Fritz Winter im Stuttgarter Kunstmuseum Das Weiß wächst zu neuem Leben heran

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Schroffe Natur: Im Kunstmuseum Stuttgart sind jetzt Werke von Fritz Winter zu sehen. Ergänzt werden sie von thematisch passenden Werken späterer Künstler.

Fritz Winter: „Lichtstrahlen“ (1934). Foto: Uwe H. Seil, Kunstmuseum Stuttgart, Konrad-Knöpfel-Stiftung
Fritz Winter: „Lichtstrahlen“ (1934). Foto: Uwe H. Seil, Kunstmuseum Stuttgart, Konrad-Knöpfel-Stiftung

Stuttgart - Es darf gefühlt werden, erspürt und erahnt. Wenn es um Fritz Winter geht, fallen schnell sperrige Schlagworte wie farbgestische Abstraktion, Naturkraftsymbolik oder romantische Mystik. Kunstlexika stellen den Maler in den Kontext der École de Paris und der Gruppe ZEN 49. Dabei kann man sich bei Fritz Winter getrost auf die Wahrnehmung und die eigenen Empfindungen verlassen, kann der Schwermut des grauen Grundes nachspüren, sich von der Leichtigkeit des weißen Nichts fortreißen lassen oder eintauchen in die sich umschlingenden und durchdringenden Farbformen. Wenn es um den Maler Fritz Winter geht, kann man über Ismen und Theorien diskutieren, man muss es aber nicht.

Das Kunstmuseum Stuttgart hat am Freitagabend die Ausstellung „Fritz Winter. Das Innere der Natur“ eröffnet und zeigt Werke aus der Konrad-Knöpfel-Stiftung Fritz Winter, die im Kunstmuseum untergebracht ist. Fritz Winter wird gern als einer der wichtigsten abstrakten Künstler bezeichnet, trotzdem ist sein Name dem breiten Publikum längst nicht so geläufig wie der von Paul Klee oder Wassily Kandinsky.

Winter war keiner, der zertrümmerte und zerstörte. Er wollte behutsam die Kräfte der Natur sichtbar machen wollte. Und der Beginn eines jeden Lebens steckte für ihn in der Zelle. So eröffnet die Kuratorin Julia Bulk die Ausstellung mit Zellbildern und Zellstrukturen. Ganz zart und zögerlich hat Winter lanzettförmige Wabbeltierchen mit Grafit aufs Papier gebracht, die sich hier nur leicht touchieren, dort überlagern, die transparent und schwerelos wirken – und ja doch sichtbar sind. Winter entwickelt freie Formen zwischen Geometrie und Organischem, die er wie im Stillleben in sorgfältigen Kompositionen in den Rahmen setzt. „Durchdringung“, „Verschmelzung“, „Verspannung“ lauten die Titel seiner Bilder – womit er sich einerseits auf das Zusammenspiel der Farbflächen im Bild bezieht, aber auch auf das Zusammenwirken der Kräfte in Natur und Kosmos.

Dialoge zwischen Werken von Winter und späterer Künstler

Das klingt komplizierter, als es ist. Julia Bulk hat die Räume unter Themen gestellt – auf die Zellen folgen die kristallinen Strukturen und Bilder, in denen Winter strahlende Lichtsäulen aus lasierendem Weiß zersplittert. Ein Raum widmet sich den Bewegungen der Erdmassen. Zu jedem Thema hat Bulk einige Werke späterer Künstler ergänzt. So werden Winters Lichtbilder in das zersplitterte Licht getaucht, das eine schicke Modullampe von Olaffur Eliasson an der Decke abgibt. Eliassons „Reversed Silver Moon“ lenkt nebenan das Licht über Spiegel und wirft ein Lichtnetz auf die Wände. Diese behutsamen Dialoge führen nicht nur vor, dass Winters Themen bis heute für die Kunst virulent sind, sie verdeutlichen auch sein Konzept auf sinnliche Weise.

Besonders schön sind die Kleinplastiken von Maria Bartuszová (1936 bis 1996), die aus Bronze eine Art Nest geformt hat, in dem Rundformen eingebettet sind. Das ist in seiner Abstraktion beredt: anrührend verbildlicht diese schlichte Rundform liebenden, wärmenden Schutz.

Die ausgewählten Skulpturen wirken anregend zwischen Winters Ölgemälden und Zeichnungen, den Radierungen und Aquatintas. Er versuchte sich in den verschiedensten Techniken, weil er sich als Naturwissenschaftler sah, der wie durch ein Mikroskop die Phänomene der Natur ergründet – aber weniger, um sie zu imitieren, als um sie zu erspüren. „Ich blicke in das Innere der Natur, das gleichsam vor meinen Augen transparent wird“, sagte er.

Zeichenlehrer erkannte Winters Talent

Selbst wenn Winter seine Komposi­tionen nicht immer explizit als „Meditationsbild“ begriff, wie eine Zeichnung mit Wellen und Geraden, so ist seine Kunst los­gelöst von der Betriebsamkeit der Wirklichkeit – und wirkt befriedend und wie ein Kontrapunkt zu seiner eigenen Existenz, die keineswegs so leicht-schwebend war. Winter war der Sohn eines Bergmanns und arbeitete selber unter Tage – er versuchte, nebenher die Realschule zu besuchen, weil er Medizin studieren wollte.

Der Zeichenlehrer war es, der sein Talent erkannte und ihm empfahl, ans Bauhaus zu gehen. So studierte Winter in Dessau bei Josef Albers und Wassily Kandinsky, er war in der Bühnenabteilung Oskar Schlemmers und in der Malklasse von Paul Klee, der ihn am stärksten prägte und ihm so gute Zeugnisse ausstellte, dass Winter sogar ein Stipendium der Stadt Dessau erhielt. Während des Nationalsozialismus hatte Winter Mal- und Ausstellungsverbot. Er musste als Soldat an die Ostfront und war in Russland in Gefangenschaft. Sein Leben als Soldat, aber auch als Bergmann hat er in „Triebkräfte der Erde“ verarbeitet. Seine berühmteste, vierzigteilige Bildfolge ist entstanden, als er verwundet auf Heimaturlaub war. Einige Beispiele daraus sind in Stuttgart zu sehen und verbinden seine Experimente mit dem immateriellen Licht mit denen zur freien Formfindung.

Die Lebensumstände werden im Kunstmuseum nicht erläutert, die sorgfältig konzipierte Ausstellung konzentriert sich auf die stille Kraft der Bilder und macht durch die Konfrontation mit anderen Werken den Zugang zu dieser abstrakten Kunst leichter. Entwürfe, 1968 mit Filzstift aufs Papier gebracht, zeigen, dass hinter der Leichtigkeit der Kompositionen harte Arbeit steckte, dass das Schwebende und Losgelöste der Formen das Ergebnis ausgiebiger Recherchen war. Die Filzstiftzeichnungen selber verraten schnödes, erdverhaftetes Handwerk, profan und ganz und gar irdisch.

Manche Motive wirken etwas dekorativ

Bilder wie „Vor rotem Kreis“ (1969) basieren auf Rundformen, in denen sich die Linien wie beim Wollknäuel zur Kugel verbünden. Hier drängt ein petrolfarbenes Rechteck von links ins Bild, dort legt sich eine rote Fläche über die Linien – all das ist ungeheuer sorgfältig komponiert und zur Perfektion getrieben.

Manchmal wirken die Motive allerdings auch etwas dekorativ: Winters „Triebe“ von 1935 sind unschuldig weiße Formen, die plakativ aus dem tristen Schwarz emporwachsen und pathetisch von neuem Leben künden – so dass man doch lieber wieder zu den geheimnisvollen Formfindungen zurückkehrt, die er mit Grafit so schroff wie lapidar aufs Papier gebracht hat.

Bis 7. Juli, geöffnet täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, freitags bis 21 Uhr. Es wird im Hirmer Verlag noch ein Katalog erscheinen, der etwa 35 Euro kosten wird.