Erste Spekulationen schon am Wahlabend
Der allgemein erwartete Rückzug Kaufmanns hatte sich bereits nach seiner derben Niederlage bei der Bundestagswahl am 26. September abgezeichnet. Im Wahlkreis Stuttgart-Süd verlor er nicht nur sein zuvor dreimal errungenes Direktmandat unerwartet deutlich mit nur 23,4 Prozent der Erststimmen an seinen grünen Dauerrivalen Cem Özdemir, der knapp 40 Prozent erzielte. Zudem verfehlte Kaufmann, der mit Rang sieben auf der CDU-Landesliste eigentlich gut platziert war, wegen des schlechten Ergebnisses der Landes-CDU auch den Wiedereinzug in den Bundestag. Schon am Wahlabend hatten Parteifreunde erste Spekulationen darüber angestellt, dass sich damit auch die Frage nach dem Vorsitz der Kreispartei erledigt haben dürfte.
Kaufmann wollte die CDU zur modernen Großstadtpartei formen
Den hatte Kaufmann mit der Autorität des Bundestagsmandats im Rücken vor zehn Jahren nach einem erbitterten innerparteilichen Ringen mit seiner Kontrahentin, der damaligen Stuttgarter Schulbürgermeisterin und späteren baden-württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann, erobert. Damals kündigte er an, die CDU zu einer modernen „Großstadtpartei“ formen zu wollen, die auch in eher parteiferne Wählerschichten vordringen und so Wahlen gewinnen könne. Das gelang nur sehr bedingt.
Ein Stück weit verkörperte Kaufmann selbst jenen Typus des gesellschaftspolitisch liberalen Politikers, der sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzte, gegen Intoleranz engagierte und auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 seiner ultrakonservativen Fraktionskollegin Erika Steinbach im Interview die Leviten las. Das gefiel nicht allen an der strukturkonservativen Stuttgarter Parteibasis. Kaufmann, selbst schwul und verpartnert, musste intern immer wieder gegen Vorurteile ankämpfen. Gleichzeitig nahm er – etwa in der Verkehrs-, Umwelt- oder Sicherheitspolitik – klassisch-konservative Positionen ein, um die Mehrheit der Partei hinter sich zu halten.
Eigene Ambitionen auf OB-Kandidatur zu lange aufrechterhalten
Als er 2012 weitgehend im Alleingang den parteilosen Medienunternehmer Sebastian Turner als auch von FDP und Freien Wählern unterstützten bürgerlichen OB-Kandidaten auf den Schild hob, murrte die Partei vernehmbar. Das Murren wurde noch lauter, als Turner die OB-Wahl dann gegen den Grünen Fritz Kuhndeutlich verlor. Bei Landtagswahlen schnitt die Stuttgarter CDU unter seiner Führung dreimal eher schwach ab, bei der Kommunalwahl 2019 büßte die CDU im Rathaus ihre Position als stärkste Fraktion ein.
Zuletzt hatte Kaufmann Unmut von Parteifreunden auf sich gezogen, als er sich im Vorfeld der OB-Wahl 2020 selbst als Kandidat ins Spiel brachte und lange an seinen Absichten festhielt – zu lange für den Geschmack der CDU-Kandidatenfindungskommission, die von Anfang an andere Bewerber auf dem Papier hatte. In der Folge erklärte Richard Arnold, OB von Schwäbisch Gmünd, den viele in der Union gerne im Stuttgarter Rathaus gesehen hätten, seinen Rückzug aus dem OB-Rennen, der Weg war dann frei für den letztlich siegreichen Backnanger Rathauschef Frank Nopper. Auch die von Organisationen wie Lobbycontrol als intransparent kritisierte Finanzierung der OB-Wahlkämpfe 2012 und 2020 über eigens dafür gegründete Vereine gilt als Kaufmanns Erfindung.
Zwei frühere JU-Vorsitzende stünden als Kaufmann-Nachfolger bereit
In der CDU setzt man nun nach Angaben aus Parteikreisen auf einen Generationswechsel an der Spitze. Dabei kristallisieren sich gleich zwei frühere Vorsitzende der Jungen Union (JU) als mögliche Kandidaten für den Parteivorsitz heraus: Zum einen ist da der Neu-Bundestagsabgeordnete Maximilian Mörseburg (29), der im Gegensatz zu Kaufmann seinen kurzfristig von der langjährigen Bundestagsabgeordneten Karin Maag übernommenen Wahlkreis Stuttgart-Nord direkt gewann und dem man in Unionskreisen schon länger nachsagt, er traue sich jedes Amt außer dem des Papstes zu. Mörseburg wollte auf Anfrage eine Kandidatur zumindest nicht ausschließen. Zum anderen gilt auch Mörseburgs Nachfolger als JU-Chef und heutiger persönlicher Referent von OB Frank Nopper, Thrasivoulos Malliaras (29), als Anwärter auf Kaufmanns Nachfolge. Auch er bekundet auf Anfrage seine grundsätzliche Bereitschaft zur Übernahme des Amts, nennt aber als Bedingung: „Das Team muss stimmen.“
Einer, der lange bei vielen in der Union als Favorit für die Nachfolge Kaufmanns gegolten hatte, hat sich mittlerweile selbst aus dem Rennen genommen: Der amtierende Vize-Parteichef Benjamin Völkel (34), so heißt es, werde aus beruflichen Gründen ganz aus dem CDU-Führungsgremium ausscheiden.