Damit hat der Schwabe die Gewerkschaft jedoch weit vorangebracht: in der Tarifpolitik vor allem, seiner Domäne, aber auch mit der Beteiligung der Mitgliederbasis und der Nähe zu den Betrieben. Und mit dem Eintreten für die ökologische Transformation.
Die Arbeitszeit – ein Trauma der IG Metall seit dem Debakel von 2003 im Osten – hat er als gewerkschaftliches Aktionsfeld auf die Bühne zurückgeholt, selbst wenn die von ihm forcierte Viertagewoche in der Metallindustrie noch keine Chance hat.
Zwiespältiges Verhältnis zu den Medien
Wenn führende Arbeitgebervertreter, bei allem Respekt, von einem Gewerkschafter immer wieder genervt sind, dann vertritt dieser seine Interessen offenbar mit gehöriger Durchschlagskraft – wie Hofmann.
In der Politik hat er mit Fleiß ein dichtes Netzwerk geknüpft und sich bis ins Kanzleramt den Ruf des verlässlichen Partners erworben: Sowohl Angela Merkel als auch Olaf Scholz pflegten schon aus Eigennutz ein gutes Verhältnis zu ihm – die IG Metall gegen sich zu haben ist kein Erfolgsrezept.
Medial blieb Hofmann blass: Journalisten sind ihm eher lästig und Talkshows ein Gräuel, auch weil weitschweifige und tiefgründige Ausführungen dort unerwünscht sind. In den eigenen Reihen wird Hofmann wertgeschätzt, doch den Vorvorgänger Berthold Huber etwa hatten die Metaller vor allem im Südwesten ins Herz geschlossen.
Zeit für eine neue Generation also, obwohl die künftige Chefin Christiane Benner nach acht Jahren als Zweite Vorsitzende selbst zum Establishment gehört. Mit erst 55 Jahren könnte sie ohne Weiteres eine neue Ära begründen. So eine Perspektive schafft man sich nur mit großer Zielstrebigkeit, auch wenn sie ihr Machtbewusstsein lange gut getarnt hat. Erst als sie vor zwei Jahren die Spitze des Gewerkschaftsbunds verschmähte, wurde klar: Sie will in der einflussreicheren IG Metall ganz nach vorne.
Während Hofmann halb im Scherz sagt, er würde sich selbst verleugnen, wenn er sich als den großen teamorientierten Mannschaftsspieler sehen würde, hängt Benner fest das Etikett der Teamplayerin an. Sie gibt infolge der verunglückten, weil schlecht vorbereiteten Werbetour für eine Doppelspitze mit Roman Zitzelsberger unverblümt die Parole aus: „Die Zeiten, in denen solche Entscheidungen über die Ausrichtung der IG Metall, personell oder inhaltlich, von wenigen Leuten in Hinterzimmern ausgehandelt werden, sind definitiv vorbei.“ Die Leute müssten an der Meinungsbildung teilhaben.
Offenheit als Markenzeichen
Ihre Offenheit ist schon jetzt eines ihrer Markenzeichen, vielleicht weil der Vorgänger eher verschlossen agiert. Doch nun trägt Benner die ganze Last der Verantwortung auf ihren Schultern – da ist womöglich mehr Diplomatie gefragt als bisher. Sie startet mitten in der E-Mobilisierung; in der jüngeren Geschichte hat kein Wandel die Basis so verunsichert. Die Angst um die Jobs treibt manche in die Fänge der Rechten. Da braucht es eine klare Haltung, aber auch die Fähigkeit, die Menschen in ihrer Sprache mitzunehmen. Die unprätentiöse Kommunikation auf Augenhöhe kann die Frau, die Elon Musk auch schon mal auf den Mars wünscht. Das kostet sie keine große Anstrengung.
Die Sympathien aller baden-württembergischen Automobilwerker, unter denen einige wohl lieber ihren Bezirksleiter Zitelsberger an der Spitze gesehen hätten, muss sie noch erwerben. Da hilft es, dass ihr die Autoindustrie vertraut ist. Benner sitzt nicht nur im Aufsichtsrat von BMW und Continental, sondern arbeitet aktiv an Transformationsprojekten zum Joberhalt. Und sie hat eigene Truppen, etwa im Autoland Niedersachsen.
„Quotenfetischistin“ im Männerladen
Die Diplom-Soziologin könnte die Agenda des männerdominierten Traditionsladens verändern, wenn man an ihren Hang zu Mitbestimmung, Plattformökonomie, hoch qualifizierten Angestellten oder – als selbst ernannte „Quotenfetischistin“ – zur Frauenpolitik denkt. In jedem Fall wird sie ihre Strategien moderner verkaufen als der Vorgänger. In einer Ecke ihres weiträumigen Frankfurter Büros in der 15. Etage steht eine Kamera für spontane Videos – daneben wacht eine Pappfigur ihres Idols Nelson Mandela darüber, dass sie es richtig macht.
Ähnlich wie Jörg Hofmann bald aus der Ferne – der Nochvorsitzende sieht seine Möglichkeiten offenbar ausgeschöpft. Man hätte seinen Job nicht gut gemacht, „wenn da noch viel Gras links und rechts neben dir wachsen würde“, sagt er. Somit findet er es „per se richtig, dass jetzt mal frische Ideen und neue Personen in die Führung kommen“.
Hofmann will sich „in Ruhe umschauen“
Der alten Heimat Esslingen hat er längst den Rücken gekehrt und ist nach Berlin-Pankow gezogen. Nach einigen Anfragen für diese oder jene Aufgabe hat er sich entschieden, „grundsätzlich zu allem Nein zu sagen und mich zuerst mal in diesen neuen Lebensabschnitt hinein zu wagen, ohne dass ich ihn gleich wieder voll ballere“. Er werde noch das eine oder andere Aufsichtsratsmandat (womit Bosch, aber auch VW gemeint sein kann) eine Zeit lang weiter machen. „Dann werde ich mich einfach mal in Ruhe umschauen.“
Erste Frau an der Spitze der von Männern dominierten Gewerkschaft
Fahrplan
Der Kongress der IG Metall in Frankfurt beginnt am Sonntag um 14 Uhr. Zum Auftakt reden die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Am Montagmittag folgen die Vorstandswahlen. Kanzler Olaf Scholz (SPD) kommt am Dienstag.
Bastion
Ende 2022 hatte die IG Metall 2,15 Millionen Mitglieder – das sind 38 Prozent aller Beitragszahler im Gewerkschaftsbund (insgesamt 5,64 Millionen). 1,76 Millionen Metaller (81,8 Prozent) sind männlich und rund 390 600 weiblich (18,2 Prozent). Nach Worten der designierten Vorsitzenden Christiane Benner hat die IG Metall voriges Jahr fast 32 000 Angestellte geworben – „so viele wie noch nie“. Der größte Zuwachs sei bei Ingenieuren und Ingenieurinnen zu verzeichnen. Als „größten Erfolgsfaktor“ nannte sie die Beteiligung der Beschäftigten in die IG-Metall-Arbeit.