Gastronomie in Ludwigsburg Warum die Mehrwegpflicht nicht richtig funktioniert

Wegwerfplastik oder Glas? Eine Frage, die im Landkreis Ludwigsburg wohl zu selten gestellt wird. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Seit einem Jahr gilt für gastronomische Betriebe einer gewissen Größe die Pflicht, ihre Speisen auch in Mehrwegbehältnissen anzubieten. Viel geändert hat sich seither allerdings nicht. Die Ursachen sind vielfältig.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

Seit Anfang 2023 gilt die Mehrwegpflicht in gastronomischen Betrieben ab einer bestimmten Größe. Aber, wie nun im Kornwestheimer Gemeinderat offenbar wurde, noch gibt es erst wenige Angebote. Immer noch landen viele „To-go-Verpackungen“ in oder neben den öffentlichen Mülltonnen. Die Stadtverwaltung Kornwestheim bestätigt den Eindruck, den man auch anderenorts gewinnen kann: Die Mehrwegpflicht kommt nicht wirklich an. Kornwestheim hatte wie andere Kommunen ein Förderprogramm für die gastronomischen Betriebe aufgelegt, die sich für ein Mehrwegsystem entscheiden. Nur zwei Betriebe haben das Angebot angenommen. Warum?

 

„Große Betriebe, die an mehreren Standorten tätig sind – etwa Bäckereien –, haben in vielen Fällen ein eigenes Pfandbechersystem. Dadurch entsteht keine Abhängigkeit von Dienstleisterinnen oder Dienstleistern“, sagt Sandra Hennig, Sprecherin der Stadt Kornwestheim. Die Stadt fördert die Mehrwegsysteme von „Recup/Rebowl“ und „Local to go“.

Ausnahmen für Imbisse

Bei kleineren Betrieben, so die Rückmeldungen an die Stadt, sei der Aufwand zu groß. Viele kämpften mit Personalmangel, zumal laut Gesetz Betriebe wie Imbisse oder Kioske von der Pflicht ausgenommen sind. Diese Ausnahme gilt auch für Betriebe, die fünf oder weniger Beschäftigte haben und eine Fläche von maximal 80 Quadratmetern aufweisen. Sie müssen es ihren Kunden nur ermöglichen, eigene Mehrwegbehältnisse zu befüllen.

In Ludwigsburg haben immerhin elf Betriebe die Förderung, also die Erstattung der Hälfte der Gebühren, bislang beantragt. Gleichzeitig nutzt eine Reihe von Betrieben andere Anbieter als das auch in der Kreisstadt geförderte „Local to go“. Trotzdem spricht auch hier die Stadtverwaltung von einer schleppenden Einführung von Mehrweg in der Gastronomie.

Ähnlich bewertet dies auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Baden-Württemberg. Noch nicht überall gebe es ein Mehrwegangebot. Das liege auch an der geringen Nachfrage bei den Kunden. Die aktuellsten Zahlen dazu stammen vom März 2023. Eine Dehoga-Umfrage ergab damals, dass 86,5 Prozent der Mitgliedsbetriebe kaum Nachfrage nach Mehrwegangeboten hatten.

Kunden werden aktiv

Stefanie Fischer ist Gründerin und Geschäftsführerin von „Local to go“. Das Start-up aus Cleebronn (Kreis Heilbronn)  hat in der Region 130 Betriebe als Kunden für sein Mehrweggeschirr. Wie in Kornwestheim haben etwa Bönnigheim und Ludwigsburg Förderprogramme aufgelegt, die speziell für den Vertragsschluss mit dem regionalen Start-up gelten. „In manchen Städten und Gemeinden läuft es richtig gut und in anderen gar nicht“, sagt Fischer. In Kornwestheim habe sie etwa noch keine Kunden, dafür liefe es in Brackenheim und Ludwigsburg sehr gut. Das liege oft daran, dass die Betriebe von ihren Kunden gezielt auf ein solches Mehrwegangebot angesprochen würden und dann handelten.

Interesse flacht eher ab

Die Wirtschaftsförderung der Stadt Kornwestheim hat die Rückmeldung bekommen, dass das Interesse der Kundinnen und Kunden insbesondere zu Beginn sehr groß und die Nutzung gut gewesen seien. Mittlerweile sei dieses Interesse aber wieder gesunken. Auch bei „Recup/Rebowl“ aus München, das im Kreis Ludwigsburg rund 100 Betriebe mit seinem Mehrweggeschirr versorgt, merkt man ein Abflachen der Mehrweg-Nachfrage.

In Cleebronn will man sich nicht beklagen. Das Geschäft laufe ganz gut, sagt Fischer, auch wenn es keinen Boom mehr gebe. Es sei auch nicht einfach, neue Betriebe zu gewinnen – selbst wenn sie denen vorrechne, dass Mehrweg sogar günstiger sei als Einweg. Fehlende Kontrollen, ob die Mehrwegpflicht eingehalten wird, könnten da eine Rolle spielen. Fischer habe schon die Rückmeldung von Betrieben erhalten, dass sie das System nicht mehr weiter nutzen wollten, weil sie keine Repressalien zu befürchten hätten. Kontrolliert werde die Mehrwegpflicht ohnehin nicht.

Grundsätzlich sei das Problem aber eher das fehlende Verständnis für den Nutzen. „Häufig werden die Kunden gar nicht auf das Angebot explizit hingewiesen“, sagt Fischer. Das kann Laura Storz von der Metzgerei Schlag bestätigen. Bei dem Betrieb mit Filialen in Kornwestheim, Mühlhausen und Münster werden Mittagessen, aber auch Wurst und Fleisch in Mehrwegbehältern ausgegeben: „Zwei Drittel unserer Mittagessen sind mittlerweile in Mehrweggeschirr verpackt.“ Das liege daran, dass Verkäuferinnen die Kunden gezielt darauf hinweisen und der Betrieb selbst groß dafür geworben hat. „Mehrweg funktioniert nur, wenn der Betrieb voll dahinter steht“, sagt Storz.

Aus Sicht von Stefanie Fischer wäre grundsätzlich eine (Einweg-)Verpackungssteuer begrüßenswert. „Der wohl größte Hebel für eine höhere Mehrwegquote,wäre wohl die konsequente Abschaffung von Einwegalternativen“, sagt eine Sprecherin von „Recup/Rebowl“. Fischer selbst beschränkt ihr Start-up aber nicht nur auf Metzgereien und Bäcker. Immer wichtiger werden Feste. Hier sieht sie auch die Städte in der Pflicht. „Wenn ich beim Stadtfest alles in Wegwerftellern serviert bekomme, frage ich mich natürlich, warum ich das beim Bäcker anders machen soll“, sagt die Cleebronnerin.

So geht’s
Wer ein Getränk in einem „Local to go“-Becher kauft, zahlt dafür ein Pfand. Den leeren Becher kann man dann in allen Cafés und Restaurants zurückgeben, die sich an „Local to go“ beteiligen. Dort bekommt er sein Geld wieder. Das kostet es
Gastronomen zahlen für die Behälter eine monatliche Grundgebühr plus die gleichen Pfandgebühren wie die Kunden. Das sind bei „Local to go“ 2,50 Euro und bei „Recup“ 1 Euro pro Becher. Für Schalen zahlt man 5 Euro Pfand.

Alternative
 Eine Reihe von Betrieben hat sich ein eigenes Mehrwegsystem zugelegt. Dabei variieren die Preise teils deutlich. So verlangt etwa ein Bäcker 9 Euro Pfand pro Schüssel, ein Schnellrestaurant 2 Euro pro Becher. 

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