Friedrichsbau-Varieté Eine Party zum Geburtstag
Die Totgesagten leben länger. Bomben, Geschäftemacher, der Zeitgeist versuchten dem Varieté den Garaus zu machen. Nun feiert es den 30. Geburtstag. Aber ist es nicht viel älter?
Die Totgesagten leben länger. Bomben, Geschäftemacher, der Zeitgeist versuchten dem Varieté den Garaus zu machen. Nun feiert es den 30. Geburtstag. Aber ist es nicht viel älter?
Mit Adam Riese kommt man nicht weiter. Um das Alter des Friedrichsbau Varietés zu ermitteln, bedarf es mehr als der Grundrechenarten, das ist schon höhere Mathematik. Eröffnet wurde es 1900 in einem Jugendstilbau an der Friedrichstraße, 1943 trafen Bomben das Haus, es brannte aus, wurde 1955 abgerissen. Danach vagabundierte das Varieté viele Jahre durch die Stadt, gastierte auf dem Killesberg oder im Schlossgarten, ehe es 1994 eine neue Heimat fand. Fast an alter historischer Stelle, in der Rotunde der L-Bank. Die Bank finanzierte das Varieté lange Jahre, ehe sie im Dezember 2012 erst das Sponsoring einstellte und dann die Räume kündigte. 2014 zog das Varieté dann auf den Pragsattel.
Man hat also die Wahl der Qual. Vor 124 Jahren wurde das Varieté eröffnet, vor 30 Jahren mit „Kapriolen“ von André Heller neu eröffnet, vor zehn Jahren eröffnete es am neuen Standort auf dem Pragsattel. Die Macher um Geschäftsführer Timo Steinhauser und den Künstlerischen Leiter Ralph Sun haben nun so gerechnet, dass sie dieses Jahr feiern können: 2024 wird das 30-Jahr-Jubiläum zelebriert. Des neuen Varietés also. Zunächst einmal mit einer Gala am Samstag, 24. Februar, zu der viele Wegbegleiter und Wegbereiter geladen sind.
Und dann natürlich mit drei neuen Shows im Jubiläumsjahr. Im Frühjahr kommt „Cirque“, die Geschichte eines Wanderzirkus. In „Generations“ wird es im Herbst um Alt und Jung gehen. In „The Ballroom“ wird von November an die Nacht hindurch getanzt. Es gibt ein Gewinnspiel, Ermäßigungen, die BWPost hat dem Varieté Sondermarken zum Geburtstag geschenkt und man kann sich das Haus anschauen, und sehen, was alles passiert, wer alles Hand anlegt, bis eine Show auf der Bühne gezeigt werden kann samt Menü der Firma Schmücker.
Sie haben sich eingerichtet oben am Pragsattel. Dabei sah es 2012 so aus, als müsste das Varieté, das einst von Willy Reichert geleitet wurde, und in dem Rastelli, Grock, Josephine Baker, Joachim Ringelnatz und Caterina Valente auftraten, schließen. Eine lange Tradition schien zu Ende zu gehen. Doch nach dem Rückzug der L-Bank und des Besitzers Deutsche Entertainment AG trat das Team um die Geschäftsführer Gabi Frenzel und Timo Steinhauser die Flucht nach vorn an und gründete eine gemeinnützige GmbH. Dank Morgengaben der Stadt in Höhe von 600 000 Euro und eines städtischen Darlehens von 475 000 Euro gelang der Umzug in ein eigenes Theater auf dem Pragsattel.
Auch weil allen Beteiligten bewusst war, welches historisches Erbe sie bewahrten. Steinhauer ist mittlerweile alleiniger Geschäftsführer, er erinnert sich: „Wir waren uns des Risikos bewusst, aber Stuttgart ohne Varieté, das konnten wir uns nicht vorstellen.“ Es mag erstaunen, zumal die Einheimischen, die ja nicht immer die beste Meinung von ihrer Stadt haben. Aber Stuttgart war in der Tat seit 1900 eine der Hochburgen der Varieté-Kunst. Die schwarze Tänzerin Josephine Baker durfte Mitte der Zwanziger-Jahre in München wegen „Verletzung des öffentlichen Anstands“ nicht auftreten, in Stuttgart schon. Hier wurde sie gefeiert.
Die Nazis versuchten das Varieté an die Kandare zu nehmen, Direktor Willy Reichert lotete aber immer wieder Spielräume aus. Einmal betrat er mit erhobenem rechtem Arm den Saal. Als das Publikum den Hitlergruß erwidern wollte, sagte er: „So hoch habe ich meine Küche mit Ölfarbe gestrichen.“ Die Tänzerin Vera Martin posierte im Programmheft – gänzlich nackt. Und Mathea Merryfield trat 1938 und 1939 in Stuttgart auf. „Amerikas schönster Revuestar“ trug dabei nur Schleier und Fächer. Einmal verpasste dabei der Dirigent seinen Einsatz. Offenbar gebannt vom Anblick vergaß er, dem Beleuchter den vereinbarten Wink zu geben. Am Ende ihres Auftritts breitete Merryfield die Arme mit den Fächern aus, das Licht blieb an. Sehr zur Freude des Publikums. Heute würde man das Burlesque nennen.
Als das Varieté 1994 nach langer Wanderschaft wieder an seiner fast historischen Stätte ankam, war dies der Beginn einer Renaissance des Varietés. Der Tigerpalast in Frankfurt, der Wintergarten in Berlin, das Apollo-Varieté in Düsseldorf,der Kristallpalast in Leipzig folgten. Und 2007 ging erneut ein Impuls von Stuttgart aus. Auf Bernhard Paul folgte Ralph Sun als künstlerischer Leiter. Der war eigentlich Musiker, hat bei einer langen Reise durch Indien von einem Lehrmeister den Namen Sun – Sonne bekommen. Zurück in Stuttgart lernt er einen Beleuchter des Friedrichsbaus kennen, entschied sich gegen eine geplante Reise nach Tibet und begann im Varieté als Bühnentechniker.
Er lernte von der Pike auf: Stellvertretender Inspizient, Inspizient, Regieassistent,bei „Revue der Elemente“ führt er 2007 erstmals Regie. Eine Nummernrevue, leidlich verbunden durch einen Possenreißer, ist seine Sache nicht. Bei „Revue der Elemente“ illustrierten Bildprojektionen das Geschehen, führte Franziska Becker durchs Programm – sie sagte kein Wort, sang nur. Jede Show bekommt ein Motto, will eine Geschichte erzählen, Artisten, Bühnenbild, Kostüme, Musik sollen eine Einheit bilden. Heute ist das fürs Stuttgarter Publikum normal, damals war es eine Gratwanderung. Neue Gäste anzulocken, ohne die alten zu erschrecken, „Evolution statt Revolution“, nennt Sun dies. So erblickte die erste große Burlesque-Show, die mehr war als nur serielles Ausziehen, das Licht der Welt und erwies sich als stilbildend. Nicht nur in Stuttgart ist dies seitdem ein Selbstläufer. Modernes Varieté, das ist ein Ensemble, das nicht nur zusammen auftritt, das zusammen spielt.
Doch kehren wir zur hohen Kunst der Mathematik zurück. In 30 Jahren fanden 360 verschiedene Shows statt, 118 waren Eigenproduktionen. 2,2 Millionen Besucher kamen, sie sahen 2400 Künstler aus 36 Ländern. Eine Erfolgsgeschichte. Sie soll weitergehen. Aber an anderer Stelle. Das Varieté wird in einen Anbau hinter dem Theaterhaus ziehen. 2029 soll es so weit sein. Ob das klappt bis zu diesem Zeitpunkt? Das sei dahingestellt. Wann Bauprojekte in dieser Stadt fertig sind, da kommt man mit Adam Riese nicht weiter.