Fußball-WM 2018 Mission gescheitert

Von Marco Seliger 

Erstmals bei einer Fußball-WM ist das deutsche Team in der Vorrunde ausgeschieden. Der Frust ist riesengroß – aber die Probleme in und um das Team waren es auch. Nun beginnt die Aufarbeitung. Ob mit oder ohne den Bundestrainer, ist offen.

Fassungslos: Mario Gomez, Mats Hummels und Niklas Süle nach dem Aus gegen Südkorea Foto: dpa
Fassungslos: Mario Gomez, Mats Hummels und Niklas Süle nach dem Aus gegen Südkorea Foto: dpa

Kasan - Thomas Schneider, der Co-Trainer, klappte seine Ledermappe zu, dem Abwehrspieler Joshua Kimmich stiegen die Tränen in die Augen, andere standen, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, fassungslos auf dem Rasen. Der Ort dieses Szenarios: das russische Kasan – das fortan als Schauplatz gilt für den größten Tiefpunkt, den eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft je erlebt hat. In Zahlen heißt das nach der Vorrunde: drei Punkte, 2:4 Tore, Platz vier. In Worten: „Das ist ein ganz, ganz bitterer Abend. Für uns, aber auch für alle Fußballfans.“

Sagte Mats Hummels, der Abwehrchef der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die mit dem Ziel nach Russland gereist war, den Kraftakt des Titelgewinns von 2014 zu wiederholen. Doch schon auf der ersten Stufe, im dritten Vorrundenspiel gegen Südkorea platzte dieser Traum mit einem großen Knall – weil zum dritten Mal in diesem Turnier deutlich wurde: Diese deutsche Mannschaft bringt nicht das Niveau, nicht den Zusammenhalt, nicht die Klasse, nicht die Frische und nicht diese Gier auf den Platz wie es vor vier Jahren der Fall war. „Symptomatisch war das Tor zum 0:1“, klagte Hummels.

Der noch amtierende Weltmeister hatte sich bis dahin mehr schlecht als Recht über den Platz geschleppt. Klare Torchancen gab es kaum, wenn doch, wurden sie vergeben. Tempoverschärfungen waren rar – und als die Südkoreaner in der Nachspielzeit einen Eckball nach innen geschlagen hatten, spitzelte ausgerechnet Toni Kroos zu Kim Young Gwon. Der traf, die Überprüfung bestätigte den Treffer, und als Manuel Neuer wenig später sein Tor verlassen hatte, um im Angriff zu helfen, machte Heung-Min Son den Deckel drauf. Aus deutscher Sicht bedeutete das: 0:2. Aus. Vorbei. „Jeder ist tief enttäuscht“, sagte wenig später Teammanager Oliver Bierhoff, „am Ende war es zu wenig.“ Joachim Löw, der nun gescheiterte Weltmeistertrainer, musste zugeben: „Wir sind zu recht ausgeschieden.“ Wie die Titelträger Frankreich (2002), Italien (2010) und Spanien (2014).

Die Leichtigkeit hat gefehlt

Erstmals ist das nun Deutschland bei einer WM passiert, am Ende war die Angst vor dem Vorrunden-Aus größer als die Lust und der Mut, die Wende in diesem Turnier noch herbeizuführen. Dass sie überhaupt notwendig geworden war, ist keine Folge irgendwelcher Zufälle – sondern der Höhepunkt einer Reihe von Unzulänglichkeiten. Sportlich fasste Löw diese wie folgt zusammen: „Der Mannschaft hat die Leichtigkeit gefehlt, unsere Sicherheit war einfach nicht vorhanden.“ Kaum ein Führungsspieler war in Form. Aber das war lange nicht alles.

„Im Herbst 2017“, sagte Hummels, habe die Mannschaft das letzte gute Länderspiel abgeliefert. Die Generation der Weltmeister wuchs seitdem nicht mit den nachrückenden Spielern, die zum Teil noch vor einem Jahr den Confed-Cup gewonnen haben, zusammen. Schon die Nominierung wurde erstmals unter Löw von scharfer Kritik Betroffener (Sandro Wagner) begleitet, die Testspiele gegen Österreich und Saudi-Arabien waren schwach. Mesut Özil und Ilkay Gündogan bürdeten dem DFB-Tross eine politische Diskussion und atmosphärische Störungen auf. Manuel Neuer reiste ohne Spielpraxis an, Jérôme Boateng mit einer Verletzung. Nach dem ersten mauen Auftritt gegen Mexiko mündete die öffentliche Kritik von Hummels in einer notwendig gewordenen internen Aussprache, beim Last-Minute-Erfolg gegen Schweden schadeten dann provozierende DFB-Mitarbeiter auch noch dem Ansehen der Delegation. Löw setzte in den drei Spielen zudem 20 Spieler ein, jüngere, routiniertere, versuchte ungewöhnlich viel – ohne eine funktionierende Einheit zu finden.

Historische Pleite

Für alle die Schwierigkeiten habe es „immer wieder kleine Anzeichen gegeben“, sagte Sami Khedira – und gab tief enttäuscht zu: „Die gab es vor anderen Turnieren auch, aber diesmal haben wir nicht die Kurve bekommen.“ Im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea hätte am Ende ein 1:0-Erfolg für den Einzug ins Achtelfinale gereicht – doch selbst an dieser scheinbar lösbaren Aufgabe scheiterte diese Mannschaft, der einige WM-Fahrer von 2018 bei der EM 2020 wohl nicht mehr angehören werden.

Seit 2006 hat das deutsche Team (erst unter Jürgen Klinsmann, seit 2008 unter Joachim Löw) immer mindestens das Halbfinale einer WM oder EM erreicht. Dazu kommt der WM-Titel 2014 und der Sieg beim Confed-Cup 2017. „Die letzten Jahre waren sensationell“, sagte Khedira. Diese Erfolge bleiben auch bestehen, werden nun aber erst einmal überzogen von der Enttäuschung der historischen Pleite von Kasan.

Die Mission Titelverteidigung wird nun zügig abgewickelt. Am Abend flog das Team noch zurück nach Moskau. Von dort aus geht es an diesem Donnerstag zurück nach Frankfurt. Danach beginnt die Aufarbeitung. Ob mit oder ohne Joachim Löw – das ließ der Bundestrainer im Moment seiner bittersten Niederlage offen.