arbeitspensums immer wieder in die Rolle des Botschafters für seine so schöne wie flüchtige Kunst. Denn dass er für Modezeitschriften wie die „Vogue“ oder „Harper’s Bazaar“ vor die Kamera tritt und Haute Couture auf ungewöhnliche Weise präsentiert, hat nicht damit zu tun, dass er seinen bestens trainierten Körper auf einer weiteren Bühne zeigen will. „Wenn Anfragen von Modezeitschriften kommen, mache ich eine Zusage davon abhängig, ob zu den Fotos auch ein Interview erscheinen soll“, sagt Friedemann Vogel. „Ballett und Mode sind eng verknüpft. Und das ist doch eine gute Sache, um meine Kunstform mal einem anderen Publikum zu präsentieren und fürs Ballett zu werben.“

Ein Tänzer mit Mission

Zudem mache ihm die Arbeit mit Fotografen viel Spaß. „Das sind sehr begabte Künstler mit tollen Visionen“, erklärt er seine Sympathie und weiß, was wiederum Modefotografen an Tänzern schätzen: „Models wissen, wie sie gut aussehen, das führt zu immer ähnlichen Posen. Aber Tänzer können auch Emotionen vermitteln. Gefühle durch Fotografie festzuhalten interessiert mich sehr.“ Wie gut Friedemann Vogels Ballettmission funktioniert, zeigt die Zusammenarbeit mit seinem fotografierenden Kollegen Roman Novitzky. Ein Motiv vom Eckensee, das Friedemann Vogel als Ballettpropheten zeigt, der übers Wasser tanzt, wurde zum Klickstar im Internet. Nun haben die beiden ein neues Stuttgart-Bild am Start: Es hält Friedemann Vogel im Sprung vor einem Panorama der Stadt fest, das Gesetz der Schwerkraft scheint der Ausnahmetänzer für einen Moment außer Kraft zu setzen.

Kaum zu glauben, dass einem wie ihm Traumrollen bleiben, die er noch nie interpretiert hat. Noch offen auf der Wunschliste von Friedemann Vogel ist der Kronprinz Rudolf in Kenneth MacMillans Ballett „Mayerling“. Einladungen von anderen Kompanien für Gastauftritte in dieser Rolle hatte er viele, zeitlich hat es nie gepasst. Als letztes Jahr eine aus Moskau kam, sagte er ab – auf Bitten des neuen Stuttgarter Intendanten; Tamas Detrich wünschte sich für das Handlungsballett, das er nach Stuttgart holen wollte, auch Vogels Debüt hierher.

Nun laufen die Proben auf Hochtouren, am 18. Mai ist Premiere. Als große Herausforderung beschreibt der Tänzer die neue Rolle, „körperlich wie mental“. „Es gibt viele Pas de deux und Variationen, Rudolf ist nonstop auf der Bühne“, sagt Friedemann Vogel. Belastend findet er die Verkörperung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers, der mit seiner Geliebten in den Tod geht, „weil es immer nur um Depressionen und Konflikte geht. Es gibt nie einen Moment, in dem er glücklich ist und sich freitanzen kann“.

Eine Rolle, die aufs Gemüt geht

Die intensive Persönlichkeit Rudolfs verfolge ihn am Abend bis nach Hause, erzählt Friedemann Vogel. „Die Schwierigkeit ist, sich selbst in dieser Figur zu finden. Als Tänzer, der nur mit dem Körper kommunizieren kann, darf man sich nicht verstellen, sondern muss eine Rolle tatsächlich verkörpern. Bei Rudolf geht mir das echt aufs Gemüt“, sagt Friedemann Vogel, der das So-Sein dieser Figur aber durchaus nachvollziehen kann: „Rudolf ist jemand, der als Kind misshandelt wurde. Er ist militärisch ausgebildet und dazu erzogen, die Monarchie weiterzuführen. Dabei ist er ein musisch veranlagter Typ. Seine Verzweiflung, seine Verrücktheit ist eine Antwort auf eine Erziehung, die überhaupt nicht zu seinem Charakter passt“, sagt Vogel und deutet an, wo die Aktualität dieses Stücks liegen könnte.

Ein schwieriger Stoff. „Aber das Stuttgarter Publikum, das sich mit Themen intensiv auseinandersetzt, ist sicherlich bereit für ein solches Stück“, sagt Friedemann Vogel. Und so, wie er es sagt, spürt man eine tiefe Verbundenheit. „Hier ist meine Heimat und ein Teil von mir“, fügt der gebürtige Stuttgarter hinzu. „Ich bin unglaublich gerne hier, das Stuttgarter Ballett ist meine Basis und gibt mir Halt.“ Klar ist für den Weltstar aber auch, dass er es ohne die Erfahrung aus vielen Gastauftritten nie nach ganz oben geschafft hätte. „Nur an einem Ort wäre mir das nicht gelungen“, sagt er.

Denkt der Tänzer, der in diesem Jahr seinen vierzigsten Geburtstag feiert, ans Ende seiner aktiven Karriere? „Durch eine Verletzung kann das jederzeit da sein“, gibt Vogel zu bedenken. Doch eigentlich fühle er sich besser in Form als am Anfang seiner Karriere. „Als junger Tänzer braucht man Zeit, bis man sich und das Wissen um seinen Körper gefunden hat.“ Seine Erfahrungen an den Nachwuchs weiterzugeben könnte ein Arbeitsfeld für die Zukunft sein.

Die Welt der Mode und Kostüme, die er in Zusammenarbeit mit seinem Lebenspartner Thomas Lempertz erkundet hat, sei für ihn persönlich keine Perspektive. „Das war ein Ausflug, aber nichts, was mich erfüllen würde“, hat Friedemann Vogel erkannt. „Erfüllung gibt mir nur der Tanz“, sagt er, „ihm will ich treu bleiben. Er gehört zu mir, seit ich denken kann, und er wird immer ein Teil von mir bleiben.“ Wie, das wird sich bei einem wie ihm sicherlich finden.

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