Fußball-EM An Klose führt immer noch kein Weg vorbei

Miroslav Klose bringt die Erfahrung aus 116 Länderspielen mit. Foto: AP
Miroslav Klose bringt die Erfahrung aus 116 Länderspielen mit. Foto: AP

Der Nationalstürmer bestreitet bei der Europameisterschaft sein sechstes Turnier – und denkt bereits an die Weltmeisterschaft 2014.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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Danzig - Eines Morgens klingelt es an der Tür von Miroslav Klose in Olgiata, einem schmucken Vorort von Rom. Der Briefträger steht vor dem Haus. Er hat keine Post dabei, dafür aber einen Wunsch. Ob er etwas ganz Verrücktes tun dürfe, fragt er, und ehe Klose antworten kann, geht der Mann in die Knie und küsst dem Hausherrn die Füße. Er wolle sich für das entscheidende Tor bedanken, das Klose am Abend zuvor für Lazio gegen den AS Rom geschossen hat. Fünf Jahre habe er auf einen Sieg im Stadtderby warten müssen.

Miroslav Klose hat die Geschichte schon öfter erzählt, und wahrscheinlich hat es sich tatsächlich genau so zugetragen. Jedenfalls stand der Angreifer noch nie im Verdacht, sich über Gebühr wichtig zu nehmen – auch jetzt nicht, da er allen Grund dazu hätte. 116 Länderspiele hat er bestritten, nur Lothar Matthäus (150) steht noch vor ihm. Und nur fünf Tore muss er seinen bisher 63 Treffern noch hinzufügen, um in der ewigen Torjägerliste zu Gerd Müller aufzuschließen, dem Bomber der Nation. Einen prominenten Platz in der Geschichte hat Klose also längst sicher.

Die Sache hat nur einen Haken: eine Fußballkarriere gilt in Deutschland erst als vollendet, wenn sie mit einem großen Titel gekrönt wird. Klose hat noch keinen gewonnen. Und viel Zeit bleibt ihm nicht mehr, dies nachzuholen. Fünf Turnier hat er bestritten, seit der WM 2002 ist er immer dabei gewesen. „Ich bin zweimal Zweiter und zweimal Dritter geworden“, sagt er „jetzt will ich endlich etwas in den Händen halten.“ Die Chancen waren womöglich nie besser als bei seinem sechsten Anlauf: der EM in Polen, seinem Geburtsland, und in der Ukraine.

Am Tag des Auftaktspiels gegen Portugal wird Klose 34

Am Samstag, dem Tag des Auftaktspiels gegen Portugal, wird Klose 34 Jahre alt. Er ist mit Abstand der älteste Spieler im deutschen Kader – und noch immer unverzichtbar. Es ist bitter für Mario Gomez, aber wie es aussieht, kann der Münchner in der Bundesliga so viele Tore schießen, wie er will. An seinem Konkurrenten im Angriff gibt es trotzdem kein Vorbeikommen. „Hut ab vor Mario, was er in den vergangenen zwei Jahren geleistet hat. Er ist ein Superstürmer“, sagt Klose – und weiß doch genau, dass er um seinen Platz kaum bangen muss: „Wenn ich fit bin, gehe ich davon aus, dass ich das Eröffnungsspiel mache“, sagte er schon zu Beginn der Vorbereitung auf Sardinien, als er noch weit davon entfernt war, auch nur annähernd fit zu sein.

Die Frage nach Kloses körperlicher Verfassung, sie stellt sich mittlerweile schon fast traditionell vor großen Turnieren. „Ich glaube, zu hundert Prozent war ich noch nie fit“, sagt er. Vor der WM 2010 hatte er bei den Bayern ein Jahr fast nur auf der Ersatzbank gesessen, absolvierte ein individuelles Aufbauprogramm – und schoss anschließend vier Tore in fünf WM-Spielen.

Besser geeignet für das deutsche Spiel als Gomez

Diesmal ist er mit einer Sprunggelenksverletzung angereist, während der Trainingslager zwickte es ihn am Rücken („Das ist das Alter“), er hat beim Mannschaftstraining oft gefehlt. Wenn die Eindrücke nicht täuschen, wird er gegen Portugal trotzdem wieder in der Startelf stehen. Denn für den Hochgeschwindigkeitsfußball der deutschen Mannschaft scheint er besser geeignet zu sein als Gomez. „Ich komme mehr vom Spielerischen“, sagt Klose, „Mario ist eher ein Abschlussstürmer.“

Es ist Kloses große Stärke, dass er ein Instinktfußballer ist, der sich den Gegebenheiten jederzeit anpassen kann. Früher, unter Rudi Völler oder Erich Ribbeck, als die Bälle noch hoch und weit in den Strafraum flogen, war er mit dem Kopf zur Stelle. Jetzt kann er problemlos beim Kurzpassspiel mithalten, das die deutsche Elf unter Joachim Löw bisweilen fast in Vollendung praktiziert.

Aus der Pfalz in die große Fußballwelt

Umso erstaunlicher ist dies, wenn man bedenkt, dass Miroslav Klose unter all den Özils, Lahms und Khediras der letzte verbliebene Nationalspieler ist, der den modernen Fußball nicht von klein auf im Nachwuchsinternat eines Bundesligaclubs gelernt hat. Noch mit 20 spielte er bei der SG Blaubach-Diedelkopf in der Bezirksliga Westpfalz. „Es wäre heute unmöglich, eine solche Karriere zu machen“, sagt der DFB-Teammanager Oliver Bierhoff: „Die Ausbildung in jungen Jahren, das Niveau, das dabei erreicht wird – das kann man später nicht mehr aufholen.“

Im Rückblick staunt auch Klose selbst über seinen Weg aus der Pfalz in die große Fußballwelt. „Früher war ich vollblind, dann habe ich was dazugelernt und mich weiterentwickelt“, witzelt er – und wo er schon mal dabei ist mit den flotten Sprüchen setzt er gleich noch einen drauf: „Solange mich die Beine tragen, schleppe ich meinen Kadaver noch ein bisschen durch.“

Klose lacht dabei, doch sollte niemand glauben, dass er es nicht ernst meint. Noch zwei Jahre läuft sein Vertrag bei Lazio Rom – und zwei Jahre sind es auch noch bis zur WM in Brasilien. Sie sei, sagt Miroslav Klose, der dann 36 Jahre alt sein wird und jetzt keine Witze mehr macht, „durchaus ein fernes Ziel“. Für Mario Gomez dürfte das wie eine Drohung klingen.

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