Fußballer Benjamin Boakye Filderstädter auf dem Weg zum VfB-Profi

Für die U-19-Junioren des VfB Stuttgart läuft Benjamin Boakye (Mitte in Weiß) regelmäßig auf – hier gegen Hoffenheim. Foto: Baumann

Benjamin Boakye hatte keine einfache Kindheit, fand im Fußball aber seinen Ausgleich. Inzwischen ist er U-18-Nationalkicker und könnte bald in der Bundesliga auftauchen – was auch mit einem einst verbotsbewussten Vermieter zu tun hat.

Lokalsport: Patrick Steinle (pst)

Einsätze in Testspielen der Profis und bei den U-21-Junioren in der Fußball-Regionalliga, Stammspieler im U-19-Team: Benjamin Boakye ist eines der heißesten Eisen in der Talentschmiede des VfB Stuttgart. Kein Wunder, dass der Verein seinen Vertrag verlängert hat – der Youngster soll über die zweite Mannschaft zu den Großen herangeführt werden. Wunschziel Bundesliga. „Das ist richtig cool“, sagt der 18 Jahre alte Boakye selbst. Umso mehr, da er einen steinigen Weg hinter sich hat.

 

Über einen Teil seiner Kindheit spricht Boakye ungern. Jener lässt sich für sein Gegenüber beim Interview-Termin nur in Fragmenten erahnen: Umzüge, Ärger mit Nachbarn, Leben in Sozialwohnungen. In den Schoß gefallen ist dem Wahl-Filderstädter, dessen Eltern einst aus Ghana nach Deutschland kamen und der selbst in Pforzheim geboren ist, jedenfalls nie etwas. Was ihm geholfen hat, ist die starke Bindung zur Familie seines Schulkumpels Paul, den Kellers aus Sielmingen. Bei diesem Thema wiederum wird Boakye offensichtlich warm ums Herz. „Ohne sie wäre ich nicht dort, wo ich jetzt bin“, sagt er.

Die ersten Schritte ging er beim TSV Sielmingen

„Benny war für meine Tochter Elke und mich wie ein Familienmitglied“, erzählt der Großvater Walter Keller. „Wir haben ihn seit seinem sechsten Lebensjahr begleitet: schulisch, menschlich und sportlich.“ Der gefühlte zweite Sohn kam zum Essen, zum Übernachten und, vor allem auch, und damit zurück zum eigentlichen Anlass dieser Geschichte – zum Fußballspielen.

Es war damals Paul, der seinen Freund mit zum Training beim TSV Sielmingen nahm, nachdem der Vermieter an dessen Wohnort das Schießen auf ein Schiebetor verboten hatte. „Das Fußballspielen hat alles andere ausgeblendet“, sagt Boakye rückblickend. Im Verein machte er seine ersten Schritte in Stollenschuhen. Der damalige Trainer Matthias Hempel erinnert sich noch an das Premierentraining: „Während die anderen Pässe und Annahmen geübt haben, war Bennys erste Aktion ein Fallrückzieher“, sagt er. „Er war viel weiter als seine Mitspieler; so einen Spieler hatten wir nie wieder.“ Als Typ „Straßenkicker“ überflügelte Boakye seine Altersgenossen, dribbelte gar vom eigenen bis in das gegnerische Tor. „Ihm konnten wir gar nicht viel beibringen“, berichtet Hempel. „Er wollte sich nie auswechseln lassen, hat sich immer durchgekämpft.“

Boakye verschießt Elfmeter im Meisterschaftsfinale

So ging es auf der Karriereleiter aufwärts. 2014, mit neun Jahren, wagte Boakye den Schritt zu den Stuttgarter Kickers. Eineinhalb Jahre später klopfte der VfB an. Seitdem trägt der Talentierte das Trikot mit dem roten Brustring. Sein wohl einprägsamstes Erlebnis: 2022 stand er mit der U 17 im Finale um die deutsche Meisterschaft. Die Stuttgarter verloren gegen Schalke 04 erst im Elfmeterschießen mit 3:4 – mit Boakye als Fehlschütze. „Es hat eine Weile gedauert, das zu verkraften. Aber ich konnte viel aus diesem Spiel mitnehmen“, sagt der Teenager, der mit seinen Eltern heute in Bonlanden wohnt.

Seine Schwäche: Wenn es nicht läuft, tauche er schnell ab. In der aktuellen U-19-Bundesliga-Saison überzeugt er aber. In zwölf der bislang 13 Partien spielte er von Beginn und traf fünfmal. Zuletzt fehlte er erstmals bei den A-Junioren, weil er stattdessen bei den Aktiven 90 Minuten in der Regionalliga auf dem Feld stand. Zwar verlor das U-21-Team mit 1:2 gegen den FSV Frankfurt, doch der insgesamt zweite Einsatz in der Elf von Markus Fiedler verdeutlicht das Ansehen, welches der junge Deutsch-Ghanaer bei den Schwaben genießt.

Erworben hat er sich dieses dank seiner Schnelligkeit in Dribblings sowie seinem beidfüßigen Abschluss. Getreu seiner Positionen im Sturmzentrum oder auf dem offensiven Flügel, schaut er sich gerne Dinge bei den VfB-Stars Serhou Guirassy und Silas ab. Früher war sein Vorbild Neymar, „mit seinen Tricks und seiner Leichtigkeit“.

VfB-Stars Guirassy und Silas sind seine Vorbilder

Eben diese Lockerheit braucht Boakye auf dem Feld selbst, sonst läuft es nicht beim Angreifer. Kommunikativ unterwegs, ist ihm ein gutes Verhältnis zu seinen Mitspielern immens wichtig. In Sielmingen lernte er, dass es mit Freunden am meisten Spaß macht. „Wenn es in der Mannschaft stimmt, klappt es auf dem Feld automatisch“, sagt der 18-Jährige, der im Mai sein Fachabitur bestand.

Mit seinen flinken Aktionen auf der Außenbahn hat er sich aber nicht nur vereinsintern bekannt gemacht, wo er regelmäßig bei den Profis mittrainiert und bereits bei Testspielen auflaufen durfte, sondern ist auch auf dem DFB-Radar gelandet. Bislang kommt Boakye auf zwei Einsätze für die deutsche U-18-Nationalmannschaft, bei denen er jeweils ein Tor und eine Torvorlage beisteuerte. Zudem stand er mehrfach im erweiterten Kader. „Wenn ich sehe, dass ich auf Abruf bin, ist das für das nächste Spiel ein Anreiz“, sagt Boakye.

Wie weit es für ihn reicht, wird sich zeigen. Sein Förderer aus der Kindheit ist sich sicher: „Er wird Profi“, sagt Walter Keller. „Ich freue mich sehr für Benny, dass er diesen Weg geht.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu VfB Stuttgart