In seiner ersten Rede macht Joachim Gauck klar, worum es ihm in seiner Amtszeit geht. Überzeugend, findet der Tübinger Redeexperte Joachim Knape.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Reden zu können gehört zur Kernkompetenz eines Bundespräsidenten. Der Tübinger Rhetorikprofessor Joachim Knape hat der Rede von Joachim Gauck ein komplettes Programm entnommen.

Herr Knape, hat Sie die Rede des neuen Bundespräsidenten überzeugt?
Ich glaube, er hat die gestellte Aufgabe, in wenigen Minuten etwas Wesentliches zu sagen, sehr gut erfüllt. Das war bei ihm ja auch nicht anders zu erwarten: Er ist nicht nur ein Naturtalent, sondern über Jahrzehnte geschult, als Pastor solche Auftritte zu bewältigen. Das hat er bestens hingekriegt.

Was war die Aufgabenstellung?
Die Rede musste sehr kurz sein und sie musste prägnant sein. Er hat die wesentlichen Dinge gesagt, die wir von ihm erwarten können, ohne gleich in Parolen zu verfallen oder irgendwelche ideologischen Programme zum Besten zu geben. Man merkt, das sind seine gewachsenen Überzeugungen.

Erwartet wurde eine Freiheitseloge.
Freiheit habe ich überhaupt nicht herausgehört. Das Wort kam einmal vor. Aber das Programm war ein ganz anderes. Ich habe preußische Pflichtethik verstanden, Nachhaltigkeit, ich habe Vermittlung verstanden. Freiheit aber war in dieser Rede kein zentraler Begriff.

Eher die Verpflichtung der Freiheit?
Was ihn offenbar umtreibt und mit Sicherheit auf uns zukommen wird, ist ein Maßstab, in dem ich sehr stark die preußische Pflichtethik erkenne. Er hat gesagt, woher seine Kraft resultiert, nämlich von seiner Herkunft, er erzählte, wie er bei den Märzwahlen 1990 eine Art Erweckungserlebnis hatte, überführte dies aber gleich in eine Pflichtüberlegung: aus dem Glück der Befreiung erwächst die Pflicht der Verantwortung.

Welcher Mittel hat er sich bedient.
Sehr schön hat er diesen Kontrast der politischen Wüste gegenüber der demokratischen Heimat formuliert. Das ist eine Kontrasterfahrung, die für ihn eine Bewertung darstellt, aber vermutlich in Zukunft auch für uns als Maßstab herangezogen wird: Er kommt aus einer Wüste, das ist die Erfahrung des 20. Jahrhunderts, die viele Deutsche im Lauf des 20. Jahrhunderts gemacht haben. Jetzt hat unser Land eine Heimat gefunden in der Demokratie. Das kann nur jemand so überzeugend sagen, der wie er 50 Jahre in einer Diktatur gelebt hat. Genau deshalb aber erreicht er auch jene, die vielleicht ja ganz andere Dinge erlebt haben. Diese Bewertungskategorie wird in Zukunft sicher immer wieder thematisiert werden.

Wie versteht er seine künftige Rolle?
Er möchte als Mittler und Vermittler auftreten. Deutlich hat er die Annäherungen zwischen Regierung und Bevölkerung hervorgehoben. Er versteht sich als Scharnier zwischen der politischen Kaste und den Bürgern. Und es ist ja eine wichtige Aufgabe des Bundespräsidenten, das zu erklären und deutlich zu machen, was viele Politiker einfach voraussetzen. Das kann er wahrscheinlich sehr viel besser als jemand wie Christian Wulff, der selbst verstrickt war in die aktive, operative Politik. Gleichzeitig hat Gauck durch die Arbeit der nach ihm benannten Behörde auch Standfestigkeit bewiesen.

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