So viel Glück hat man nicht alle Tage. Erst ein schöner Zufall, dann ein kleines Wunder – und am Ende ging Mona Radziabari als strahlende Siegerin der ART Karlsruhe hervor. Viele Künstler und Galerien hatten gehofft, den Preis für die schönste und beste Einzelpräsentation der Kunstmesse zu erhalten, aber es war ausgerechnet eine Künstlerin, die eigentlich noch niemand kannte.
Die junge Künstlerin suchte einen Job – der Galerist hatte einen
Galeristen sind die Trüffelschweine des Kunstbetriebs, sie hoffen, den richtigen Riecher zu haben. Als der Stuttgarter Galerist Michael Sturm Mona Radziabari einlud, so nicht, weil er einen Star von morgen suchte, sondern weil er eine Assistentin benötigte für seine Wiener Dependence. Und da diese junge Frau aus dem Iran gekommen war und internationales Flair mitbrachte, holten er und seine Partnerin Gabriele Schober sie sofort ins Team.
Von der Heimat bleiben nur Bilder
Am Wochenende hat Michael Sturm in Stuttgart eine Einzelausstellung von Mona Radziabari eröffnet und das Interesse war groß an den Arbeiten der vierzigjährigen Künstlerin, die sich auf ganz verschiedene Weise, aber immer mit Wehmut mit dem Iran beschäftigt. Gemälde zeigen Aufnahmen von Teheran aus Google Earth, die Mona Radziabari aber so stark reduziert hat, dass es nun fast abstrakte Kompositionen sind. Dann wieder hat sie ihren Bruder gebeten, für sie in Teheran die Orte ihrer Kindheit zu fotografieren, die Straßen, durch die sie einst lief, die Läden, in denen sie einkaufen war. Auf den Fotos wirken die Orte leer, als fehle ihnen die Seele.
Vom Handwerk zur Konzeptkunst
Schon als Jugendliche interessierte sich Mona Radziabari für Kunst, für Andy Warhol oder Francis Bacon. Auch wenn die Eltern zunächst nicht begeistert waren, studierte sie in Teheran Industriedesign und erlernte dabei zunächst das traditionelle iranische Handwerk, beschäftigte sich mit Keramik und Textilkunst, zeichnete und fotografierte – und wollte doch noch mehr. Sie beschloss, ins Ausland zu gehen. Die Wahl fiel auf Wien, „Andere Länder waren zu teuer“, sagt sie.
Das Volk ging auf die Straße – fotografieren war verboten
Mona Radziabari ist eine zarte, leise Person – und doch mutig und durchaus renitent. So ignorierte sie, dass es im Iran verboten war, im öffentlichen Raum zu fotografieren, sondern baute aus einem Schuhkarton eine Art Kamera obscura. Wie eine Obdachlose gekleidet zog sie mit großen Taschen los und begann, in der Stadt jene Plätze zu fotografieren, auf denen die Menschen 2009 gegen das Wahlergebnis protestierten, das dem Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad die Mehrheit zuschrieb. Durch die sehr lange Belichtungsdauer kann man keine Personen mehr erkennen und wirken die Straße und Plätze wie ausgestorben, gerade so, als sei das Leben aus ihnen gewichen und die Stadt förmlich stranguliert von der Macht.
Der Galerist war begeistert von der Kunst seiner Mitarbeiterin
Der Umzug nach Wien war einschneidend für die junge Frau. Mit dem Master-Studium zu transdisziplinärer Kunst wurden ihre Werke konzeptueller. Die politischen Umstände und schließlich noch Corona machten die Heimat für Mona Radziabari unerreichbar – ihre Werke durchzieht seither Melancholie. Als Michael Sturm eher beiläufig erfuhr, dass seine Mitarbeiterin eigentlich Künstlerin ist, wollte er ihre Arbeiten sehen und war „auf Anhieb begeistert“, wie er erzählt. „Das Wenige, was ich da sah, reichte“ – und 2021 zeigte er Arbeiten von Radziabari in der Stuttgarter Galerie.
Das preisgekrönte Werk hat es in die Dauerausstellung geschafft
Dass die Werke durchaus auch Käufer finden, merkte er schnell, dass die unbekannte Künstlerin auf der Art Karlsruhe im Frühjahr sich aber gegen 180 Konkurrenten durchsetzen würde, damit hatte Michael Sturm nicht gerechnet. Mit dem Preis der Messe ist ein Ankauf einer Arbeit verbunden, die in die Sammlung der Städtischen Galerie Karlsruhe geht – aber oftmals im Depot verschwinde, wie Michael Sturm meint. Die Arbeit von Mona Radziabari nicht, sie schaffte es auf Anhieb in die aktuelle Sammlungspräsentation.
Den Messepreis zu erhalten sei fast ein Schock gewesen, erzählt die Künstlerin, „ich hatte es natürlich nicht erwartet.“ Sie arbeitet derzeit noch in ihrer Wohnung in Wien, aber um der Nachfrage gerecht werden zu können, will sie nun doch ein richtiges Atelier suchen. Im vergangenen Jahr hat Mona Radziabari geheiratet, seit diesem Jahr besitzt sie jetzt auch die österreichische Staatsbürgerschaft – und doch bleibt die Sehnsucht nach der Familie in der Heimat. „Ich will hier sein, ich will auch erfolgreich sein“, sagt sie, „aber mein Herz ist dort.“
Letztlich geht es um die vielen Wanderbewegungen auf der Welt
In der Galerie Sturm hängen nun Fotos von Erinnerungsstücken, die Mona Radziabari bei der Ausreise mitnahm. Auf kleine Bildträger hat sie auch Abdrücke von Omas Ring, dem Wecker und der Lampe eingeprägt, die wie Spuren wirken. Die Arbeiten, die noch im Iran entstanden sind, beschäftigen sich mit der politischen Situation im Land, die jüngeren Bilder, Fotos und Objekte mögen persönlicher sein und von ihrer Sehnsucht nach Teheran erzählen, aber im Grunde thematisiert sie damit die vielen Wanderbewegungen auf dieser Welt und das Schicksal zahlloser Menschen, die in der Fremde leben und doch mit dem Herzen der alten Welt verbunden sind. „Das Gefühl, zu vermissen, beschäftigt mich sehr“, sagt Mona Radziabari „es ist, wie wenn man jemanden in zwei Teile geschnitten hätte.“
Zwischen Stuttgart und Wien
Galerist 1996 gründete Michael Sturm seine Galerie in Stuttgart, die sich auf internationale, abstrakte und nichtgegenständliche Kunst der Gegenwart spezialisiert hat. Seit März 2019 hat die Galerie Michael Sturm eine Partnergalerie am Kohlmarkt in Wien, die Galerie Sturm & Schober. Während der Salzburger Festspiele betreiben Gabriele Schober und Michael Sturm in Salzburg auch eine Sommergalerie.
Ausstellung
Die Schau „I miss you“ von Mona Radziabari läuft bis 17. November, Christophstraße 6, Di–Fr 11 bis 18 Uhr.