Friedrich Christian Delius im Interview Eine schwierige Doppelrolle

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Wie fand das Ihr eigener redegewandter Pfarrer-Vater?

Ich führe mein Verhalten ja im Buch darauf zurück, dass der Vater die Wortmacht hatte. Der Vater kann dem ganzen Dorf diktieren, was gut und richtig ist, und er spricht immer als Vertreter des Vaters im Himmel und für mich auch als mein leiblicher Vater - für das Kind eine ganz schwierige Doppelrolle. Als Kind denkt man darüber nach und findet keine Erklärung. Also schweigt man. Es war für mich teilweise eine fürchterliche Zeit. Ich suchte meine Fluchten. Die eine ging in Richtung Sportplatz oder in die Wälder, raus, frische Luft, die andere Flucht führte in die Welt der Bücher. Später sagte ich mir, wer schweigt und stottert, mag ein besonderer Liebhaber der Sprache sein.

Man hat als Leser dieser Erzählung über das Berner WM-Spiel den Eindruck, dass der elfjährige Junge während des Spiels ein paar Zentimeter größer wird.

Ich habe in diesem Buch versucht, so autobiografisch wie möglich zu sein und die Gefühle zu beschreiben, die ich damals hatte. Wie mir das Bein zuckte, als Rahn schießen sollte. Ja, der Junge ist an diesem Sonntag ein Stück gewachsen.

Elfeinhalb Jahre vor diesem Sonntag, da waren Sie noch gar nicht auf der Welt, betrachten wir noch ein Porträt, nämlich das "Bildnis der Mutter als junge Frau". Wie kam es dazu?

Nach dem Weltmeister-Buch, das ja auch ein Buch über den Vater war, wollte ich etwas über meine Mutter schreiben.

Das Buch schildert in einem einzigen langen Satz den Gang der hochschwangeren jungen Frau durch Rom...

Zu einem Konzert in der deutschen evangelischen Christuskirche in der Via Sicilia.

Wo Ihr Vater Pfarrer war.

Wo er der zweite war, der Hilfspfarrer. Aber er war auch Soldat, und zum Zeitpunkt der Geschichte war er an der Front in Nordafrika. Es werden in diesem Buch die Gedanken dieser jungen Frau, meiner Mutter, geschildert über die Stadt, über den Krieg, ihren Mann, ihre unklare Zukunft, über die ihr unverständlichen Katholiken, alles aus der Perspektive einer 21-jährigen, wenig gebildeten, jungen deutschen Frau aus der Provinz.

Wenige Wochen später wurden Sie in Rom geboren. Jetzt leben Sie wieder in hier Rom. Seit wann?

Seit zehn Jahren. Ich habe hier meine Frau kennengelernt, die hier ihre Arbeit hat. So scheint sich etwas gerundet zu haben, ich koste das aus.




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