Fußball-Bundesliga Der schleichende Tod der U 23?

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Die Bundesligisten müssen neuerdings keine U-23-Teams mehr unterhalten. Einige Clubs wollen ihre Nachwuchsmannschaften daher vom Spielbetrieb abmelden. Für den VfB Stuttgart ist das kein Thema.

Beim VfB II hat Daniel Didavi (rechts) Spielpraxis gesammelt. Foto: Baumann
Beim VfB II hat Daniel Didavi (rechts) Spielpraxis gesammelt. Foto: Baumann

Stuttgart - Einen Aufschrei des Entsetzens hat es nicht gegeben. Weitgehend geräuschlos wurde unlängst die Entscheidung der Mitgliedervesammlung des Ligaverbandes zur Kenntnis genommen, dass die 36 Profivereine der ersten und zweiten Bundesliga von der neuen Saison an nicht mehr zwingend eine U-23-Mannschaft am Spielbetrieb teilnehmen lassen müssen. Bislang war das eine Voraussetzung, um von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) die Lizenz zu bekommen. Nun, da es jedem Verein freigestellt ist, könnte der schleichende Tod dieser Nachwuchsteams eingeleitet worden sein.

Bislang haben zwar nur die Verantwortlichen von Eintracht Frankfurt definitiv entschieden, ihre U 23, derzeit Tabellenzwölfter der Regionalliga Südwest, vom Spielbetrieb abzumelden. Einige andere Bundesligisten aber denken laut darüber nach. Der klamme Hamburger SV, dessen Nachwuchsteam ebenfalls in der vierten Liga spielt, prüft wie Frankfurt nicht zuletzt mögliche Einsparpotenziale; bei Bayer 04 Leverkusen, wo fehlendes Geld nicht das Hauptargument ist, sieht man in einer zweiten Mannschaft in der Regionalliga West offenbar keinen Nutzen mehr. „Wir diskutieren schon lange ihren Sinn und Zweck, ob man sie wirklich braucht“, sagt der Sportchef Rudi Völler. Am Dienstag soll eine Entscheidung fallen – und einiges spricht dafür, dass sie negativ ausfällt.

In Leverkusen wird die U 23 offenbar überflüssig

Denn der Werksclub selbst war es, der bei der DFL den Antrag auf Statutenänderung eingereicht hatte. Sehr viel Geld investiert Bayer in seinen Nachwuchs, der vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit dem Höchstwert von drei Sternen zertifiziert wurde. Und genau deshalb, so die Argumentation der Rheinländer, werde eine U 23 überflüssig. Denn auf dem Weg von der Jugend in den Profikader bedürfe es für die top ausgebildeten Talente keines Zwischenschrittes mehr. Die U 19 wird daher im Unterbau als wichtigste Mannschaft angesehen, nicht mehr die U 23.

Es steht außer Frage, dass viele Talente heutzutage wesentlich früher als in der Vergangenheit Profireife erlangen. Sie trainieren schon in der Jugend täglich und werden in den Nachwuchsleistungszentren von klein auf professionell betreut. Die besten Spieler, so die Denkart von Leverkusen, schaffen es daher sofort in die erste Mannschaft. Und im Zweifel bleibt immer noch die Möglichkeit, Talente wie Christoph Kramer (Mönchengladbach) vorübergehend auszuleihen und abzuwarten, wie sie sich auf diesem zweiten Bildungsweg entwickeln.

„Auf so eine Idee kommen wir nicht“, sagt Fredi Bobic

Vom Mittel der Ausleihe macht regelmäßig auch der VfB Gebrauch – trotzdem ist es in Stuttgart, wie vorerst auch an vielen anderen Bundesligastandorten, überhaupt kein Thema, die U 23 abzumelden. „Auf so eine Idee kommen wir nicht“, sagt der Manager Fredi Bobic. Das hat mit der langjährigen Erfolgsgeschichte der zweiten Mannschaft zu tun und mit der Philosophie des Vereins, auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. „Nachvollziehbar“ findet Bobic zwar auch die Leverkusener Überlegungen – „wir jedoch sehen es nach wie vor als sinnvoll an, eine U 23 als Entwicklungsschritt für unsere Spieler zu haben“.

Die von Jürgen Kramny trainierte zweite VfB-Mannschaft erfüllt mehrere Zwecke: Die talentiertesten Spieler aus der U 19 wie aktuell der Verteidiger Timo Baumgartl können frühzeitig damit beginnen, im Männerfußball Fuß zu fassen; diejenigen Eigengewächse, die es nach Beendigung der Juniorenzeit nicht sofort nach ganz oben schaffen, haben die Chance, sich auf hohem Niveau weiterentwickeln. Und nicht zuletzt: für lange verletzte oder unberücksichtigte Profis von oben wie Daniel Didavi oder Karim Haggui bietet sich in der U 23 die Gelegenheit, Spielpraxis zu sammeln.

Nichts hält Bobic von möglichen Alternativen zu einer eigenen U-23-Mannschaft, die am ganz normalen Ligabetrieb teilnimmt. Mit einer gemeinsame Spielklasse aller Nachwuchsteams der Proficlubs habe man in England schlechte Erfahrungen gemacht. Und auch mögliche Kooperationen mit unterklassigen Clubs, die den Bundesligisten als so genannte Farmteams dienen könnten, seien nicht zielführend: „Das wird oft gemacht, aber nie richtig gelebt“, sagt Bobic: „So etwas funktioniert nur, wenn man die komplette Kontrolle über diesen Verein hat.“ Sein Fazit: „Das Modell der U 23 ist zumindest für uns das beste. Aber das muss jeder Verein für sich entscheiden.“

Bei einem Abstieg des VfB II würde der Club viel Geld sparen

Neben Borussia Dortmund, wo man ebenfalls aus Überzeugung an der U 23 festhalten will, ist der VfB der einzige Club in Deutschland, dessen Nachwuchsteam in der dritten Liga spielt. Derzeit kämpft Kramnys Mannschaft gegen den Abstieg. Der Klassenverbleib sei wünschenswert, sagt Bobic, ein Abstieg jedoch „kein Beinbruch“. Der Manager findet es „sehr unwichtig“, ob der VfB II nun in der dritten oder vierten Liga spiele – es gehe nur „um Spielpraxis auf gutem Niveau“. Das sei auch in der Regionalliga gewährleistet, die sogar einen großen Vorteil bieten würde: Dort könnten die Kosten „deutlich reduziert werden“, sagt Bobic. Derzeit gibt der VfB bis zu drei Millionen Euro für seine zweite Mannschaft aus, „ein beachtliches Volumen in unserem Gesamtbudget“.

Ein Sprecher des DFB erklärt auf Anfrage, dass „ein Großteil der Proficlubs“ seine U-23-Mannschaften vorerst beibehalten will. Wie lange das so bleiben wird, vermag aber auch er nicht vorherzusagen.