WM 2022 in Katar Warum ein Fußballfan aus Baden-Baden zur WM reist

Stephan Werner liebt es Fußball im Stadion zu sehen. Foto: privat

Wie reist man in ein totalitäres Land, um seinem Hobby Fußball nachzugehen? Stephan Werner aus Baden-Baden erklärt seine Reise nach Katar zur Fußball-WM.

Stadtkind: Erdem Gökalp (erg)

In fünf Weltmeisterschaften hat Hans-Joachim Toews das noch nicht erlebt. Zwei Jahre hat es gedauert, die Reise von 50 Mitgliedern eines DFB-Fanclubs aus dem Südwesten zur WM nach Katar zu organisieren, die jetzt ansteht. Die Reisegruppe besteht laut dem 62-Jährigen aus eher etwas älteren Menschen, die auch finanziell ein wenig besser dastehen als der durchschnittliche Stadiongänger und sich daher auch einen teuren Ausflug wie den nach Katar leisten können.

 

Toews ist Betreuer der Gruppe von Fußballfans und organisiert seit vielen Jahren die Trips zu den großen Turnieren. Das ist jedoch oft leichter gesagt als getan. „Wir haben diesmal einfach kein Zimmer in dem Austragungsort Katar bekommen, weil die Fifa bis vor zwei Monaten die meisten Hotels in dem Land gesperrt hatte“, sagt er. Dabei sei bei so einem Auswärtsspiel für mitreisende Fans sonst auch viel zu beachten: von Visumbestimmungen über die Reise, den Flug bis zum bezahlbaren Aufenthalt im Zielland. Die Übernachtungsmöglichkeiten gerade in der Hauptstadt Doha sind dabei das größte Problem für Organisatoren wie Toews gewesen.

300 Euro pro Nacht

„Weil Katar ein relativ kleines Land ist und die Zahl der Hotelbetten damit begrenzt ist, hat man als normaler Fan kaum eine Chance gehabt, ein Zimmer zu kriegen“, sagt er. Als man dann endlich buchen konnte, hätte man mindestens 300 Euro pro Nacht für ein Zimmer mit Doppelbett und nicht weniger als 1200 Euro für den einfachen Flug bezahlen müssen. Das wäre sogar für die Mitglieder seines Fanclubs zu teuer gewesen. Darum mussten sie für den Aufenthalt nach Dubai ausweichen.

Mit dieser Art von Problemen steht Toews jedoch nicht allein, denn damit dürften sich in den vergangenen Monaten sicherlich 35 000 Menschen allein in Deutschland beschäftigt haben. So viele Tickets wurden laut dem Weltverband Fifa für die Weltmeisterschaft, die an diesem Sonntag startet, nach Deutschland verkauft. Dieses Jahr ist der Austragungsort besonders umstritten, denn Katar ist ein Land, das nicht nur ungeheuer reich ist, sondern auch wegen der umstrittenen Menschenrechtslage als problematisch gilt. Das Auswärtige Amt verweist ausdrücklich darauf, sich als Tourist in bestimmten Bereichen zurückzuhalten. So ist das Strafrecht geprägt durch islamische Moralvorstellung und extreme Gesetze. Homosexuelle Handlungen und nicht ehelicher Geschlechtsverkehr sind verboten und Trunkenheit und Konsum von Alkohol ebenfalls.

83-mal im Stadion allein in diesem Jahr

Eine Person, die sich in den letzten Wochen ebenfalls in die Verhaltensrichtlinien für das arabische Land einarbeiten musste, ist der 54-jährige Stephan Werner aus Kuppenheim bei Baden-Baden. Er trinke zum Glück keinen Alkohol und wird zumindest unter dieser Einschränkung nicht leiden müssen. Zeit zum Reden nimmt sich der gelernte Speditionskaufmann vor seiner Arbeit als Teamleiter bei der Mercedes Benz AG in der Pfalz. „Ich war dieses Jahr schon 83-mal im Stadion“, sagt er. In der Regel sind das Spiele seines Stammvereins VfB Stuttgart gewesen. Doch das Mitreisen zu Auswärtsspielen der deutschen Nationalmannschaft ist eine regelrechte Obsession für ihn. Er ist Teil der sogenannten Groundhopper-Bewegung, was ein Sammelbegriff für Sportfans ist, die den Besuch von verschiedenen Sportstadien auf der Welt wie Trophäen sammeln. Das Stadion in Doha fehlt noch auf seinem Kerbholz.

Oft pilgert er zu Spielen mit seiner Frau oder seiner 25-jährigen Tochter. Bis vor wenigen Jahren habe seine Tochter Eishockey gespielt, und er habe sie an Wochenenden zu ihren Spielen gefahren. „Als sie mit dem Sport aufgehört hat, habe ich meine Leidenschaft für Fußball entdeckt, und wir haben angefangen, gemeinsam auf die Spiele zu fahren“, sagt er. Seinen Flug nach Dubai, der für diesen Sonntag geplant ist, muss er diesmal jedoch alleine antreten. „Meine Tochter hätte die Reise moralisch für sich nicht vertreten können, denn sie hat auch schwule und lesbische Freunde und sieht die Haltung Katars sehr kritisch“, sagt er. Er will sich dennoch nicht von der Reise abbringen lassen.

Zunahme an Straftaten gegen Schwule und Lesben

Vereine wie der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) in Baden-Württemberg registrieren seit Jahren eine Zunahme von Hasskriminalität gegen queere Menschen, auch in Baden-Württemberg. „Es gibt leider immer noch zu viele Länder der Erde, in denen die Todesstrafe auf Homosexualität steht oder in denen diese angewandt werden kann“, sagt LSVD-Sprecherin Kerstin Fritzsche. Durch die Kontroverse um die WM ist ihre Arbeit nun noch mal in den öffentlichen Fokus gerückt.

Auch Fußballfan Stephan Werner kann der moralischen Keule nicht ausweichen. „Natürlich ist das falsch gewesen, die WM in Katar auszutragen“, sagt er. „Aber jetzt ist das Unglück schon passiert, und ich will die Nationalmannschaft unterstützen.“ Doch nicht nur die Menschenrechtslage beschäftigt ihn. Beispielsweise muss er sich jetzt erst mal überlegen, ob er sich ein Reisehandy für seinen Ausflug zulegen muss.

Touristen müssen zwei Apps auf ihre Smartphones herunterladen, um in das Land einreisen zu dürfen – unter anderem eine Corona-Warn-App. Die App Ehteraz jedoch soll, sobald sie auf dem Smartphone ist, auf sämtliche Daten des Nutzers zugreifen können. Datenschützer kritisieren die Anwendung und raten daher davon ab, das eigene Telefon für die Apps zu nutzen. „Ich habe mich komplett transparent für die Regierung gemacht“, sagt auch Stephan Werner. Die üblichen Reisevisa für Katar sind zudem für die Dauer der Weltmeisterschaft ausgesetzt worden. Stattdessen benötigen die Reisenden die sogenannte Hayya-Card, die sie bei der Botschaft des Staates Katar beantragen müssen.

Nicht nur die Spiele, sondern auch das Land besichtigen

Doch nichts von den Herausforderungen kann Werner von seiner Leidenschaft abhalten. Dem Spiel habe er es zu verdanken, dass er mit seiner Frau Städte wie Bologna gesehen habe oder andere für ihn sonst unbekannte Städte auf der Welt. „Diese Erfahrung hätten wir sonst nie gemacht. Deswegen liebe ich dieses Spiel“, sagt er. Auch bei seiner Reise nach Doha und Dubai wird er nicht nur das Spiel der Nationalelf gegen Japan und das gegen Spanien ansehen, sondern auch das Land besichtigen.

Übernachten werden sie in einem sogenannten Fancamp in Dubai, das der DFB-Fanclub organisiert hat. Teil des Programms sind auch Ausflüge zu touristischen Zielen in Dubai. Für Katar hat er nur jeweils ein 24-Stunden-Visum erhalten. Sie werden als Gruppe zum Spiel reisen, und müssen kurze Zeit später wieder zurück nach Dubai fliegen. Manche Reisenden müssen das dann für jedes Spiel machen. „Ich kenne einen, der vorhat, in den nächsten Wochen 40 Spiele der WM im Stadion anzusehen“, sagt Werner.

Schlechte CO2-Bilanz

Gepackt hat Werner für seine Reise auch schon. Laut Wettervorhersage sollen es 30 Grad werden. Daher hat er auch die Badehose dabei und viele verschiedene Deutschlandtrikots. Die Stadien sollen klimatisiert sein, was auch die CO2-Bilanz für diese WM stark nach unten zieht. Aber auch dieses Opfer wird man wohl noch bringen können, wenn man seine Mannschaft unterstützen will. Schließlich kann man jetzt nicht viel mehr machen, außer die Spiele zu schauen und für seine Mannschaft zu jubeln. Auch mit schlechtem Gewissen.

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