Herr Wlaschiha, werden Sie auf der Straße als der Mann ohne Gesicht aus „Game of Thrones“ oder als der Gestapo-Mann aus „Das Boot“ erkannt?
Die meisten kennen mich schon noch aus „Game of Thrones“. Aber ich werde auch durchaus auf andere Sachen angesprochen. Zum Beispiel auf die Serie „Crossing Lines“ oder auf den italienischen Film „Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel“, der bei Netflix läuft.
Und bald werden Sie viele als den Russen aus „Stranger Things“ erkennen.
Vielleicht.
Als Sie damals für „Game of Thrones“ vorsprachen, wurde die Serie noch gar nicht ausgestrahlt. Sie hatten keine Ahnung, wie groß der Hype werden würde. Das war beim Casting für die vierte Staffel von „Stranger Things“, die Ende Mai bei Netflix startet, anders, oder?
Oh ja, das war ein bisschen anders, weil ich die Serie von Anfang an geguckt habe und auch ein Fan bin. Das ist genau meine Zeit, schließlich bin ich in den Achtzigern aufgewachsen. Da dabei zu sein, war schon sehr aufregend, da ich vom ersten Drehtag an wusste, dass das eine wahnsinnig erfolgreiche Serie ist und jeder das sehen wird.
In „Stranger Things“ heißen Sie Dimitri.
Ja, ich bin ein Russe, ein Wärter in einem Gefangenenlager in Sibirien – und habe sehr viel mit Jim Hopper zu tun, dem Polizisten, der ja offenbar das Ende der dritten Staffel überlebt hat.
In „Das Boot“ sind Sie ein Nazi, in „Stranger Things“ ein russischer Gefängniswärter. Auch in „Jack Ryan“ waren Sie nicht wirklich nett. Machen Sie sich Sorgen, auf die Rolle des Bösewichts festgelegt zu werden? Hollywood besetzt Schurkenparts traditionell gerne mit deutschen Schauspielern.
Es hat sich sehr viel getan im internationalen Filmgeschäft: Vor zehn Jahren hätte ich gesagt, ja, als Deutscher ist man auf den Gegenspieler, auf bösartige Charaktere reduziert, aber das ist eigentlich nicht mehr so. Man darf halt die Bösen nicht als die Bösen spielen. Ich versuche, den Bösen als Guten zu spielen oder zumindest die Motivation hinter der Rolle sichtbar zu machen.
Der Gestapo-Mann Hagen Forster in „Das Boot“ ist auch eine komplexe Figur.
Anfangs ist er sehr mit sich im Reinen. Da ist die Figur noch ganz. Doch je länger die Geschichte dauert, desto mehr Schichten werden freigelegt und desto mehr zerbröckelt diese Figur in ihre Einzelteile. Forster bekommt immer größere Probleme, die Summe seiner Teile zusammenzukriegen und zusammenzuhalten. Und das ist gut. Es ist spannend für einen Schauspieler, das zu spielen. Ich finde ihn auch als Figur sehr interessant, weil sie uns vor Fragen stellt wie: Wie weit kann man sich selbst verleugnen? Wie lange hält man das durch, wenn Sein und Handeln so weit auseinanderklaffen.
In der dritten Staffel bekommt Forster einen eigenen Handlungsstrang in Lissabon. Man erlebt ihn als Geheimagenten und vergisst fast, dass er ein Nazi ist.
Das ist Absicht. Menschen, die Böses tun, halten sich oft selbst nicht für böse. Ich fand es spannend, diesem Nazi, dieser Figur, die innerhalb der Geschichte eine sehr negative Rolle hat, sehr menschliche Züge zu geben. Ich kann nur spekulieren, da ich in jener Zeit nicht gelebt habe, aber ich glaube durchaus, dass das teilweise – ich sag das mal so – sehr normale Menschen waren, die die furchtbarsten Dinge getan haben. Und der Job als Schauspieler ist eben, glaube ich, jede Figur so zu spielen, als wäre sie der Gute, und selbst wenn die Ideologie, der sie anhängen, noch so verquer und noch so grausam ist, trotzdem die Beweggründe zu zeigen, das Gedankengerüst, wie es dazu kommt, warum jemand etwas tut. Die moralische Wertung ist dem Zuschauer überlassen. Die muss ich als Schauspieler nicht treffen.
Forster wirkt jetzt aber verändert.
Am Ende der zweiten Staffel hatte ich das Gefühl, dass sich die Figur schon sehr tief im moralischen Sumpf befand. Es gibt jetzt eine neue Wendung, und es findet ein Zeitsprung statt. Am Ende der zweiten Staffel wird Forster nach Polen befördert. Darüber, was er dort in einem Konzentrationslager getan hat, erfahren wir nicht allzu viel. Auch im wirklichen Leben haben Leute nicht damit geprahlt, was sie für schlimme Sachen getan haben. Was immer Forster in Polen erlebt hat, es hat aber etwas mit ihm gemacht. Und jetzt erleben wir ihn zum ersten Mal als Zivilisten, der in eine Spionagegeschichte hineingerät und erkennen muss, dass er als einer, der bisher immer mit Menschen gespielt hat, jetzt selbst zu einem Spielstein geworden ist.
Im neutralen Portugal des Zweiten Weltkriegs tummeln sich viele Nationen. Wenn es da um Handelsembargos oder Fluchtkorridore geht, fühlt sich die Serie aktuell an und man fühlt sich an den Russland-Ukraine-Krieg erinnert.
Damit, dass das erschreckend aktuell wird, hätte wohl niemand gerechnet. Wenn wir vor ein paar Monaten das Interview geführt hätten, hätte ich gesagt: Wir erzählen eine Geschichte mit einem historischen Hintergrund. Der Krieg war für mich sehr abstrakt. Wenn wir allerdings ehrlich sind, findet seit 1945 immer irgendwo auf der Welt gerade ein Krieg statt. Aber es ist bezeichnend, dass wir erst dann wach werden, wenn der Krieg in unserer Nachbarschaft passiert. Aber da hören die Parallelen auch auf: „Das Boot“ ist eine Fernsehserie, wir erzählen eine Geschichte, machen Unterhaltung. Was in der Ukraine geschieht, ist real. Beides sollte man nicht miteinander verwechseln.
Und macht es für Sie einen großen Unterschied, Hagen Forster in „Das Boot“ zu spielen oder die deutsche Stimme der Actionfigur Buzz Lightyear im neuen Pixar-Film „Lightyear“ zu sein?
Das sind jetzt schon zwei extreme Pole des Jobs. Da würde ich schon sagen, das ist was ganz anderes. Beim Synchronjob hat man zum Beispiel schon ein sehr starkes Vorbild – in diesem Fall Chris Evans. Und man hat nur seine Stimme, um etwas zu erzählen, muss ohne seinen Körper auskommen. Bisher habe ich mich nur selbst synchronisiert. Das ist das erste Mal, dass ich eine so große Rolle synchronisiere. Das ist eine große Herausforderung.
Apropos Herausforderung: Was für eine Rolle würden Sie gerne einmal spielen? Vielleicht etwas Lustiges?
Ich habe auch schon Komödien gedreht, die waren nur nicht so erfolgreich. Vielleicht bin ich einfach nicht komisch. Bei meiner Jobauswahl ist mir eigentlich nur wichtig, dass ich mich nicht langweile und nicht immer wieder dasselbe mache. Ich würde zum Beispiel gerne mal wieder Theater spielen. Auch wenn das gerade aus Zeitgründen nicht praktikabel ist.
Sie haben am Beginn Ihrer Karriere Theater gespielt ...
Genau. Das letzte Mal tatsächlich in Stuttgart. Dort spielte ich in Ulrich Rasches Inszenierung von Oscar Wildes „Salome“. Am Kammertheater des Schauspielhauses. Das ist ewig her. Das war 2009.
Stattdessen sind Sie bald wieder in einer weiteren Serie zu sehen: „Last Light“.
Ja, das ist eine postapokalyptische Geschichte, die davon erzählt, was geschieht, wenn von einem Tag auf den anderen die Ölvorräte ausgehen oder zumindest nicht mehr zur Verfügung stehen. Und ich bin mal wieder nicht der Gute.
Tom Wlaschiha: „Game of Thrones“, „Das Boot“, „Stranger Things“, „Lightyear“
Person
Tom Wlaschiha wurde 1976 im sächsischen Dohna geboren. Er studierte Schauspiel in Leipzig.
Filme und Serien
Nachdem er zuvor bereits in internationalen Produktionen wie „Operation Walküre“ (2008) oder „Anonymus“ (2011) Nebenrollen spielte, wurde Wlaschiha in der Rolle des Jaqen H’ghar in der Fantasyserie „Game of Thrones“ (2011-2019) berühmt. Von 27. Mai an ist er in der vierten Staffel der Netflix-Serie „Stranger Things“ zu sehen. am 16. Juni kommt der Pixar-Animationsfilm „Lightyear“ ins Kino, in dem Wlaschiha die deutsche Stimme des Titelhelden Buzz Lightyear ist.
Das Boot
Die dritte Staffel der Serie nach Lothar-Günthers Kriegsroman ist von diesem Samstag an bei Sky auf Abruf verfügbar.