Einst war es eine sichere Adresse. Am Hirschbuckel. Hier residierte der König der Schausteller und Würstchenbrater, Walter Weitmann. Es gab Gegrilltes und rote Wurst, am Automaten konnte man nach einem Kuscheltier fischen. Vor 25 Jahren wurden die Glasbauten abgerissen, Weitmann ist mittellos gestorben. Nun ist auch das Gebäude Geschichte, die Bagger fahren auf. Was für die jetzigen Nachtschwärmer die Pommesbude war, die sich in hoffentlich selbstironischer Absicht Fritty-Bar nannte, war für deren Eltern Weitmanns Imbiss am Hirschbuckel.
Neben dem Brunnenwirt, dem Vegi Voodoo King und Udo Snack war es das Bermuda-Viereck für all jene, die dem alkoholgeplagten Körper Essbares zuführen wollten. Heute ist das kaum mehr vorstellbar, aber Ende des letzten Jahrtausends gab es nicht an jeder Ecke und rund um die Uhr Döner, Falafel und Burger. Beim Weitmann gab es neben Pommes auch die heiße Rote, der schwäbische Imbiss schlechthin. „Das war das Nahrungsmittel im Vorübergehen in Stuttgart“, hat sich Gerhard Goller, lange Jahre Chef der Gaststättenbehörde, mal erinnert „In der Altstadt gab’s für die Nachtschwärmer die Rote aus dem Waschkessel.“
Der Wirt macht später Karriere auf dem Wasen
Eigentlich war das Geschäftsmodell von Walter Weitmann ja Bier in Literkrügen. Als Festwirt des Hofbräu-Zelts auf dem Wasen, als Schausteller-Häuptling, als Stadtrat war er eine ganz große Nummer in dieser Stadt. Es gibt da dieses Foto, schwarz-weiß noch. Walter Weitmann steht auf der Bühne und dirigiert. Er gibt den Takt vor, die anderen klatschen und schauen zu ihm auf. Das gefällt ihm, man sieht es, er strahlt in die Kamera. Es entspricht seinem Selbstbild, Walter Weitmann ist keiner für die zweite Reihe. Er gehört nach oben aufs Podest, dafür hat er zeitlebens gearbeitet.
1948, Währungsreform. Der Textilkaufmann Walter Weitmann kaufte mit seinen 40 D-Mark Kopfgeld Wäsche, von der Windel bis zur Küchenschürze. Er tingelte über die Jahrmärkte, verkaufte Textilien. Misstrauisch beäugt von der Verwandtschaft. „Für die war ich ein Zigeuner“, sagte Weitmann einmal. Elf Jahre später ist „der Marktschreier“ wieder der „liebe Walter“. Losbude und Fahrgeschäft ließ Weitmann hinter sich, er wird 1959 Festwirt auf dem Wasen, übernimmt später das Hofbräu-Zelt.
Zum Geburtstag ins Pariser Lido
Er hatte es allen gezeigt, er las den Verkehrsdirektoren „beim Kampf gegen Blödsinn“ die Leviten, saß für die CDU im Stuttgarter Gemeinderat, flog zum Papst und zum Geburtstag mit Parteifreunden nach Zermatt oder ins Pariser Lido, erhielt das Bundesverdienstkreuz und zwang Ministerpräsident Erwin Teufel im Streit über die Abschaffung des Pfingstmontags in die Knie. „Das hat er mir nachgetragen“, sagte Weitmann. Sein Bier trank Teufel gleichwohl bei Weitmann. Auf dem Wasen führte kein Weg an ihm vorbei.
Sein Aufstieg begann am Hirschbuckel. Mit diesem Gebäude. Hofbräu-Wirt war zu der Zeit Karl Maier senior. Bis Hofbräu in den 50er Jahren auf die Idee kam, am Hirschbuckel zu bauen, imposant sollte es dort werden, Gastro vom Imbiss bis zu gehobener Küche einziehen. Maiers Vater sollte das aufbauen und betreiben. Doch der wollte nicht: „Ich bin Festwirt und kein Gastwirt!“ Die Brauerei machte Druck, Maier knickte nicht ein. Da kam Hofbräu mit einem Schausteller namens Walter Weitmann ins Geschäft, er übernahm die Gastro am Hirschbuckel und das Zelt. Die Maiers waren raus.
Aus der gehobenen Gastro wurden eine Spielhalle und ein Imbiss. Samt umstrittenem Pavillon auf dem Hirschbuckel. 1999 hatte Weitmann genug vom Verkauf roter Würste und ließ den Straßengrill an der Eberhardstraße ausgehen, weil Konkurrenz und 14 000 Mark Monatsmiete das Geschäft vermiesten. Die Stadt freute sich über die Kündigung der Stände und erzählte frohgemut, man könne nun endlich den Hirschbuckel umgestalten. Deshalb riss sie die Wurstbuden auch auf eigene Kosten ab. Das war vor 24 Jahren. Hübscher ist die Gegend nicht geworden. Nun wird abgeräumt. Was einstmals AT und Roxy war, verschwindet, ebenso das Schocken – und die Ursprünge eines Imperiums. Die Wurst hat doch ein Ende.