An einem Band um den Hals trägt er ein kleines Schild mit den Schwarz-Weiß-Bildern seines Vaters und seines Bruders. Unter und über den Fotografien steht auf Spanisch und auf Deutsch die Frage: Wo sind sie? Der Mann in chilenischer Tracht, der vor dem Palacio de La Moneda, dem Regierungspalast in Santiago de Chile, einen traditionellen Tanz aufführt, zieht die Aufmerksamkeit auf sich.
Juan Eduardo Rojas-Vásquez ist anlässlich des 50. Jahrestags des Militärputschs in Chile eigens aus Deutschland nach Südamerika gereist, um dort seine Geschichte zu erzählen und endlich den Ort zu besuchen, an dem Vater und Bruder vor 50 Jahren spurlos verschwunden sind.
„Ich wollte am 11. September dabei sein“, sagt der 65-jährige. „Ich wollte den Chilenen mitteilen, dass es auch im Ausland Menschen gibt, die noch immer ihre Angehörigen suchen.“
In Santiago de Chile gedenken Tausende der Ereignisse von 1973
Knapp einen Monat später sitzt Rojas-Vasquez wieder in seiner Wohnung in Stuttgart, wo er seit mehr als 40 Jahren lebt. Drei Wochen lang war der 65-Jährige, der schon längst Deutscher ist, in dem Land unterwegs, in dem er einst geboren wurde und aus dem er Ende der 1970er-Jahre vor Verfolgung fliehen musste. Ein Team des SWR-Fernsehens hat den Stuttgarter bei seiner Reise nach Chile zeitweise begleitet. Geplant ist eine Reportage, die in den kommenden Monaten im Kulturkanal Arte ausgestrahlt werden soll. „Exil-Chilenen gibt es viele in Deutschland“, sagt Rojas-Vásquez. Aber Menschen, deren Angehörige die Militärjunta von General Pinochet ermordet hat, gebe es hier nur wenige. „Da bin ich Einzelgänger“, betont Rojas-Vásquez.
In der Hauptstadt Santiago de Chile gibt er am 11. September, als Tausende in dem Land der Ereignisse von 1973 gedenken, Interviews. Das Fernsehen berichtet über den deutschen Chilenen. Die Reise, sagt er, habe ihn sehr getroffen. „Es ist alles noch lebendig dort. Die Menschen leiden, weil sie, wie ich, noch immer nicht wissen, was mit ihren Familienmitgliedern passiert ist.“
Brief an den Bundespräsidenten mit der Bitte um Gedenkstätte
Als Rojas-Vásquez am 13. Oktober 1973, nur einen Monat nach der Machtübernahme Pinochets, erleben musste, wie sein Vater gegen fünf Uhr morgens von der Polizei aus dem Haus gezerrt wird, ist er noch ein Jugendlicher. Der ältere Bruder ist in der kommunistischen Partei aktiv und wird wenig später verhaftet. Zu dieser Zeit lebt die Familie in der Nähe von Los Carros in einem Dorf rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt – und in unmittelbarer Nähe der berüchtigten deutschen „Colonia Dignidad“.
Seine Reise führt Rojas-Vásquez zum ersten Mal auch dorthin. Es ist der Ort, an dem, so ist er überzeugt, sein Vater und sein Bruder wie viele andere gefoltert und ermordet wurden. Wie viele setzt er sich dafür ein, dass Deutschland und Chile endlich übereinkommen, auf dem Gelände eine Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum zu errichten. Erst im Juni dieses Jahres hat er Bundespräsident Frank Walter Steinmeier angeschrieben und ihn darum gebeten, die Sache voranzutreiben.
Gedenkort am Santiago-de-Chile-Platz?
Große Hoffnungen setzt Rojas-Vásquez in den neuen chilenischen Präsidenten Gabriel Boric, dessen Regierung im August dieses Jahres angekündigt hat, die Suche nach den Opfern der Militärjunta zu verstärken. Dass der in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Kindesmissbrauch rechtskräftig verurteilte ehemalige Krankenhausarzt der Colonia Dignidad, Hartmut Hopp, sich in Deutschland frei bewegen darf, nennt Rojas-Vásquez in diesem Zusammenhang „eine Schande“. Er ist davon überzeugt, dass Hopp weiß, was mit seinem Vater und seinem Bruder geschehen ist.
Auch um einen Ort zu haben, an dem er am 13. Oktober jeden Jahres trauern könnte, wünscht sich der 65-Jährige von ganzen Herzen, dass auch Stuttgart wie andere deutsche Städte auch endlich einen Gedenkort für die Opfer der chilenischen Militärdiktatur einrichtet. Mit dem Santiago-de-Chile-Platz im Stadtteil Degerloch hätte die Stadt, sagt Rojas-Vásquez, auch den geeigneten Ort dazu.