Fuggerei in Augsburg Großkapitalist mit Gewissen?

Älteste Sozialsiedlung der Welt: die Fuggerei in Augsburg Foto: Adobe Stock/Massimo Santi

Als der Augsburger Bankier Jakob Fugger vor 500 Jahren eine Sozialsiedlung für „würdige Arme“ ins Leben rief, war sein Ansinnen visionär. Doch was genau bezweckte er damit?

Er machte Geschäfte mit Gott und der Welt, war Finanzier für klamme Kaiser und verschwendungssüchtige Kirchenmänner und gilt als erster Großkapitalist der Neuzeit. Jakob Fugger, berühmtester Spross der ebenso berühmten Augsburger Bankiersfamilie, führte zu Beginn des 16. Jahrhunderts einen Mischkonzern, der Produktion, Handel und Finanzen miteinander verband.

 

Von seiner „Goldenen Schreibstube“ im Fugger’schen Verwaltungssitz am ehemaligen Rindermarkt aus, einem 50 Quadratmeter großen, ahorngetäfelten Kontor mit vergoldetem Dekor, lenkt der „Schaffierer“, wie Fugger sich nennt, ein europaweit operierendes Bank- und Handelsimperium, beteiligt sich an Konsortien und Syndikaten und macht mit Geld Politik. Seine finanzielle Unterstützung für die Habsburger lässt sich der umtriebige Unternehmer mit dem Adelstitel versilbern und schreckt auch nicht davor zurück, die deutschen Kurfürsten mit hohen Bestechungssummen, „Handsalben“ genannt, zu schmieren, um so die Wahl Karl V. zum Kaiser zu lancieren.

Eine Stadt in der Stadt

Doch Jakob Fugger, zu Lebzeiten auch „der Reiche“ genannt, hatte nicht nur Profitmaximierung im Sinn, sondern auch ein Herz für Arme. So die weitläufige Meinung über den Augsburger Großkapitalisten, der sich mit dem Bau einer für die damalige Zeit revolutionären sozialen Einrichtung ein bleibendes Denkmal in seiner Heimatstadt schuf.

1516, ein Jahr bevor Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, beschloss Fugger, mitten in Augsburg, seinerzeit eines der wichtigsten Handelszentren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, eine Armensiedlung zu bauen. Hierzu kaufte er in der Jakobervorstadt, unweit seines prächtigen Handelshauses, Immobilien und ließ einen Stadtteil für Bedürftige errichten – „Gott zu lob und eern, armen taglönern und hanndtwerkhern zu hilff“, wie es in der Stiftungsurkunde vom 23. August 1521 heißt.

Zwei Jahre später umfasste die Fuggerei, wie die Reihenhaussiedlung alsbald genannt wurde, bereits 53 Häuser, eine Stadt in der Stadt, mit Mauern und Toren, die nachts geschlossen wurden.

Drei Gebete für Fugger

„Würdige Arme“ sollten hier nach Fuggers Willen gegen einen geringen Obolus eine günstige Bleibe finden – für einen Rheinischen Gulden Jahresmiete, damals der Wochenlohn eines Maurers. Als „würdig“ galt per definitionem des Stifters derjenige, der schuldlos in Not geraten, in Augsburg ansässig und katholisch war. Als Gegenleistung verpflichteten sich die Mieter, täglich drei Gebete für den Wohltäter zu sprechen: „Pater Noster“, „Ave-Maria“ und das „Credo“.

Die Armensiedlung, finanziert aus Stiftungsgeldern der Familie Fugger, existiert noch heute. 88 Cent kostet die jährliche Kaltmiete, plus Nebenkosten. Geblieben sind auch die Mietkonditionen: Katholisch müssen die Bewohner nach wie vor sein und täglich drei Gebete sprechen für jenen Mann, der vor 500 Jahren die älteste bis heute bestehende soziale Wohnsiedlung der Welt schuf.

Gut 150 Menschen leben in den 140 Wohnungen. Geblieben ist auch das Image eines Mannes, der Wohnraum für sozial Schwache schuf und mit seiner Sozialsiedlung richtungweisend war. Nur: Ein profitorientierter Geschäftsmann mit sozialer Ader, wie passt das zusammen?

Nächstenliebe oder PR-Aktion?

Über die Beweggründe, die Fugger mit dem Bau verfolgte, wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gerätselt. Stellte sich der Augsburger Geschäftsmann tatsächlich in eine jahrhundertealte christliche Tradition, die im Stiften einen Ausdruck von Verantwortung gegenüber Gott und den Mitmenschen sah, wie oft behauptet? Oder war die Fuggerei bereits zu Lebzeiten eine PR-Aktion, „eine wohlkalkulierte Maßnahme zur öffentlichen Aufwertung der Firma, mit der Fugger auf Vorwürfe des Verstoßes gegen das Zinsverbot und die Monopolbildung reagiert habe“, wie Bernhard Schiller in einem Artikel der „Augsburger Zeitung“ mit dem Titel „Marketing mit Menschenfabrik“ vermutet?

Fest steht: Fugger war ein knallharter Geschäftsmann und Spekulant, dem Gewinnmaximierung über alles ging und der dabei auch, ohne mit der Wimper zu zucken, Existenzen vernichtete. Nicht umsonst bezeichnete ihn Luther als „Hecht, der die anderen Fische frisst“. Fugger machte Reibach damit, Lebensmittel, Waren und Rohstoffe günstig aufzukaufen, das Angebot künstlich zu verknappen, um den Preis hochzutreiben.

Fugger finanziert Kriege und Kaiser

Er war Geldgeber für den portugiesischen Sklavenhandel, finanzierte Kriege und beeinflusste mit hohen Bestechungsgeldern die Kaiserwahl Karl V. Obendrein machte der gottesfürchtige Banker mit kirchlichem Segen auch den Glauben zum Geschäft. Er profitierte vom Pfründentransfer mit der römischen Kurie und verdiente kräftig am Seelenschacher der Kirche, indem er den von Luther scharf kritisierten Ablasshandel finanzierte.

Plagte den gottesfürchtigen Frühkapitalisten ein schlechtes Gewissen, weil seine Geschäftspraktiken im Widerspruch zu den christlichen Geboten standen? Denn eigentlich darf ein Christ Geld nicht „arbeiten“ lassen, galt doch die Zinsnahme als Teufelswerk. Wollte Fugger also mit seiner Stiftung zum eigenen Seelenheil beitragen, um sich den Himmel mit guten Werken zu verdienen?

Deal mit Gott

Ein solcher Deal mit Gott geht zurück auf die Lehre von der sündentilgenden Kraft der Werke der Nächstenliebe des Kirchenvaters Augustinus, wonach der Gläubige als Gegengabe für karitative Werke das „Heilmittel für die Errettung der Seele“ sieht. Allerdings sollten, so die Grundidee der mittelalterlichen Caritas, soziale Zuwendungen an Bedürftige aus einer freien und aufrichtigen Herzensregung des Wohltäters heraus erfolgen. Wenn man so will, Almosen aus tiefster innerer seelsorgerischer Überzeugung heraus und ganz ohne Eigennutz.

Und hier sind im Falle Fuggers berechtigte Zweifel angebracht. Zumal die „Auflagen“, die er den „würdigen Armen“ machte, sein Tun nicht als uneigennützigen Akt christlicher Nächstenliebe erscheinen lassen. Die Einrichtung der Fuggerei war keine selbstlose Mildtätigkeit eines eingefleischten Gutmenschen, der gelebte Solidarität mit sozial Schwächeren übte. Die Motivation für die frühneuzeitlichen Sozialwohnungen entsprang vielmehr Fuggers Sorge um sein Seelenheil und der Imagepflege für sein zunehmend in die Kritik geratenes Unternehmen. Am Ende war Fuggers soziales Engagement wohl doch nicht ganz so uneigennützig, wie es gemeinhin erscheint.

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