Gauthier Dance Juniors Bühne frei für die nächste Generation

Die Gauthier Dance Juniors heben ab. In einem Tanzstück von Andonis Foniadakis gewinnen sie „Bolero“ eine neue, sehr sportliche Seite ab. Foto: /Jeanette Bak

„Renaissance“ heißt das Debütprogramm, in dem die sechsköpfige Nachwuchskompanie Gauthier Dance Juniors im Theaterhaus ihre Vielfalt unter Beweis stellen darf.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Sechs junge Talente hat Eric Gauthier seiner Hauptkompanie mit Beginn dieser Saison zur Seite gestellt. Drei Jahre, so der Plan, soll der Nachwuchs reifen, um dann fit zu sein für die Herausforderungen in der Tanzwelt.

 

Noch steht die Finanzierung der Gauthier Dance Juniors auf wackligen Füßen. Doch wacklig war keiner der Schritte, mit denen sich die jeweils drei Tänzerinnen und Tänzer an diesem Donnerstag im Theaterhaus dem Publikum vorstellten. Nichts brachte sie aus dem Takt - weder Sharon Eyals synchronen Gruppenbilder noch Rena Butlers Breakdance-Moves; und auch Barak Marshalls theatrale Expressivität, die Überdrehtheit von Andonis Foniadakis und die Nervosität von Marco Goeckes Gesten kamen astrein rüber.

Nostalgischer Blick zurück

Renaissance“ hat Eric Gauthier den Premierenabend seiner Junioren getauft. Erinnern soll der Titel an den Start von Gauthier Dance 2007 als ebenfalls sechsköpfiges Team; und vielleicht schwingt da auch der Wunsch mit, dass den Nachwuchs dieselbe Erfolgsgeschichte erwartet. Eine Wiedergeburt ist „Renaissance“ aber nicht. Wie beim Aufbruch zu einer Reise geht der Blick nach vorn; Koffer spielen nicht umsonst in zwei Stücken eine Rolle.

Filmporträts stellen die Junioren vor

„Heute ist ein richtig großer Tag; eine Tanzkompanie wird geboren“, sagt denn auch Eric Gauthier bei der Begrüßung. Die sechs Junioren haben das Aufwärmen auf die Bühne verlegt, so publikumsnah bleibt die Atmosphäre. Selbst wenn sich manche Choreografie als sperrig im Zugang erweist, stößt das junge Team Türen auf, als sich jeder und jede zwischen den Tanzstücken in vielsprachigen Filmporträts vorstellen darf.

Da ist Ayda Frances Güneri aus Istanbul, für die Tanz zum Ausweg aus schwierigen Situationen wurde, aber auch zum Ziel. Da ist Rong Chang aus Taiwan, den das Heimweh quält. Da ist Rebecca Amoroso aus Pavia, die nicht auf ihre Größe reduziert werden will. Da ist Joan Jansana Escobedo aus Barcelona, der schon immer Künstler werden wollte und sich nun ins kalte Wasser stürzt. Da ist Mathilde Roberge aus Quebec, die Sport liebt und ständig in Bewegung ist. Und da ist Sefano Gallelli aus Toronto, für den sich Tanz einfach gut anfühlt.

„Sara“ bietet expressive Momente

Gut aussehen tun alle sechs Junioren gleich im ersten Stück, wenn Sharon Eyal in „Sara“ Individuum und Gruppe in Kontrast setzt. Ayda Frances Güneri lässt im Abseits jeden Muskel tanzen; in schwarzen Latexanzügen werden ihre Kollegen fast eins mit dem dunklen Raum. Auf feine Beobachtungsgabe setzen auch die leicht aus der Vertikalen verschobenen, mechanischen Bewegungen. Statt wie sonst mit einem Tippelschritt-Marathon besticht die israelische Choreografin mit expressiven Momenten.

„Umbra/Penumbra“ von Rena Butler Foto: GD/Jeanette Bak

Kontrastreiche Schlaglichter bringen Krimi-Spannung in das Duett „Umbra/Penumbra“, das Rena Butler mit den Junioren erarbeitete. Rebecca Amoroso und Rong Chang sind Körper und sein Schatten, sie belauern einander und nähern sich an, um wie von Elektroschocks durchzuckt zurückzuweichen. Abhängig wie Marionetten, ausgeliefert wie bei einem Terrorakt sind die Tänzer bei dieser Identitätssuche, die fast zu viele Wendungen nimmt.

„At the River Styx“ von Barak Marshall Foto: GD/ Jeanette Bak

Der Tod tanzt in Barak Marshalls „At the River Styx“. Gekleidet wie Figuren aus der Nachkriegszeit nehmen uns alle sechs Tänzer mit auf die Etappe einer Reise, die ausschnitthaft bleibt. Gestorben wird zum Tuten einer Kurbelsirene, doch eine Fahrradpumpe haucht Toten für Momente wieder Leben ein. Intensive Gebärden und Gruppenszenen von unbändiger Energie machen diesen Ausflug ins Fegefeuer zur charmanten Tanztheater-Begegnung, welcher der Tanznachwuchs feine Komik und anrührende Momente erspielt.

Marco Goeckes Duett „Midnight Raga“ Foto: GD/ Jeanette Bak

Marco Goeckes Duett „Midnight Raga“ ist für die Junioren des Nederlands Dans Theaters entstanden. Stefano Gallelli und Joan Jansana Escobedo greifen beeindruckend die Schwingungen von Ravi Shankars Sitarspiel auf und zeigen, wieso das Stück sich 2017 einen der niederländischen Tanz-Oscars Zwaan verdiente. Ihre Körper spannen sich oder schwingen im Raum wie Saiten, wenn die beiden Goeckes nervöse Gestik erkunden und sich mal wie Spiegelbilder, mal wie Frage und Antwort ergänzen.

Szene aus Eric Gauthiers Film „Grand voyage“ Foto: GD/ Jeanette Bak

„Grand voyage“ heißt Eric Gauthiers Kurzfilm, in dem er Mathilde Roberge im roten Daunenoverall auf eine große Reise schickt. Gauthier wie Roberge kamen über die Schule des kanadischen Nationalballetts nach Stuttgart. Die zeitliche Distanz löst Gauthier in fast zu viel Weiß auf, in das der Tanz – erst auf Spitze, dann wie befreit – wenige Akzente setzt.

Zum Finale geht’s aufs Trampolin

Sehr poppig klingt der Abend aus, auch wenn Ravels „Bolero“ erklingt. Andonis Foniadakis verpackt fünf Tänzer neonbunt und lässt sie auf Trampolinen sanft wippen und sportiv abheben. Untergrund wie Choreografie erfordern höchste Konzentration. Und auch wenn das Stück den Spannungsbogen der Musik nicht immer im Tanz abbildet, verblüffen die Gauthier Dance Junioren bis zum Finale: „Renaissance“ zeigt, dass die jungen Profis mit allen Tanzwassern gewaschen sind und eine Kondition haben, die Größeres möglich macht.

Info

Termine
„Renaissance“ steht bis zum 27. Januar und dann wieder vom 10. bis zum 14. April auf dem Spielplan im Theaterhaus. Bis auf die Matinee am 24. Januar ist die erste Vorstellungsstaffel bereits ausverkauft. Karten gibt es online unter www.theaterhaus.com und telefonisch unter 0711/4020-720.

Kompanie
Die Idee zu den Gauthier Dance Juniors nahm in der Coronapandemie Gestalt an. Ein bundesweites Förderprogramm, das Engagements der von Corona ausgebremsten Berufseinsteiger förderte, gab dem Projekt und vier Tänzern, die sich beim Schulprojekt „Moves for Future“ bewährten, Starthilfe. In dieser Saison hat sich Eric Gauthier den Traum von einer eigenen Nachwuchskompanie erfüllt. Die sechsköpfigen Gauthier Juniors sollen die Hauptkompanie bei der mobilen Arbeit in Schulen und sozialen Einrichtungen entlasten, aber auch Bühnenerfahrung sammeln.

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