Friseursalon am Stöckach Härle macht Schluss mit Kamm und Schere

Von Fatma Tetik 

Der Friseurmeister Heinz Härle verabschiedet sich nach vielen Jahren am Stöckachplatz in den Ruhestand. Viele langjährige Kunden sind jetzt ein bisschen ratlos, wer sich künftig um ihre Haare kümmern soll.

41 Jahre lang hat sich Heinz Härle um die Köpfe seiner Kunden gekümmert. Foto: Fatma Tetik
41 Jahre lang hat sich Heinz Härle um die Köpfe seiner Kunden gekümmert. Foto: Fatma Tetik

S-Ost - Ob Vokuhila, Popper, Föhnfrisur oder Dauerwelle: Heinz Härle hat sie alle mitgemacht. Seit 41 Jahren kämmt, schneidet und frisiert der Friseurmeister seine Kundschaft und hat so manche Trends und Modesünden kommen und gehen sehen. „Am schlimmsten waren die 80er-Jahre“, blickt der 69-Jährige zurück. George Michael, David Bowie und Modern Talking prägten damals nicht nur die Musikwelt, sondern auch die Frisurenmode. Auch der Rudi-Völler-Style, ein Ensemble aus wilder Lockenpracht und Schnauzer, sei damals angesagt gewesen. „Ein Glück, dass diese haarsträubenden Zeiten vorbei sind!“

Salon vom Vater übernommen

Härles Karriere wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. 1933 eröffnete sein Vater Alfons Härle in Stuttgart seinen ersten Friseursalon. In den 1950er Jahren bezog das Geschäft zunächst provisorische Räume am Stöckach, seit den 60ern besteht der heutige Salon. 1977 übernahm schließlich Heinz Härle das Geschäft von seinem Vater. Ein Umbau kam für Härle in all den Jahren nicht in Frage. Er legt großen Wert auf Tradition. In einer Vitrine befinden sich historische Rasiermesser und Schneidegeräte. Selbst die Einrichtung ist noch aus den 50er Jahren. „Mein Vater war großer Kickers-Fan und hat vor dem Krieg selbst im Verein gespielt, deshalb ist die Herrenabteilung in blau-weiß gehalten“, erklärt er die nostalgische Einrichtung. Lediglich die Sitzpolster der Frisierstühle mussten zwischenzeitlich ausgetauscht werden.

Heinz Härle, der 1970 seine Meisterprüfung ablegte, kümmerte sich jahrelang im Eingangsbereich des Salons um die Herrenhaarschnitte, während seine Frau für die Damenfrisuren im abgetrennten Bereich eine Ebene darüber zuständig war. „Das war früher so üblich und so haben wir es auch gelassen“, erzählt Härle. Zum Haarefärben durften die Männer jedoch ausnahmsweise auch in den Damenbereich. „Die Männer wollten nicht, dass Passanten durch das Schaufenster sehen, dass sie sich die Haare färben lassen“, sagt er schmunzelnd.

Die Töchter haben sich für andere Berufe entschieden

Jetzt legt Härle Kamm und Schere beiseite und hängt den Friseurkittel an den Nagel. Ende März verabschiedet er sich gemeinsam mit seiner Frau Renate in den Ruhestand. Das wohl kultigste Friseurgeschäft Stuttgarts schließt somit seine Pforten. Die Töchter des Ehepaares haben sich für einen anderen Berufsweg entschieden. Nach insgesamt 85 Jahren endet die Ära Härle in Stuttgart. „Der Abschied fällt mir sehr schwer, ich gehe schweren Herzens“, sagt Heinz Härle. Zu seinen Kunden zählten nicht nur Menschen, die ihm jahrzehntelang die Treue hielten, sondern immer wieder auch bekannte Stuttgarter Persönlichkeiten.

Der ehemalige Oberbürgermeister Manfred Rommel zählte zwar nicht dazu, setzte sich aber seinerzeit maßgeblich dafür ein, dass die Parkplätze vor dem Salon nicht abgebaut wurden. Viele seiner Stammkunden wüssten nun nicht mehr, wohin sie gehen könnten. „Einige unserer Kunden haben sich schon von meinem Vater frisieren lassen“, erzählt der Friseurmeister. Für viele waren die Härles Vertrauenspersonen, die sie über Jahre hinweg durch Freud und Leid begleitet haben. Man sprach über die Politik, das Stadtgeschehen, das Wetter und das Leben. Doch nun sei es an der Zeit, den Schlussstrich zu ziehen. Eine offizielle Abschiedsfeier wird es nicht geben. „Das hat etwas von einer Beerdigung, dafür bin ich zu vital“, sagt Härle lachend. Seinen Kunden hat er bereits Adieu gesagt. Langweilig wird es den Härles nicht werden. Heinz Härle ist stellvertretender Vorsitzender im Handels- und Gewerbeverein Stuttgart-Ost und sitzt als parteiloses stellvertretendes Mitglied (AfD) im Bezirksbeirat. Seine Frau Renate fügt hinzu: „Wir haben jetzt mehr Zeit für unsere Enkel, Hobbys und Freunde.“

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