Galerie 498 in Sulzbach Galeristin stellt mit 87 Jahren noch einmal aus
In der Galerie 498 stellte die 87-jährige Ursula Leipold unlängst Werke der Künstlerin Gabi Herrmann aus. War es die letzte Vernissage in der renommierten Sulzbacher Galerie?
In der Galerie 498 stellte die 87-jährige Ursula Leipold unlängst Werke der Künstlerin Gabi Herrmann aus. War es die letzte Vernissage in der renommierten Sulzbacher Galerie?
Die Räumlichkeiten der Galerie 498 passen gut zur Besitzerin. Ursula Leipold sitzt inmitten 50 Werken der Künstlerin Gabi Herrmann, etwa dort in der umgebauten Scheune, wo früher die Kühe standen. Und sie strahlt. Es ist ein Gebäude aus einer vergangenen Zeit, umfunktioniert für die Gegenwart und künstlerischen Visionen der Galeristin. Die großzügige Raumteilung und dunklen Balken an der Decke erinnern noch vage an die frühere Nutzung. Doch beim Betreten wird schnell klar – weder der Ort noch die Besitzerin sind rückwärtsgewandt. Die Gemälde an den Wänden erzählen von Reisen in ferne Länder und vermitteln Kulturoffenheit. Ursula Leipold hat zwar viel aus ihrem bewegten Leben zu erzählen, plant aber schon die nächste Ausstellung.
Doch es lohnt sich, bei ihrer Lebensgeschichte zu verweilen. Im Betrieb ihres Vaters wurde sie als junges Mädchen zur Feintäschnerin ausgebildet, wurde danach Diplom-Designerin. Im Jahr 1970 eröffnete sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann die Galerie 498 in Sulzbach, wo sie oft Werke von Freunden ausstellten. Gabi Herrmann, deren Bilder kürzlich zum dritten Mal in Leipolds Galerie hingen, erinnert sich an die wichtige Funktion des Orts: „Die Galerie war etwas Tolles, ein Gegensatz zum reinen Dorfleben“, sagt sie.
Ihrem ursprünglichen Handwerk ging Leipold trotzdem nach und fertigte unter dem Label création 498 Lederkleidung an. Damals, in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, als die Hippies die Modewelt dominierten, genoss Leipold die Positivität und Offenheit des Moments: „Es war eine unglaublich tolle Zeit.“ Aber auch arbeitsintensiv mit zwei Unternehmen und Kindern, die es zu versorgen galt. Lange Zeit war ihr Alltag strikt getaktet. Morgens mussten Galerie und Laden geöffnet werden, mittags warteten hungrige Kinder. Diese brauchten danach Unterstützung bei den Hausaufgaben, zum Schneidern kam Leipold meist erst nachts. Eine Zeit lang arbeitete sie als Designberaterin für kolumbianische Lederwarenfirmen, verbrachte 16 Wochen im Jahr auf Modemessen. Nebenbei organisierte sie in Sulzbach Theaterspiele, nachdem sie als Kind selbst öfter bei den Sulzbacher Historienspielen auf der Bühne gestanden hatte. „Ich bin eigentlich ein Theatermensch“, sagt die 87-Jährige. Das Theater ist ein weiteres Ventil für ihre Kreativität, und während des Gesprächs wird immer wieder deutlich, wie facettenreich Leipold ist.
Umso erstaunlicher, dass Leipold trotz so vieler Interessen und Aktivitäten noch immer Energie hat. Erst kürzlich war sie auf einem Element of Crime Konzert, beteiligt sich am Leben ihrer Enkel und Urenkel, plant schon die nächste Ausstellung. Dabei war sie vor der Vernissage „Genug ist nicht genug“ mit Herrmanns Werken gar nicht sicher, ob die Galerie noch einmal zum Einsatz kommen würde. „Hier standen Kinderwagen meiner Urenkel und Fahrräder, mein Enkel nutzte den Raum als Foyer für seine Werbeagentur“, berichtet sie schmunzelnd.
Als die Künstlerin, eine langjährige Freundin Leipolds, anfragte, war sie jedoch sofort begeistert. Die Ausstellung zeigte Gemälde beeinflusst von Reisen in ferne Länder – nach Mexiko, Kap Verde, Sri Lanka. Mit ihrer Weltoffenheit passte sie gut in die Galerie, was die regen Zuschauerströme bestätigten. Auch der Titel „Genug ist nicht genug“ fügt sich mit seinem überbordenden Hunger nach mehr Kreativität perfekt in Leipolds Leben. Deshalb sei er auch nicht politisch zu verstehen, betont Gabi Herrmann: „Es geht darum, dass ich einfach nicht genug vom Malen bekommen kann.“
Leipold verspüre im Rückblick auf ihr Leben keinen Stolz, aber Dankbarkeit: „Ich konnte mich selbst nie gut verkaufen, nur andere.“ Zu Geld und Zeit habe sie nie eine Beziehung gehabt, weshalb sie in ihrem Freundeskreis „Mutter des Chaos“ genannt wurde. Gefragt nach ihrer Berufsbezeichnung, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: „Mensch“. Ihren Handwerksberuf würde sie jungen Menschen heute nicht mehr empfehlen, obwohl die Arbeit mit Leder eine so schöne sei: „Die Bezahlung ist inzwischen wegen der Massenmarktindustrie viel zu niedrig.“
Ein letztes Herzensprojekt möchte Leipold sich noch erfüllen. 2020 hatte sie zum 50-jährigen Bestehen der Galerie eine Vernissage mit je einem Stück aller je bei ihr ausgestellten Künstlern geplant. Da diese coronabedingt ausfallen musste, hofft sie nun auf mehr Glück im kommenden Jahr. Die Ausstellung ist für Juli geplant. Ob danach wirklich Schluss ist, wird sich zeigen.