Friedhofskrise in Großbritannien Platznot auf dem Totenacker

Von Jochen Wittmann 

Den Briten gehen die Grabstätten aus. Das Problem ist: die meisten Ruheplätze auf Friedhöfen werden nur ein einziges Mal belegt. Die Verantwortlichen ergreifen nun ungewöhnliche Maßnahmen.

Wohin mit den Toten? Auch auf dem Highgate Cemetery in London wird es eng. Foto: dpa
Wohin mit den Toten? Auch auf dem Highgate Cemetery in London wird es eng. Foto: dpa

London – Britische Totenäckern droht eine Krise. Da auf staatlichen Friedhöfen Gräber nicht wiederbelegt werden, wird der Platz langsam knapp. Wie eine Umfrage des Rundfunksenders BBC herausfand, klagt fast die Hälfte aller kommunalen Friedhofsverwaltungen über eine drohende Platznot. In sieben innerstädtischen Bezirken Londons sind die Friedhöfe voll, in weiteren 15 Stadtteilen ist die Lage problematisch bis kritisch. Man ergreift ungewöhnliche Maßnahmen. Parkplätze und Gehwege werden umgepflügt, damit Raum für neue Gräber entsteht. Andere Kommunen sehen keinen anderen Ausweg, als ihr Toten zu exportieren.

Schuld an dem Problem sind die unterschiedlichen Regelungen auf kirchlichen und kommunalen Friedhöfen. Während es bei der Church of England, deren letzte Ruhestätten in der Regel klein sind, nach kanonischem Recht durchaus erlaubt ist, Gräber nach 50 oder 75 Jahren wiederzubelegen, wird diese Praxis bei kommunalen Friedhöfen, der großen Mehrheit aller Grabfelder, nicht gestattet. Dort kaufen die Kunden ihr Grab „in perpetuity“, also für die Ewigkeit, und ein Recycling von letzten Ruhestätten ist damit nicht möglich. Nachdem Schätzungen ergaben, dass den etwa 130 Friedhöfen Londons spätestens im Jahr 2019 der Platz ausgeht, wurde für die Hauptstadt 2007 eine gesetzliche Regelung getroffen, die eine Wiederbelegung von Gräbern nach 75 Jahren erlaubt. Im Rest des Landes gilt dieses Gesetz jedoch nicht.

Mehr Einäscherungen? Das ist auch nicht die Lösung

Die logische Folge ist: in spätestens zwanzig Jahren werden auf fast der Hälfte aller britischen Friedhöfe die Grabstätten ausgehen. Die mögliche Abhilfe, die Briten von den Vorteilen der Einäscherung zu überzeugen, dürfte nichts bringen. Schon jetzt ist Großbritannien das führende Land in Europa, was den Anteil an Feuerbestattungen angeht. Ungefähr drei Viertel aller Toten werden – schon aus Kostengründen – kremiert. Aber für muslimische und jüdische Mitbürger ist diese Form der Bestattung inakzeptabel. Außerdem wird oft auch trotz Kremation Raum auf den Friedhöfen benötigt, wenn eine Urnenbestattung gewünscht wird.

„Wir haben es hier mit einem wirklich ernsten Problem zu tun“, sagt Julie Rugg, die Leiterin der Forschungsgruppe Friedhöfe an der Universität York und Beraterin der Regierung. „Beerdigungen werden immer teurer, manchmal unerschwinglich. Und Beerdigungen sind in zunehmendem Maße nicht mehr lokal, wenn wir unsere Toten oft zum nächsten Dorf oder zur größeren Stadt exportieren müssen.“ Rugg macht das Justizministerium, in deren Zuständigkeitsbereich die Friedhöfe fallen, verantwortlich für die Krise. „Es ist nicht nur ein Problem Londons oder eines der größeren Städte“, kommentiert sie die Umfrageergebnisse der BBC. „Zum ersten Mal sehen wir, wie verzweifelt die Lage im ganzen Land ist.“

Das Problem ist schon länger bekannt, doch keine der großen Parteien hat sich bisher zu einer gesetzlichen Lösung durchgerungen, obwohl Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung keine Einwände gegen eine Wiederbelegung von Gräbern hätte. Seit Amtsantritt der konservativ-liberalen Regierungskoalition vor drei Jahren hat sich der zuständige Fachausschuss im Justizministerium kein einziges Mal getroffen. „Ich weiß nicht, wie viele Beweise mehr auf den Tisch müssen“, klagt Julie Rugg, „bevor das Justizministerium anerkennen will, dass dies wirklich eine Krise ist.“