Furry Fans Ein Mensch im Wolfspelz

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Der Verwaltungsangestellte Marcel Ellinger aus Esslingen wird in seiner Freizeit zu einem schwarzen Raubtier. Warum verkleidet er sich?

Marcel Ellinger in seiner Küche in Esslingen-Berkheim. Foto: Andreas Reiner
Marcel Ellinger in seiner Küche in Esslingen-Berkheim. Foto: Andreas Reiner

Esslingen - Berkheim auf der Filderebene: Moderne Einfamilienhäuser kuscheln sich an Bauernhöfe und Arbeitersiedlungen. Eine Wohnung in einer Seitenstraße, erster Stock, braune Eingangstür, ein enger Flur und Wände voller Plakate, Bilder, Fotos, Zeichnungen wie in einem Jugendzimmer. Durch den halb geöffneten Rollladen schießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages helle Kreise auf den Teppichboden. Die Nymphensittiche Riki und Kiki tragen in einem Käfig ihre gelben Frisuren zur Schau. Die Siamkatze Snowy schleicht um den Türrahmen zur Küche, ihre Mutter Maya hält sich versteckt. Und mitten im Wohnzimmer auf einem Regal wie auf einem Altar liegen fein drapiert die Einzelteile eines Wolfs: seine Schnauze, sein Fell, seine Pfoten. Das Kostüm verwandelt Marcel Ellinger in Berkwolf.

Zehn Minuten dauert es. Dann hat sich Ellinger bis auf die Unterwäsche entkleidet, das Fell über den Körper gezogen, den Kopf aufgesetzt und die Fuß- und Handpfoten angelegt. Berkwolf erwacht. Langsam schreitet er durch die Schlafzimmertür. Ein Riese, ein wildes Tier, die langen Krallen bohren sich in den weichen Teppich. Schließlich steht er einfach da, denn in der Wohnung gibt es nichts mehr anzufassen mit den Tatzen, die für den Wald gemacht sind.

Was in Marcel Ellinger vorgeht, wenn er der Berkwolf ist, kann man von außen so wenig sehen wie das Gesicht von Rotkäppchen im Bauch des bösen Wolfs. An den Wochenenden fährt er zu Treffen mit Gleichgesinnten. Gemeinsam ziehen sie durch die Straßen der Städte, gesprochen wird dabei nicht. Die Tiere winken den kleinen Kindern zu und posieren für Fotos, die Passanten verlangen.

In der Fußgängerzone zieht der Berkwolf die Blicke auf sich

Wenn Marcel Ellinger der Berkwolf ist, weiß er instinktiv, wie er sich verhalten muss. Manchmal umarmt er einen Fremden, der auf ihn zukommt. Mit Gesten zu sprechen kann einfacher sein, als immer die richtigen Worte zu finden – und ehrlicher.

Wenn der Berkwolf auftaucht, zieht er die Blicke auf sich in den eintönigen Fußgängerzonen, wo viele sonst bloß mit vollen Einkaufstüten einer routinierten Geschäftigkeit nachgehen. Die Leute bleiben stehen und staunen. Nicht jeder traut sich, das pechschwarze Fell des großen Tiers zu streicheln. Der Wolf kennt keine Floskeln, er hat in der Stadt nichts zu erledigen. Er kauft kein Weck­le und keine Funktionsweste und trägt keine Überweisung von der Kreissparkasse in der Hosentasche. Er ist einfach da in seiner stillen Erhabenheit. Manchen macht das Angst, weil der Wolf den normierten Fußgängerzonenalltag durcheinanderbringt.

Der Mensch im Wolfspelz ist 28 Jahre alt und Angestellter der städtischen Verwaltung. Als Kind ist Marcel Ellinger oft umgezogen. Im Schwarzwald wuchs er bei seiner Mutter auf, war an den Wochenenden und in den Ferien bei der Oma im Stuttgarter Osten. Mit 18 zog er für drei Jahre zu seinem Vater nach Nordrhein-Westfalen. Dann bekam er bei der Stadt Esslingen einen Ausbildungsplatz als Verwaltungsfachangestellter.