Friedrichsbau Varieté Körpergedichte und andere Attraktionen

Von Michael Werner 

„Magic Vampires“ heißt das womöglich letzte Programm im Stuttgarter Friedrichsbau Varieté. Manches überzeugt – manches nicht.

Der Artist namens Tigris bietet Ringkunst. Foto: factum/Granville
Der Artist namens Tigris bietet Ringkunst. Foto: factum/Granville

Stuttgart - War’s das? Endet mit „Magic Vampires“ das, was vor bald zwanzig Jahren unter der künstlerischen Leitung von Bernhard Paul als Friedrichsbau Varieté begann und seit rund sieben Jahren unter der Regie von Ralph Sun uhrwerkähnlich weiterläuft? Gabriele Frenzel, die Geschäftsführerin, hat entgegen dem jahrelang praktizierten Vier-Programme-Pro-Jahr-Schema diesmal das Herbst- und das Winterprogramm der besonderen Umstände wegen zusammengelegt. Die magischen Vampire laufen – sofern sich nichts anderes ergibt – bis zum Schluss. Bekanntlich wurde dem Varieté von der L-Bank, die es auch nicht mehr sponsern will, zu Ende Januar 2014 der Pachtvertrag gekündigt.

Aber Frenzel hofft auf einen Umzug in ein Zelt in der Nähe des Theaterhauses. Die Stadt hätte Unterstützung angekündigt, sagt sie, und weil ein Umzug im Winter schwierig sei, „stellen wir uns das so vor, dass wir bis Mai hierbleiben“. Fix ist noch nichts, aber Frenzel bekundet in ihrer kleinen Ansprache vor der Premiere: „Wir sind nicht mehr so deprimiert.“

Die Depression scheidet als Thema der Show, die die letzte sein könnte, also aus. Ein großes, funkelndes Trotzdem-Statement ist das vampirisch betitelte Programm, das sich als Rahmenhandlung das Warten auf einen Grafen ausgesucht hat, aber auch nicht geworden. Statt dessen widmet sich „Magic Vampires“ den Basics mehr oder weniger gepflegter Abendunterhaltung: Die beiden eifrig kleine Zaubertricks vorführenden Conférenciers, Jorgos Katsaros und Raymond van Hopman, machen also Griechen- und Holländerwitze der bekannten Sorte, sie versuchen ihre Pointen auf Finanzen und Wohnwagen zu bauen und verlieren die Vampire dabei zunehmend aus dem Blick. Kostprobe: „Er trinkt Ouzo, was machst du so?“ Auch ihr Trick, bei dem mit einer Zigarette scheinbar ein Loch ins Sakko eines Zuschauers gebrannt wird, gehört nicht zum Innovationsarsenal gehobener Varietékunst.

Artistik plus Poesie heißt die Lösung

Die tanzende Jongleurin Iryna Bondarenko widmet sich ebenfalls ausgiebig der Basis ihrer Kunst: Lange hantiert sie mit drei Bällen, was man von privaten Feiern kennt. Denn wenn es mehr Bälle werden, fallen sie gerne mal runter. Und ein Artist namens Tigris verweilt bei seiner Hula-Hoop-Nummer lange mit einem einzigen Reifen, kann dann aber mehr.

Der Höhepunkt in punkto Varieté für Einsteiger gelingt jedoch der Großillusionistin Sittah, die sich als Hardrocksängerin Doro Pesch verkleidet hat, und deren Assistentinnen gruslig die Zähne fletschen. Allein, es hilft nichts: Der in den Kasten gestopfte Partner will sich partout nicht wegzaubern lassen: Da wird die Kiste geöffnet, und siehe da: Der Typ mit der Halloween-Schminke im Gesicht kauert immer noch in seinem Quader. Trick missglückt.

Bescheidenheit trifft auf Größenwahn

Aber es ist ja auch schwer, mit Jahrmarktattraktionen zu punkten, in Zeiten, in denen das Internet Sensationen per Mausklick verheißt und der urlaubende Büromensch lässig die Welt umrundet. Eine Lösung könnte lauten: Artistik plus Poesie. Und genau mit dieser Formel arbeitet die famose Trapezkünstlerin Vanessa Lee: Wenn man ihren ausdrucksstarken Körpergedichten über den Köpfen des Publikums zusieht, dann erschließt sich plötzlich die Einzigartigkeit gelungener Varietékunst, die immer dann am stärksten bannt, wenn Bescheidenheit auf Größenwahn trifft.

Überhaupt wird es bei der Premiere nach der Pause besser: Tigris, der Hula-Hoop-Artist, kommt als wundersamer Kontorsionist wieder, dessen obskure Verrenkungen tatsächlich in die Traumwelt deuten, in die einen gelungene Varietékunst im besten Fall einen Abend lang entführt. Und Mikhail Stepanov, der zuvor eine Strapatennummer gezeigt hatte, gelingt nun mit einem Metallring namens Cry-Wheel eine Art akrobatische Meditation, die lose ans Rhönradturnen erinnert aber zugleich etwas ganz eigenes schafft. Bei Acts wie diesen stellt sich tatsächlich dieses Wow,-dass-das-geht-!-Staunen ein, das sich die Fans des Friedrichsbau Varietés für dessen Zukunft wünschen.