Gedenken in Stuttgart Erinnerung an Orte der Zwangsarbeit
Erstmals werden bei einem Stolperkunst-Projekt in Stuttgart die Stellen gezeigt und erforscht, an denen Arbeiter für die Kriegswirtschaft schuften mussten.
Erstmals werden bei einem Stolperkunst-Projekt in Stuttgart die Stellen gezeigt und erforscht, an denen Arbeiter für die Kriegswirtschaft schuften mussten.
Kaum jemand weiß, wo diese Menschen in Stuttgart genau gearbeitet haben. Dies will nun das Hotel Silber, in dem Naziverbrechen dokumentiert werden und an die Opfer erinnert wird, mit einem Stolperkunstprojekt zeigen. Die Initiative des Lern- und Gedenkorts Hotel Silber kümmert sich dabei um die Verwirklichung. Deren Projektleiter Christian Werner erklärt, dass es derzeit zwei Projekte gibt. Eines ist das von Marcel Folmeg. Neben seiner Arbeit gibt es noch ein Performance-Projekt. Folmeg, freischaffender Künstler aus Münster, hat ein Erinnerungssymbol entwickelt, welches an möglichst vielen Orten der Zwangsarbeit in Stuttgart auf dem Boden angebracht werden soll. Die Orte werden gerade erforscht. Mittels Schablonenkunst sollen dann an den jeweiligen Stellen der Zwangsarbeit die besonderen Gedenkzeichen auf der Straße angebracht werden. Derzeit sind laut Werner mehr als 200 Orte der Zwangsarbeit bekannt. Das Hauptwerk soll ein großes Wandbild in Form eines Graffitikunstwerks sein.
So ein Projekt gab es bisher noch nie in der Landeshauptstadt, deshalb sei es auch vom Kulturamt als förderungswürdig eingestuft worden. „Das Mittel von Folmeg ist grandios“, sagt Werner. Zunächst soll das Symbol mit irreversiblen Farben wie Malkreide auf den Boden angebracht werden. Dann soll geschaut werden, wie es in der Öffentlichkeit aufgenommen wird.
Auftakt für die Aktion soll noch in diesem Jahr sein. Der Verein hat zum Thema Zwangsarbeit eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die sich regelmäßig trifft. Sie durchforstet Archive, stellt Listen auf und ermittelt Orte und Hintergründe der Zwangsarbeit. Die Zwangsarbeiter seien zwischen 1939 und 1945 nicht nur bei großen Firmen wie Daimler, Porsche und Mahle eingesetzt worden, sondern auch in Gaststätten und Schulen und anderen Orten, weiß Werner.
In der Ausschreibung zu dem Projekt der Stolperkunst heißt es, dass bislang „nur an wenigen Orten in Stuttgart an die aus den besetzten Ländern verschleppten Arbeitssklaven und Arbeitssklavinnen erinnert werde, die die Kriegswirtschaft in Deutschland am Laufen halten mussten. Die rund 60 000 Menschen seien im Alltag der Kriegszeit omnipräsent gewesen, Hunderte Lager habe es in allen Winkeln der Stadt gegeben, alle Firmen, auch öffentliche Einrichtungen seien an ihrem Einsatz beteiligt gewesen.
Umso erstaunlicher sei es, wie wenig präsent diese Orte und diese Menschen im kollektiven Gedächtnis der Stadt sind. Das Kunstprojekt soll nun einen Anstoß geben, diese Erinnerungslücke anzugehen, hoffen die Aktiven der Stolperkunst. Die Förderung von Projekten zur Zwangsarbeit ist aus Sicht des Kulturamts wichtig, „weil die künstlerische Auseinandersetzung neue Zugänge zu dem Thema schafft und ein gemeinsames Erinnern an das geschehene Unrecht auch im öffentlichen Raum ermöglicht“. Die Stadt Stuttgart fördert derzeit auch die Erforschung der Geschichte der Zwangsarbeit durch ein Promotionsstipendium und hilft den Ehrenamtlichen des Arbeitskreises der Stolpersteininitiativen, die die Schicksale von Zwangsarbeitern erforschen, bei ihren Recherchen. Auch das Stadtarchiv bietet Veranstaltungen dazu.
Der Künstler Marcel Folmeg freut sich, dass er dieses Projekt des Hotels Silber in Stuttgart verwirklichen darf. Folmeg ist bildkünstlerisch tätig. Mit den Schablonen, die er entworfen hat, will er auch die Unterbringungsorte von Zwangsarbeitern markieren. Filmisch wird das Projekt von Steffen Tröger unabhängig dokumentiert.
Der 44-Jährige hat sich für die Aktion zum Thema Zwangsarbeit ein Symbol mit einem Spaten überlegt, der in die Erde stößt, und darüber eine alte Handkette, wie sie einst Sklaven trugen. Im Juni war die Ausschreibung beendet worden. Jetzt geht es an die Umsetzung. Die Forschungen dazu seien noch längst nicht beendet. Für den Künstler ist es ein interessantes Thema. „Ich war immer schon geschichtsinteressiert“, sagt Folmeg. Auch sei das Thema aktuell. Es gebe genug Arbeitssituationen, die nicht unbedingt ein würdiges Umfeld böten, oder Menschen, die genötigt würden von der Gesellschaft. „Es gibt noch genug Sklavenarbeit auf der Welt“, so Folmeg. Er ist als freischaffender Künstler bisher nicht nur in Stuttgart durch Graffitikunst in Erscheinung getreten, sondern international tätig.
Weitere Informationen zum Projekt Stolperkunst gibt es unter: www.stolperkunst.de.
Das Hotel Silber
in der Dorotheenstraße 10 ist im Dezember 2018 eröffnet worden. Es ist ein Erinnerungs-, Lern- und Gedenkort. Das Hotel Silber wurde mehr als 50 Jahre von der Polizei genutzt und war Zentrale der Gestapo für Württemberg und Hohenzollern. In dem einstigen Ort des NS-Terrors ist ein Ort des historisch-politischen Lernens und der Begegnung entstanden mit Ausstellungen und Veranstaltungen. Träger ist das Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Programmpartner sind die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V., die Landeshauptstadt Stuttgart, die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg. Finanziert wird die Einrichtung vom Land Baden-Württemberg und der Landeshauptstadt Stuttgart.
Der Künstler Marcel Folmeg
ist 1977 in Stuttgart geboren. Er lebt und arbeitet in Stuttgart, Lissabon (Portugal) und Luino (Italien ). Er ist Schüler von Joe Muczka Jr. (Malerei) und Gate (Graffiti Street Art). Seine Street Art-Arbeiten entstehen in Europa, Amerika, Afrika und Asien.