Fußball und Männlichkeit Kahn brauchte Hilfe, und keiner durfte es wissen
Torwart-Legende Oliver Kahn spricht in Stuttgart über Männlichkeit, woran er fast zerbrochen wäre – und warum er sich mehr Frauen im Fußballgeschäft wünscht.
Torwart-Legende Oliver Kahn spricht in Stuttgart über Männlichkeit, woran er fast zerbrochen wäre – und warum er sich mehr Frauen im Fußballgeschäft wünscht.
Es gab eine Zeit, da wäre es für Oliver Kahn undenkbar gewesen, über Gefühle zu reden. Aber am Mittwochabend im Stuttgarter Kammertheater gab er Einblicke, wie es sich für den Titan anfühlte zu scheitern. Damals, 1999 beim Champions-League-Finale gegen Manchester United, war das; als der Torwart zwei Tore in der Nachspielzeit kassierte und das Spiel mit dem FC Bayern doch noch verlor. „Ich war wie erstarrt“, sagte er. Als er sich vor Tausende eigene Fans stellte und von ihnen nur Stille zurückkam. „Das sind Momente, die gehen tief“, sagte der 54-Jährige. „Das war für mich der Moment, an dem das ganze von mir gedachte System, mehr und noch mehr macht einen immer besser, gekippt ist.“ Es sei ein Punkt der totalen Erschöpfung gewesen.
Eigentlich sollte es an diesem „Männerabend“, einer Veranstaltung der Reihe „Generation Konflikt“, um einen kritischen Blick auf Männlichkeit gehen. Aber klar, wenn Kahn, der ehemalige Welttorhüter, mitdiskutiert, geht es auch um Fußball. Aber er schaffte dann doch die Brücke zum Thema. Er habe sich damals gesagt: „Da komme ich nicht mehr alleine raus.“ Kahn holte sich professionelle Hilfe. „Zur damaligen Zeit musste man das alles geheim halten.“ Und er habe hart daran arbeiten müssen, nicht das Gefühl zu haben, nur etwas wert zu sein, wenn er erfolgreich ist, sagte Kahn.
Mit Kahn am Podium waren die Soziologin Silvia Krumm vom Universitätsklinikum Ulm und der Berliner Männercoach Sven Philipp, die Moderatorin Salwa Houmsi sorgte für gleich verteilte Redeanteile. Krumm knüpfte an Kahns Sätze an: Es sei üblich, dass sich Männer sehr stark mit ihrem Job identifizierten – und in eine tiefe Krise stürzten, wenn es dort Probleme gebe, sagte sie. Zwar würden Frauen wesentlich öfter mit Depression diagnostiziert als Männer, allerdings würden Männer dreimal öfter Suizid begehen. Eine Ursache sieht sie darin, dass Männer nicht darüber redeten, wenn es ihnen schlecht gehe, sich keine Hilfe holten.
Kahn erzählt, er sei jahrelang darauf hingetrimmt worden, der emotionale, aggressive Torwart zu werden, als der er bekannt wurde. Hinzu sei ein brutaler Konkurrenzkampf gekommen. „Da kämpfst du immer um deine Existenz. In jedem Training sind andere, die besser sein, die dich verdrängen wollen.“ Dieser Konkurrenzkampf sei auch gepusht worden, die Trainer eine unhinterfragte Autorität. Heute sei das anders: „So wollen die jungen Spieler nicht mehr.“
Seine Mutter habe ihn zu einem Männer-Workshop überredet, sagt Sven Philip. Er habe dort gelernt, Gefühle zuzulassen und mit diesen umzugehen. Seine Schlüsse: „Ich habe Dinge gelernt, die man mit Männlichkeit in Verbindung bringen kann: fokussierter und disziplinierter zu sein, mir einen Plan zu machen und durchzuziehen.“
Das eint den Fußball-Titan Kahn und Männercoach Philipp: Sie wollen für eine emotionalere und verständnisvollere Form von Männlichkeit stehen, um letztlich erfolgreicher zu sein – Philipp mitunter bei Frauen und seinen Kunden, Kahn als Führungskraft im Sportgeschäft. Erfolg haben müssen – sie folgen wieder einem männlichen Stereotyp.
Kahn nutzt den Abend noch für einen Appell für mehr Gleichberechtigung: „Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Frauen im Fußball in Führungspositionen kommen. Denn wenn man diese Auseinandersetzungen mitbekommt, wo die Menschen voller Testosteron sind und zum Schluss überhaupt nix dabei herauskommt, außer dass der recht hat, der die meiste Macht hat, das finde ich verheerend.“ Der Satz dürfte auch ein Seitenhieb in Richtung München sein.