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Full Metal Cruise Und Metall schwimmt doch

Nein, an Bord gab es keinen Trauerfall. Metal-Fans tragen einfach gerne Schwarz. Foto: Michael Setzer 58 Bilder
Nein, an Bord gab es keinen Trauerfall. Metal-Fans tragen einfach gerne Schwarz. Foto: Michael Setzer

Konzerte, Spaß und jede Menge Rock’n’Roll. Unser Autor war vier Tage lang auf der ersten Heavy-Metal-Kreuzfahrt in Deutschland dabei.

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Hamburg - Le Havre, westlich von Paris. Das müsste laut Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger der Teil von Frankreich sein, in dem es keine Menschen mehr gibt, sondern nur noch Kühe und den Atlantik. Eine kühne Behauptung, drängen sich im dortigen Hafenviertel doch sehr viele schwarz gekleidete Damen und Herren. Einige sind auf Landgang zum Konzert der brasilianischen Thrash-Metal-Band Sepultura, andere wollen auf das Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 1“, zur Full Metal Cruise, die erstmals in Deutschland veranstaltet wird - von Tui Cruises und ICS, den Machern des Wacken-Festivals.

Bier und Steaks gegen 11 Uhr sind völlig okay

Das Konzept: Hamburg, Southampton, Le Havre, Amsterdam, Hamburg. Eine Woche, knapp 2000 Gäste und ein Riesenschiff, voll mit Heavy Metal in all seinen kunterschwarzen Farben. Bier und Steaks gegen 11 Uhr sind völlig okay, wenn man Bier und Steaks gegen 11 Uhr okay findet. Während Alleinunterhalter Mambo Kurt mit seiner Heimorgel den Musik-Tag eröffnet, herrscht Konjunktur am Grill und an den Außenbars. In den Whirlpools sitzen bereits die ersten Gäste mit Drinks und ansteckend guter Laune. Einige von ihnen werden auch noch Stunden später genau dort sitzen. Denn was immer man tun könnte, man kann es hier getrost den ganzen Tag lang machen. Schließlich kommt keiner vom Schiff runter.

Essen, Trinken, Reden, Blödsinn, Musik - der Himmel ist strahlend blau, und alle sitzen auf Liegestühlen, schlendern über das Deck oder feiern die Bands auf der Poolbühne ab - auch mal mit einer bejubelten Arschbombe in den Pool. Undenkbar, es könnte irgendwo auf dieser Welt noch ein anderes Leben als das hier geben. Für viele ist die Full Metal Cruise der wohlverdiente Jahresurlaub, auch, weil die Tickets bis zu 2000 Euro kosten. Dafür ist aber fast alles inklusive. Im Gegensatz zum US-Kreuzfahrt-Event „70 000 Tons of Metal“ müssen die Gäste hier nicht ihre Drinks an der Bar bezahlen.

Doppelter Fleischverbrauch als bei sonstigen Kreuzfahrten

Das Menü im Restaurant Atlantik ist ebenso im Paket drin wie der Happen im Schnellrestaurant oder im Bistro oder eben die Getränke an einer der zahlreichen Bars. Kurze Meldung aus der Kombüse: doppelter Fleischverbrauch als bei sonstigen Kreuzfahrten - und niemand mag Obst. Die Annahme, es würde sich hier um eine Horde Gottloser handeln, denen nichts heilig ist, stimmt auch nur insofern, dass jeder der Passagiere es billigend in Kauf nimmt, am Muttertag verkatert im Hamburger Hafen und nicht bei Mutti zu sein. Ansonsten ist das bestens organisierter Spaß. Nur eben mit Metal. Die Schlauen unter den Gästen haben ihre Eltern eh gleich dabei.

So wie Hilke (28) aus Delmenhorst. Sie reiste mit ihrer Mutter Ellen (55) an, und die empfiehlt weise: „Alster statt Bier. Der Tag ist noch lang.“ Im Aufzug fahren bereits am frühen Abend zwei herrenlose Cocktails spazieren. Für die meisten Gänge an Bord empfiehlt es sich aber tatsächlich, Proviant einzupacken. Denn bis man sich das Schiff erschlossen hat, verläuft man sich andauernd zwischen schier endlosen Gängen, Aufzügen und Treppen. Wer viel unterwegs ist, kann auch dreimal am Tag Mambo Kurt zuhören.

Doro Pesch ist ein häufiges Thema an Bord

Der drollige Alleinunterhalter mit der Heimorgel scheint überall zu sein. Beruhigend: Er war mal Arzt. Auf dem Flur mahnt eine Dame ihren Begleiter zur Eile: „Gleich ist Doro!“, sagt sie, als ob das ein Zustand und keine Sängerin wäre. Doro Pesch ist ein häufiges Thema an Bord. Auch weil man sie fast nie zu Gesicht bekommt - im Gegensatz zu Bands wie In Extremo, Kreator oder Heaven Shall Burn, die sich locker unters Volk mischen. Dann steht Doro plötzlich im Restaurant, und noch bevor sie einen Teller Pasta ordern kann, wird sie von Fans umringt: Autogramm, Foto und Fanplausch. Wahrscheinlich wird sie an Bord verhungern. Schade, auch weil Koch-Star Tim Mälzer nicht nur ein Menü vorbereitet hat, sondern abends zur Kochshow lädt.

Udo Dirkschneider, legendärer Sänger von Accept und an Bord mit seiner Band U.D.O., zeigt sich ebenfalls mittendrin. „He, Smudo!“, ruft ihm einer hinterher, wohl wissend, dass Dirkschneider circa gar nix mit den Fantastischen Vier zu tun hat. Er und seine Begleiter schmunzeln. Einer sagt „Kommen Sie, Herr Lindenberg!“ und klopft ihm feixend auf die Schulter. Hier ist überall Backstage und die Hemmschwelle für flapsige Sprüche auf einem Rekordtief. Doch je näher es dem Ende der Full Metal Cruise entgegengeht, desto mehr mischen sich auch wehmütige Töne ins Gebrüll. „Hach, wie schön“, schmachtet ein stämmiger Mann aus Franken und boxt mir auf den Arm, dass ich befürchte, zum Arzt zu müssen. Dann läuft er weiter und das Schiff in den Hamburger Hafen ein - lautstark zum Hafengeburtstag. Und plötzlich ist der Traum zu Ende.

Am Hamburger Hauptbahnhof stehen am Morgen danach die ganzen Metaller und schauen betreten auf die Shuttlebusse. Nur ein Moment der Hoffnung, der Fahrer könnte seinen Fehler bemerken und jetzt gleich wieder alle einpacken und zurück zum Schiff bringen. Zum schönen Leben. Zum Metal.

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