Gaffer auf der A 8 Wer beim Unfall knipst, riskiert eine Haftstrafe

Von kew/dpa 

Auf der A 8 kommt ein Mensch ums Leben. Viele halten schamlos die Handykamera hin. Warum kann die Polizei so wenig dagegen tun?

Was reizt Menschen an einem solchen traurigen Anblick? Am Mittwoch hatte die Polizei bei Pforzheim  alle Hände voll zu tun, Neugierige zu bremsen Foto: 7aktuell.de/Igor Myroshnichenk
Was reizt Menschen an einem solchen traurigen Anblick? Am Mittwoch hatte die Polizei bei Pforzheim alle Hände voll zu tun, Neugierige zu bremsen Foto: 7aktuell.de/Igor Myroshnichenk

Pforzheim - Rettungskräfte kämpfen um das Leben schwer verletzter Unfallopfer. Derweil halten andere schamlos ihre Handykamera hin und hoffen auf reißerische Fotos. „Um an Bildmaterial zu gelangen, wird bei einzelnen Schaulustigen ein provakatives, teilweise respekt- und pietätloses Verhalten beobachtet“, erklärte ein Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums.

So war es auch bei einem tödlichen Unfall, der sich am Mittwoch auf der Autobahn 8 bei Pforzheim ereignet hat. Es sei zu massiven Störungen durch Gaffer gekommen, klagte die Polizei. Mehrere Platzverweise seien ausgesprochen worden. Zudem habe man am Staubeginn hinter dem Unfall Sichtschutzwände aufstellen müssen.

Dabei hatte die Politik zuletzt im vergangenen Jahr auf das „sinkende Verständnis für Rettungsarbeiten“, wie es heißt, reagiert und die Gesetze verschärft. Seither kann die unbefugte Herstellung von „Bildaufnahmen, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellen“, mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden. Zudem kann die Polizei Handys beschlagnahmen. Das reine Gaffen ist als Ordnungswidrigkeit mit einer Geldstrafe von bis zu 1000 Euro bewehrt. Unklar ist allerdings, inwiefern der neue Strafenkatalog auch Anwendung findet. „Aktuell verfügt das Innenministerium über keine statistischen Daten dazu“, erklärte ein Sprecher.

Keine Zeit für die Gaffer-Bekämpfung

Meist haben Rettungskräfte und Polizei am Unfallort auch anderes zu tun, als sich um Gaffer zu kümmern. So war es auch bei dem Unfall am Mittwoch, bei dem Schaulustige immer wieder versucht haben sollen, in den Rettungswagen hineinzufotografieren. Man habe „alle Hände voll zu tun“ gehabt, weshalb es nicht gelungen sei, die Personen festzustellen, sagte ein Polizeisprecher. „Sobald die Kollegen damit beginnen, Ausweise zu kontrollieren, verdrücken sich die Leute ja“, sagte eine Sprecherin der Polizei.

Unklar ist allerdings noch, wie weit die Gaffer auf der A 8 wirklich gingen. Die Polizei hatte zunächst berichtet, einzelne hätten die Tür des Rettungswagen geöffnet, um bessere Sicht zu haben. Die Sprecherin des Rotkreuz-Kreisverbandes, Daniela Kneis, erklärte, Schaulustige hätten von einer Anhöhe in den Wagen geschaut, die Tür aber nicht selbst geöffnet. Die Polizei hatte sich bei ihrer Darstellung auf den Bericht einer Rettungssanitäterin am Unfallort berufen. Möglicherweise handle es sich um ein Missverständnis, sagte Kneis.

Umparken unmöglich

Allerdings sei die Bergung des verunglückten 59-jährigen Lastwagenfahrers schwierig gewesen. Er war bei Pforzheim am Stauende auf einen Lastwagen geprallt und ums Leben gekommen. Die Leiche habe nicht vor neugierigen Blicken geschützt werden können. Schaulustige seien nicht weggegangen, obwohl sie dazu aufgefordert worden seien. Ein Rettungswagen habe nicht umparken können, weil Gaffer keinen Platz gemacht hätten. Solche Vorfälle seien für Retter, die um Menschenleben kämpften, eine hohe zusätzliche Belastung.

Die Polizei blieb am Donnerstag bei ihrer Darstellung. In dem Fall werde weiter ermittelt. Es sei schlimm, dass die Polizei in solchen Fällen personell zu effektiven Kontrollen nicht in der Lage sei, kritisierte der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Ralf Kusterer. „Ein solches Verhalten ist einfach widerlich.“

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