Gedenktafel für ermordete KZ-Häftlinge Was ist ein Mensch wert?

Von Thomas Krämer 

Seit Sonntag erinnert eine Gedenktafel im Bernhäuser Forst bei Plattenhardt an ein Massengrab, in dem 66 jüdische Häftlinge verscharrt worden waren.

Filderstadts Oberbürgermeister Christoph Traub (rechts) und Leinfelden-Echterdingens Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell enthüllten bei einer Feierstunde am Sonntag eine Gedenktafel am ehemaligen Gräberfeld  im Bernhäuser Forst. Foto: Thomas Krämer
Filderstadts Oberbürgermeister Christoph Traub (rechts) und Leinfelden-Echterdingens Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell enthüllten bei einer Feierstunde am Sonntag eine Gedenktafel am ehemaligen Gräberfeld im Bernhäuser Forst. Foto: Thomas Krämer

Filderstadt/Leinfelden-Echterdingen - „Hinter den Wolken scheint immer die Sonne.“ Das waren die letzten Zeilen, die Jannetje Straatsma von ihrem Mann Jacques Schenkkan bekommen sollte. Der Niederländer jüdischen Glaubens war am 21. April 1944 in Amsterdam verhaftet und wenige Wochen später nach Auschwitz gebracht worden. Acht Monate später ist er mit großer Wahrscheinlichkeit im KZ-Außenlager Echterdingen gestorben und im Bernhäuser Forst verscharrt worden.

Am Sonntag wurde dort eine Gedenktafel enthüllt. Sie erinnert an die toten Häftlinge. Die Leichname haben, nachdem sie 1945 auf Geheiß der US-Armee von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern exhumiert worden waren, ihre letzte Ruhestätte auf dem Ebershaldenfriedhof in Esslingen gefunden.

Braune Pappsäcke in große Löcher geworfen

Die Erinnerung an das versteckt im Gesträuch liegende und heute von Steinen markierte Massengrab ist über 70 Jahre hinweg lebendig geblieben. Als achtjähriger Junge hatte Robert Lang Männer beobachtet, die braune Pappsäcke in zwei große Löcher warfen. Ihm sei klar gewesen, dass darin Leichen waren, wie er dem Historiker Thomas Faltin bei einem Spaziergang vor rund zehn Jahren schilderte. „Teilweise schauten Gliedmaßen heraus, die von den Füchsen angefressen waren“, zitiert Faltin den Zeitzeugen.

Das Schicksal des Niederländers steht exemplarisch für das von weiteren 65 toten Häftlingen, die Mitte Dezember 1944 in eine Grube in dem Waldstück westlich von Plattenhardt geworfen worden waren. „Sie hatten nichts getan, waren keine Verbrecher, wie die Nazis das Gerücht zu streuen versuchten. Sie wurden ermordet, weil sie einer Religion angehörten, die den Nationalsozialisten nicht passte“, so Faltin. Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus sei auch eine Mahnung, unsere Werte der Menschlichkeit in so schwierigen Zeiten wie derzeit zu achten, ergänzte er.

Per Luftbildauswertung die Lage bestimmt

Mittels Luftbildauswertung und Grabungen hatte 2006 – ein Jahr nach der Entdeckung des Massengrabs auf dem Gelände des US-Airfields zwischen Echterdingen und Bernhausen – die genaue Lage des ehemaligen Gräberfelds bestimmt werden können. „Es bestand die Gefahr, dass das Wissen darüber erneut verloren geht“, begründete Filderstadts Oberbürgermeister Christoph Traub die Aufstellung der Gedenktafel.

„Entstanden ist eine sehr schlichte und bescheidene Gedenkstätte, eigentlich mehr die Markierung eines historischen Platzes“, so der OB. Er denke aber, dass sie ihren Zweck erfülle. „Es ist wichtig, an diesem Ort an das nationalsozialistische Unrecht zu erinnern“, betonte das Stadtoberhaupt.

Landesrabbiner: „Wir haben gar nicht so viel gelernt“

„Viele Lebensträume haben an diesem geschichtsträchtigen Ort ein bitteres Ende gefunden“, sagte Landesrabbiner Netanel Wurmser. Dem jüdischen Glauben entsprechend gelte dieser Platz immer noch als Grab, auch wenn die Leichen vor 70 Jahren an anderer Stelle beerdigt worden seien. Die Zeit des Mordens am jüdischen Volk und anderen Minderheiten hätte eine Lehre sein sollen für viele kommende Generationen, so Wurmser. „Aber wenn wir uns heute umblicken, dann sehen wir, dass wir gar nicht so viel gelernt haben nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs“. Wir müssen uns heute fragen, was ist ein Mensch wert? Wie viel sind wir bereit zu investieren in einen Menschen in Not – egal ob Flüchtling oder nicht. „Wir sehen“, so Wurmser, „es hat sich nicht viel geändert.“




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