Im Stuttgarter Literaturhaus haben Weggefährten an den im Mai verstorbenen Stuttgarter Architekten Roland Ostertag erinnert. Unter den Rednern waren Erhard Eppler und Klaus Töpfer.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Ein paar Bleistiftstriche nur – und schon hatte Stefanie Stegmann eine prägnante Skizze gefertigt von Roland Ostertag, zu dessen Gedenken sie dem Architektur-Forum Baden-Württemberg am Donnerstagabend ihr Haus zur Verfügung stellt. Was sie mit ihm, dem Gestalter des Bosch-Areals und des Literaturhauses, verband? Vor allem „seine unvermittelten Fragen“. Die aber eigentlich „Ansagen“ waren, sagte die Literaturhaus-Leiterin.

Eine davon lautete: „Wann schauen Sie sich meine Ausstellung an?“, wobei von der von Ostertag eingerichteten baugeschichtlichen Stuttgart-Schau am Gähkopf die Rede war. Eine andere: „Springen Sie noch?“ Mit „springen“ meinte der gebürtige Ludwigsburger freilich „rennen“, und mit dieser Frage spielte er auf ihre Begegnungen am Kräherwald an: Stegmann joggend, Ostertag spazierengehend, „zügigen Schritts, die Hand zum Gruß hebend“.

Sein größter Misserfolg: der Kampf gegen Stuttgart 21

So brachte jeder, der während der nahezu drei Stunden ans Rednerpult trat, seine Assoziationen und Gedanken mit, entwarf sein persönliches Bild von dem in diesem Jahr am 11. Mai im Alter von 87 Jahren verstorbenen Architekten, Hochschullehrer, Berufsverbandspolitiker und Stuttgarter Bürger, der sich für das gebaute Gedächtnis seiner Stadt engagiert hatte wie kein Zweiter.

Den Blick am weitesten zurückschweifen lassen konnte gleich zu Beginn der Ehrenredner Erhard Eppler, der Ostertag in den frühen Fünfzigern in der nur wenige Jahre existierenden Gesamtdeutschen Volkspartei kennenlernte und mit ihm gemeinsam in die SPD wechselte. Eppler hob Ostertags für einen Architekten außergewöhnlich ausgeprägte „politische Seite“ hervor – wie auch dessen sich logisch daraus ableitbares Engagement für „sein Stuttgart“, in das der emeritierte Braunschweiger Entwurfsprofessor laut Eppler als „tatendurstiger Liebhaber“ zurückkehrte. Ostertag sei es stets darauf angekommen, wie Stuttgart sich zu seiner Vergangenheit verhielt, so der 91-jährige Eppler. Ein Anliegen, das in sein vehementes bürgerschaftliches Engagement für eine Vielzahl von Projekten mündete, an die Weggefährten wie Andreas Keller von der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ oder Harald Stingele von der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber erinnerten. Dass er dabei auch „anstrengend war“, weil er „nicht locker ließ“, verhehlte Heiner Wittmann vom Ernst Klett Verlag nicht.

Berthold Burkhardt von der TU Braunschweig warf ein Schlaglicht auf den „begnadeten“ Hochschullehrer Ostertag, der von seinen Studenten nur „O“ genannt wurde, wie der Architekturfotograf Klemens Ortmeyer berichtete; Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, würdigte die von ihrem Vorvorgänger vorangetriebene Professionalisierung der berufspolitischen Arbeit, und fast alle streiften Ostertags wohl größten Misserfolg: sein vergeblicher Kampf gegen das aus seiner Sicht stadtzerstörerische Stuttgart 21.

Töpfer: „Empören Sie sich! So werden Sie Ostertag gerecht!“

Am Ende fügten sich alle Erinnerungssplitter, Anekdoten und Charakterisierungen zu einem treffenden Persönlichkeits-Mosaik, visuell gerundet von an die Wand geworfenen Fotografien, die eine Auswahl seiner Bauten zeigten sowie Impressionen seiner Exkursionen mit Studenten als Braunschweiger Professor.

So entstand ein so lebendiges Porträt, dass Klaus Töpfer, der unter anderem als ehemaliger Bauminister mit dem Kammerpräsidenten Ostertag zu tun hatte, zu recht bemerkte: „Er steht ja praktisch hier im Raum“. Töpfer als zweiter Ehrenredner war es vor allem, der ganz am Ende mit Ernst Bloch beim Erinnern den Blick nach vorne gerichtet wissen wollte, gerade angesichts von Vorgängen wie in Chemnitz: „Empören Sie sich doch! Dann werden Sie Roland Ostertag gerecht!“

Vom Erinnern zum Bewahren für nachfolgende Generationen – ein naheliegender Schritt sowohl für Markus Müller, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, wie auch für Gustav Marohn vom Architektur-Forum. Beide plädierten mit Nachdruck angesichts des Vermächtnisses, das Ostertag nicht nur ideell, sondern auch physisch mit der Ausstellung auf dem Gähkopf hinterlässt, für ein Stuttgarter Architekturmuseum.