Galerie Stihl Waiblingen Die reizvolle Kunst der Verhüllung
In der Galerie Stihl Waiblingen heißt es von Freitag, 1. Juli, an: „Augen und Ohren auf!“ Gezeigt werden zum Teil weltbekannte Gestaltungen von Schallplattencovern.
In der Galerie Stihl Waiblingen heißt es von Freitag, 1. Juli, an: „Augen und Ohren auf!“ Gezeigt werden zum Teil weltbekannte Gestaltungen von Schallplattencovern.
Verhüllte Körper besitzen bekanntlich sehr häufig deutlich mehr Reize als nackte Tatsachen. Das unbekleidete Objekt der Begierde besteht im aktuellen Fall jedoch nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Vinyl – und wird in der Regel zur Aufhübschung der üblicherweise gerillten Form in einen 900 Quadratzentimeter großen Karton gehüllt: 30 auf 30 Zentimeter sind in der Regel die Ausmaße. Im Fachjargon wird diese im Idealfall künstlerisch hochkarätig gestaltete sowie den Duktus der Musik am besten treffende Ummantelung als Cover bezeichnet.
Es ist die Ehrerbietung an die Musik, die seinerzeit noch per Plattenspieler die Ohren der Menschen erreichte – was Teenagern von heute, die aktuelle Hits streamen und per Handy nach Sekunden zum nächsten Schnipsel klicken, vermutlich wie Erzählungen aus einer längst vergangenen Welt erscheinen mag.
Doch Vinyl lebt, die Schallplatte erfährt seit einigen Jahren ihr Revival. Passend dazu präsentiert die Galerie Stihl Waiblingen in ihrer neuen Ausstellung eine Vielzahl herausragender Arbeiten von internationalen „Record Cover Artists“, also Gestalterinnen und Gestaltern von teils weltweit bekannten und anerkannten Schallplattenhüllen. Die Waiblinger Galerieleiterin Anja Gerdemann spricht bei der Vorabpräsentation für Pressevertreter in der noch mitten im Aufbau befindlichen Ausstellung von einem „Mammutprojekt mit internationalem Format“, das „sicher ein großes Publikum ansprechen wird“.
Davon kann man ausgehen: Musiknostalgiker aus dem Großraum Stuttgart, egal ob als Jazz-, Pop- oder Rockfans, werden hier fündig, wenn es in dem Gebäude am Remsufer heißt: „Augen und Ohren auf!“ Die Galerie würdigt die quadratische Kartonhülle und insbesondere die kreativen Köpfe, die diese Ummantelung aus Pappe zum Kunstobjekt veredelt haben.
Herzstück der Ausstellung, somit auch im Zentrum platziert, ist die 50 Quadratmeter umfassende Installation „We buy White Albums“ des US-amerikanischen Künstlers Rutherford Chang, der am Dienstag gerade dabei ist, die ersten der insgesamt 3000 weißen Alben der Beatles aufzubauen, die er selbst wiederum bei Secondhandhändlern erworben hat. Mal zerfleddert, mal vergilbt, mal mit Kaffee- oder Zigarettenflecken oder mit Zeichnungen versehen erzählen sie nun ihre jeweils ganz eigene Geschichte. Wer übrigens ein eigenes Exemplar noch daheim hat und loswerden möchte, kann dieses gerne zur Ausstellung mitbringen.
Das Stichwort Beatles passt auch bei den Exponaten von Klaus Voormann – der Grafiker hat einst 1967 die Hülle für „Revolver“ gestaltet und als bislang einziger Deutscher einen Grammy für das beste Albumcover davongetragen.
Bei der Würdigung historischer Gestaltungen darf natürlich die Plattenfirma Blue Note Records nicht fehlen. Eine eigene Abteilung ist einer anderen Design-Ikone gewidmet: Emil Schult. Der Künstler war nicht nur zeitweilig Mitglied der Düsseldorfer Elektropioniere Kraftwerk, sondern hat auch Cover gestaltet. Zu sehen in der Ausstellung ist die sensationelle „Autobahn“ – zur zeitlosen Musik aus dem Jahr 1974 passt das ebenso zeitlose Cover. Als Werke wahrer Cover-Könner zeigt die Stihl-Galerie Arbeiten von Peter Saville (Joy Divison oder Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD) und von Anton Corbijn, dessen Arbeiten für Herbert Grönemeyer oder Depeche Mode, wie die abgebrochene Rose fürs 1990er Album „Violator“, zu sehen sind.
Vernissage Die Eröffnung der Ausstellung „Cover Art“ erfolgt an diesem Freitag, 1. Juli, um 20.30 Uhr. Bis dahin ist auch der Ausstellungskatalog in Form einer Box fertig, die von Mit-Kurator Walter Schönauer gestaltet wurde. Im Anschluss an die Reden folgt auf dem Galerieplatz eine Live-Performance unter freiem Himmel des Musikkollektivs Chicks on Speed. Die Ausstellung ist bis 16. Oktober in der Galerie Stihl Waiblingen, Weingärtner Vorstadt 16, zu sehen.