Gastspiel des Jewish Chamber Orchestra in Stuttgart Ermordet und vergessen: das Schicksal des Komponisten Józef Koffler

Das Jewish Chamber Orchestra Munich mit Dirigent David Grossmann und Schauspielerin Jelena Kuljić. Foto: Thomas Dashuber

Der Münchner Dirigent David Grossmann belebt die Erinnerungskultur mit Hilfe der Musik. Wie das geht, zeigt er jetzt beim Gastspiel seines Orchesters in Stuttgart am Beispiel des von den Nazis ermordeten Komponisten Józef Koffler.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Wie geht erinnern? Und warum sollen wir das weiterhin tun? Diese Fragen stehen im Zentrum eines Konzertprojekts des Jewish Chamber Orchestra Munich und seines Gründers und Dirigenten David Grossmann an diesem Sonntag im Stuttgarter Schauspiel. Grossmann geht es darum, Erinnerungskultur mit Leben zu füllen und mittels der Musik emotionale Zugänge zu schaffen in der Hoffnung, damit ein „lebendiges Nachdenken“ zu bewirken. Er will Erinnerung aus der „Erstarrung“ lösen.

 

Der 45-Jährige und seine 18 Kammermusiker tun dies ausgehend von dem 1896 geborenen polnischen Komponisten Józef Koffler, der am Konservatorium Lemberg eine Professur für atonale Musik bekleidete und als einer der wenigen osteuropäischen Komponisten in der Zwölf-Ton-Technik Arnold Schönbergs komponierte. 1944 wurde er nach der Auflösung des Ghettos von Wieliczka zusammen mit seiner Familie von einer deutschen Einsatzgruppe ermordet.

Das Werk eines fast völlig vergessenen Komponisten

Bei Recherchen zu Komponisten, die Opfer des Holocaust wurden, war Grossmann zufällig auf Koffler und sein Werk gestoßen.“ In der Folge trug er die wenigen noch vorhandenen Spuren zusammen. Sie ließen ihn zu dem Schluss kommen, dass es sich bei Koffler um einen „bedeutenden Komponisten“ handelte. Daraus entwickelte sich der Gedanke, dem Menschen und Musiker Józef Koffler der Vergessenheit zu entreißen und dies mit grundsätzlichen Überlegungen zum Thema Erinnerungskultur zu verbinden. Entstanden ist daraus das Stück: Kofflers Schicksal: Goldberg-Variationen von und mit dem Jewish Chamber Orchestra Munich, das am 11. November in den Münchner Kammerspielen Premiere hatte.

Die zweite Station ist an diesem Sonntag, 3. Dezember, Stuttgart, ehe es im nächsten Jahr bundesweit auf Tour geht. Vorgetragen werden ein Hauptwerk Kofflers, das Trio Opus 10, und die von ihm hinterlassenen Bearbeitungen eines Teils von Bachs berühmten Goldberg-Variationen. Die einzelnen Variationen werden unterbrochen von Texten der Literaturwissenschaftlerin Stella Leder zum Thema Erinnerungskultur, vorgetragen von der Schauspielerin Jelena Kuljić.

Grossmann: „Das Trauma wirkt nach. Es ist Teil unseres Lebens“

Das Echo nach der Münchner Premiere hat Grossmann in seinem Vorhaben bestätigt. Das Publikum habe sehr emotional und bewegt reagiert, sagt er. Ihm ist es wichtig, damit auch junge Menschen zu erreichen; geplant sind deshalb zusätzlich Jugendvorstellungen, bei denen Grossmann über den Impuls hinaus den Dialog mit Jugendlichen sucht: „Was macht der Holocaust heute mit uns?“, fragt er als Vater eines 14-jährigen Sohnes und einer 11-jährigen Tochter. „Es ist nicht vorbei. Das Geschehene hat Auswirkungen auf jeden einzelnen von uns. Dieses Trauma wirkt nach. Es ist Teil des Lebens.“ Damit gelte es umzugehen. Seit dem 7. Oktober, dem Tag des Terrorangriffs der Hamas auf Israel, ist dies noch dringlicher geworden. Grossmann, dessen Verwandtschaft großväterlicherseits im Holocaust umkam, kann verstehen, wenn Juden von einer „Retraumatisierung“ sprechen.

Intendant Kosminski will ein Zeichen setzen

Schauspiel-Intendant Burkhard C. Kosminski, der sich jüngst in einem Interview mit unserer Zeitung unüberhörbar gegen antisemitistische Entwicklungen positionierte, bedeutet das Gastspiel des 2005 gegründeten Jewish Chamber Orchestra Munich nach eigenem Bekunden viel: „Józef Koffler feierte als Komponist große Erfolge, bis das Nazi-Regime erst seine Karriere beendete und schließlich ihn und seine Familie ermordete.“ Vor dem Hintergrund des Hamas-Massakers und des seither neu aufflammenden Antisemitismus sei es ihm „ein Herzensanliegen“, dem Schicksal Kofflers und seiner fast vergessenen Musik eine Bühne zu bieten und dies mit dem Thema Erinnerungskultur zu verknüpfen. Unserer Zeitung sagte er: „Mir ist es wichtig, ein weiteres klares Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Schauspiel