Games und Literatur Kafka unter Zombies

Ego-Shooter in literarischer Mission. Foto: imago images/STPP/ via www.imago-images.de

Eine Tagung im Deutschen Literaturarchiv geht den Wechselbeziehungen zwischen Literatur und Computerspielen nach. Höchste Zeit, sich dieses Medium genauer anzuschauen, findet die Literaturwissenschaftlerin Dîlan Canan Çakir.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Man würde Computerspiele eigentlich für den natürlichen Gegner der schwindenden Kulturtechnik des Lesens halten. Stattdessen feiern sie ihren Einzug ins Allerheiligste des Marbacher Archivs. Dîlan Canan Çakir erklärt warum.

 

Frau Çakir, ist das Sammeln von Games der Jugendwahn einer ehrwürdigen Institution oder gehören sie da hin?

Das Deutsche Literaturarchiv kümmert sich schon immer um alle medialen Formen von Literatur. Das Buch ist nur eine davon. Literatur ist älter, älter auch als die Schrift. Dann kamen andere verschieden Medien. Das Computerspiel ist gerade einfach die neueste Form in der Reihe. Das mag ein sehr weiter Begriff von Literatur sein, aber im Prinzip geht es darum, wie und in welcher Form Geschichten erzählt werden. Deshalb muss sich ein Literatur-Archiv auch für Computerspiele interessieren.

Der spielende Mensch kann sich in Marbach auf die Nobilitierung durch Schiller berufen, aber bei Games rümpfen viele immer noch die Nase.

Dass Computerspiele gefährlich oder problematisch sein könnten, weil man stärker in sie hineingezogen werde oder sich in ihnen verlieren könne, wird immer wieder diskutiert. Umgekehrt wird gerade fleißig daran gearbeitet, Computerspiele für den Unterricht einzusetzen, um Lerninhalte zu erarbeiten.

Dîlan Canan Çakir

Vor Kurzem galten noch die Serien als Thronfolger des Romans, folgen nun die Spiele?

Es ist eine weitere Station in der Geschichte des Erzählens. Alle diese Medien haben eine eigene Daseinsberechtigung. Das ist eher wie ein Kreislauf: Ein Medium übernimmt etwas vom anderen, dann geht es wieder zurück. So gibt es jetzt auch wieder Bücher, die Computerspiele aufgreifen.

Was kann Literatur von Games lernen?

Das Buch ist eher statisch. Man liest linear von vorn nach hinten. Bei Computerspielen hat der Game-Designer oft weniger Kontrolle über den Fortgang der Handlung, weil die Spieler selbst entscheiden, ob sie zuerst nach links oder rechts gehen, eine Waffe benutzen oder nicht. Sie sind offener und nicht so vorhersehbar.

Wie geht man mit diesem Aspekt der Interaktion im Archiv um?

Das ist eine der größten Herausforderungen. Das Literaturarchiv sammelt schon seit den frühen 2000er-Jahren Spiele, das waren anfangs CD-ROMs, die man ins Regal gestellt hat. Wie archiviert man aber Spiele, die nur noch digital vorliegen? Muss das eine Person einmal durchspielen? Wie geht man mit Spielständen um? Es gibt noch viele offene Fragen, und da erhoffen wir uns von der Tagung „Games & Literatur“, die nächste Woche stattfindet, Lösungsansätze.

Was die Erzählformen angeht, liegt doch der Reiz vieler Spiele liegt in der staunenswerten Simulation der Wirklichkeit, in der Literatur ist Realismus nicht gerade das Allerneueste?

Es gibt sehr viele Spiele, etwa wenn man an die Fantasy-Games denkt, die eine sehr eigene Welt schaffen, eigene Landkarten und Wesen. Eines der erfolgreichsten und vielfach ausgezeichneten Spiele der letzten Jahre ist „Journey“. Da gibt es nicht einmal richtige Figuren und keine richtige Sprache – und trotzdem wird eine Handlung erzählt. Das ist sehr spannend.

Wie verhält sich der Anteil der archivfähigen Spiele zum großen Rest?

Es ist eine sehr stark kuratierte Auswahl, weil wir im Archiv bestimmte Fragestellungen haben. Für uns sind Spiele wichtig, in denen es direkte Adaptionen kanonischer Texte oder Rezeptionsspuren von Autorinnen und Autoren gibt, die wir ohnehin sammeln. Uns interessiert, ob in einem Computerspiel auf eine bestimmte Art und Weise erzählt wird, die man archivieren muss, um die Literaturgeschichte lückenlos weiterschreiben zu können.

Ballerspiele fallen wohl eher nicht darunter, oder?

Das kommt ganz drauf an. „Resident Evil“ ist eigentlich ein Zombiespiel, ein Ego-Shooter. Das haben wir aufgenommen, weil darin ganz oft Kafka zitiert wird, zum Beispiel aus der Erzählung „In der Strafkolonie“. Und es ist sehr interessant zu sehen, was hier mit einem Autor passiert, mit dem wir uns schon seit Jahrzehnten beschäftigen.

Also kein Grund zu Sorge, wenn die jungen Leute lieber hinter der Daddelkiste als hinter einem Buch klemmen?

Es ist eine Bereicherung, dass man sich jetzt auch dieses Medium genauer anschaut, das aktuell sehr relevant ist. Nicht umsonst fallen Computerspiele in den Zuständigkeitsbereich des Wirtschaftsministeriums – der Markt boomt.

Info

Literaturwissenschaftlerin
Dîlan Canan Çakir hat über Einakter im 18. und frühen 19 Jahrhundert promoviert. In Marbach ist sie für die Archivierung, Erschließung und Erforschung von „Born-digitals“ zuständig.

Tagung
Vom 28. bis 30. Juni findet am Deutschen Literaturarchiv die internationale Tagung „Games & Literatur. Zur Literarizität, Erforschung, Sammlung und Archivierung von Computerspielen“ statt. Teilnehmende aus mehr als 15 Ländern diskutieren Fragen zu spielerischen und medialen Formen des literarischen Erzählens oder zum Medienwechsel zwischen Buch und Spiel. Am Donnerstag, 29. Juni, kommt das „Quartett der Spielekultur“ zusammen, und stellt ausgewählte Spiele vor. Programm und Zoomlink hier.

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