Die drei neuen Coronafälle binnen zwei Tagen werfen ganz unterschiedliche Fragen auf. Zunächst jene, ob sich Bredlow womöglich trotz doppelter Impfung infiziert haben könnte. Die Vermutung liegt nahe. Schließlich hatte der 26 Jahre alte Keeper – im Gegensatz zu Anton und Thommy – auf dem Platz gestanden, als Ende Juli im Testspiel gegen den FC Barcelona (0:3) nur vollständig geimpfte Spieler zum Einsatz gekommen waren. Eine Vorsichtsmaßnahme war es, nachdem sich unmittelbar davor Sasa Kalajdzic, Tanguy Coulibaly und Nikolas Nartey mit dem Coronavirus infiziert hatten.
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Schwerer fällt die Antwort auf die grundsätzliche Frage, von der Bredlow zwar nicht betroffen scheint, die sich in diesen Tagen aber dennoch wieder aufdrängt: Warum gibt es noch immer zahlreiche Fußballprofis, die sich (noch) nicht haben impfen lassen?
Nach Informationen unserer Redaktion sind inzwischen knapp 90 Prozent der rund tausend Spieler der 36 Erst- und Zweitligisten mindestens einmal geimpft. Es ist eine immerhin höhere Quote als in der Gesamtbevölkerung, in der das Robert-Koch-Institut davon ausgeht, dass 84 Prozent aller Erwachsenen sich zumindest einmal haben piksen lassen. Doch bleiben im deutschen Profifußball rund 100 Kicker, die bewusst nicht nur eine Zwangspause riskieren und neben der eigenen Gesundheit auch die ihres Umfelds gefährden. Sie nehmen auch in Kauf, innerhalb der Mannschaft die Abläufe durcheinanderzubringen, im Verein für Unruhe und in der Öffentlichkeit für Diskussionen zu sorgen.
Denn stellt sich nun da an vielen Bundesliga-Standorten, darunter auch Stuttgart, die 2-G-Regel eingeführt und mit ihr wieder ein volles Stadion möglich und das Tragen von Masken unnötig werden soll, eine weitere Frage, die, stark zugespitzt, so lautet: Wie passt es zusammen, dass Ungeimpfte nicht auf die Tribünen dürfen, sehr wohl aber aufs Spielfeld?
Warum für Spieler auch weiterhin 3 G gilt
Es ist ein Widerspruch, der sich formal einfach erklären lässt. Denn für Fans und Spieler gelten unterschiedliche Bestimmungen. Zuschauer haben sich nach den Coronaverordnungen der jeweiligen Behörden und Veranstalter zu richten, was in Stuttgart künftig bedeuten wird: Aufgrund des 2-G-Optionsmodells, das in Kürze durch die Landesregierung verabschiedet und vom VfB angewandt werden soll, genügt ein Test nicht mehr, um zuschauen zu dürfen.
Spieler sind von 2 G ausgenommen – für sie gilt weiterhin das 3-G-Arbeitsschutzkonzept, das von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) bereits zu Beginn der Coronapandemie erarbeitet wurde. Kein Geheimnis ist es, dass die meisten Clubs lieber heute als morgen auf 2 G umstellen würden. Doch würde dies für die Profis eine Impfpflicht bedeuten, die rechtlich kaum durchzusetzen wäre und in der Öffentlichkeit einen Aufschrei auslösen würde. Bedeutet: Impfunwillige Fans müssen in Kauf nehmen, keinen Zugang ins Stadion mehr zu erhalten – für impfunwillige Kicker geht es weiter wie bisher, weil sie ansonsten ihren Beruf nicht mehr ausüben könnten.
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Also bleibt es bei den Appellen und Aktionen, an denen es bereits in den vergangenen Monaten nicht gemangelt hat. Eindringlich hat beim VfB Sportdirektor Sven Mislintat seiner Mannschaft ins Gewissen geredet. Als DFL-Chef nahm Christian Seifert Spieler und Clubs in die Pflicht und verwies auf die Vorbildfunktion der Profis und die gesellschaftliche Verantwortung der Bundesliga.
Der DFB hat anlässlich seiner jüngsten Impfkampagne Tim Meyer nach vorne geschickt. „Mit einer Impfung schützt man seine Mitspieler, seine Trainer, die Vereinsmitarbeiter und die Zuschauer“, sagte der Nationalmannschaftsarzt und bekräftigte: „Wer sich impfen lässt, zeigt, dass er Verantwortung gegenüber seiner Mannschaft trägt, seinem Verein, der Liga, in der er spielt, der Gemeinschaft und der Gesellschaft.“ Gehör wird wohl auch Meyer nicht bei allen finden.