Friedrich Hecker "Meine Rechnung mit der alten Welt ist abgeschlossen"

Von  

Doch Resolutionen und Kundgebungen sind eine Sache, zur Waffe greifen und Haus und Hof verlassen eine andere. Die Massen folgten Hecker und Struve nicht in den Kampf. Auch der zweite Badische Aufstand ein Jahr später brachte nicht die Republik. Immerhin, der Großherzog floh für einige Wochen aus der Karlsruher Residenz, und eine provisorische Revolutionsregierung unter Lorenz Brentano griff zur Macht.

Die Invasion einer preußischen Übermacht zertrat auch diesen Aufstand. Friedrich Hecker hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Farmer in Illinois niedergelassen. Die badische Revolutionsregierung rief die Galionsfigur zu Hilfe, doch er kam, als die Revolutionsarmee bereits in heller Auflösung in die Schweiz floh. "Meine Rechnung mit der alten Welt ist abgeschlossen", schrieb Hecker daraufhin. "Keine Epoche der Weltgeschichte weist in einer so gewaltig bewegten Zeit einen so offenbaren Bankrott an Genies oder großen Charakteren auf als die jetzige."

Damit klingen die meisten Hecker-Biografien aus. Kurt Hochstuhl, der Leiter des Staatsarchivs in Freiburg, hat mit einem kleinen, aber wichtigen Büchlein nun dankenswerterweise detailliert beschrieben, wie sich der badische Revolutionär als Einwanderer in der Neuen Welt im besten Sinne als Homo politicus zu seinen Überzeugungen bekannte und bis zu seinem Lebensende unermüdlich für Demokratie und Freiheit kämpfte.

Für Bismarcks Politik hatte er rein gar nichts übrig

Doch nicht - wie man annehmen könnte - die demokratische, sondern die republikanische Partei wurde zur Heimat der massenhaft aus deutschen Obrigkeitsstaaten nach Amerika Ausgewanderten. Friedrich Hecker, das Idol der emigrierten 48er-Revolutionäre (der "Forty-Eighters"), trug dazu bei, dass die Republikaner zur Präsidentenpartei wurden: Er war als Wahlmann und Wahlkampfredner für Abraham Lincoln aktiv. Und er förderte den Aufstieg des berühmtesten deutschen Auswanderers: Carl Schurz, 1848 noch ein Student, brachte es zum Staatssekretär des Inneren, höher stieg kein deutscher Emigrant in Amerika.

Hecker ließ sich im Kampf gegen die Sklaverei 1861 sogar noch einmal militärisch in die Pflicht nehmen und wurde als Oberst in einem Gefecht verwundet. Aber ruhmreich endete auch diese Episode nicht, er hatte begrenzte militärische Kompetenzen und zerstritt sich mit Kommandeuren. Seinem Ansehen tat dies keinen Abbruch und auch nicht, dass er keine Frauen in der Politik sehen wollte. Seine Wahlkampfauftritte für die Republikaner waren von Tausenden Anhängern besucht, er konnte wie kaum ein anderer die Massen begeistern.

Ein einziges Mal kehrte Hecker noch nach Deutschland zurück, das durch Preußen nach dem "70er"-Krieg gegen Frankreich im Spiegelsaal von Versailles nach Fürstenart vereint worden war. 1873 besuchte Hecker in Freiburg seinen Bruder Karl und auch seinen Freund und Kampfgefährten Carl Mez, dem zugleich frommen und radikalen Textilfabrikanten und sozialen Wohltäter. "Es mag ein politischer Fortschritt sein, verglichen mit der düsteren Reaktion der 50er Jahre", räumte Hecker ein, aber für Bismarcks Politik hatte er rein gar nichts übrig.

Er hinterließ die "Amerikanerrebe"

Hecker hinterließ seiner Heimat etwas, das ihn überdauerte: Mit dem Begründer der badischen Weinkunde, dem Professor Adolph Blankenhorn aus Schliengen im Markgräflerland, korrespondierte Hecker nicht nur, er schickte ihm auch Traubenkerne zum Anbau. Die reblausresistente "Amerikanerrebe" hat bis heute überlebt, wenn auch nur in Nischen.

Hecker starb am 24. März 1881 im Alter von 77 Jahren in St. Louis/Missouri. In Sinsheim und in Radolfzell am Bodensee gibt es Schulen, in einigen Städten Straßen, die nach ihm benannt sind. Der SPD-Kreisverband Konstanz verleiht jährlich den Heckerhut, zuletzt an den Münchner Oberbürgermeister Christian Ude. In seiner badischen Heimat hat man den gescheiterten Revolutionär Hecker bis heute nicht vergessen.

Kurt Hochstuhl: Friedrich Hecker - Revolutionär und Demokrat. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart. 124 Seiten, 18,90 Euro.

Unsere Empfehlung für Sie