Das Leben besteht aus Warten: auf das Christkind, den Weihnachtsmann, den Paketboten, die Deutsche Bahn, im Arztzimmer, im Stau, an der Supermarktkasse, auf Black Friday, das Gehalt, das Wochenende, den Urlaub und Mr oder Mrs Right. Warten auf Nachwuchs, darauf, dass er krabbelt, in die Schule geht und dass endlich diese verdammte Pubertät vorbei ist. Man sehnt den Moment herbei, in dem der Sprössling aus dem Haus ist, und wartet dann wieder – oftmals vergebens –, dass er mal zu Besuch kommt.
Das Warten kann schön und voller Vorfreude sein, es kann zelebriert werden wie bei einem Fünf-Gänge-Menü im Sternerestaurant. Doch in der Hektik des Alltags raubt es vielen leider doch den letzten Nerv – zudem in einer Zeit, in der durch das Internet eigentlich so vieles sofort verfügbar ist: Nachrichten, Shoppingmöglichkeiten, sogar schnelle Dates via Tinder.
Die Herausforderung: Nichts tun!
„Wir kommen nur schwer mit dem Nichtstun klar. Wir sind es schließlich gewohnt, immer etwas zu machen; durch das Leben zu rennen und zu behaupten: Ich habe keine Zeit“, sagt Armin Nagel, Autor des Buches „Schöner Warten: Über den Umgang mit einem unvermeidlichen Zustand“. Da gehört das Warten zwangsläufig dazu. „Wichtig ist, dass man sich nicht vom Ärger überwältigen lässt.“
Das Warten zu ertragen, vereint die Menschen, auch wenn die Gründe stark differieren: Der eine wartet im Vorzimmer der Arbeitsagentur, der andere auf den Flieger in die Karibik. Jemand bangt beim Arzt um seine Gesundheit, ein anderer wird ungeduldig, weil der Pizza-Lieferdienst zu lange braucht.
Der Zustand ist jedoch der gleiche: Minuten fühlen sich an wie Stunden oder Stunden wie Tage. Der Blutdruck kann dabei ordentlich in die Höhe schießen. „Dabei ist Warten auch eine Chance, mal zur Ruhe zu kommen“, erklärt Nagel. „Wartezeit ist letztlich keine gestohlene, sondern geschenkte Zeit.“
Besonders das Abwarten hat keinen sonderlich guten Ruf. Bundeskanzler Olaf Scholz wird beispielsweise immer wieder zur Last gelegt, zu zögerlich zu sein. „Würde ein Chef sagen, wir haben ein Problem und warten erst mal ab, würde das sofort als Führungsschwäche ausgelegt werden“, sagt Nagel.
Warten heißt vielleicht: Vorfreude
Dabei ist der Weg des Wartens manchmal quasi schon das Ziel. Luxusprodukte wie Rolex-Uhren, derer die Kunden über zehn Jahre harren müssen, oder Designer-Handtaschen von Hermès, deren jahrelange Fertigungszeit die Trägerinnen gern hinnehmen, um sich danach mit diesem Statussymbol zu schmücken, erhöhen den Wert eines Produkts.
„Wer nicht warten kann, nimmt sich ein Stück Vorfreude und somit auch ein Gefühl von Glück“, sagt Nagel. „Andererseits hat Warten auch oft etwas mit Macht zu tun, denn mächtige Menschen lassen warten.“ Und die coolen Leute kommen selten pünktlich zur Party.
Meist passiert die leidige Warterei allerdings schlicht aufgrund menschlicher Versäumnisse: Der Busfahrer hat verschlafen, die neue Verkäuferin im Supermarkt bekommt das Katzenfutter partout nicht gescannt, oder die Verkehrsplaner kriegen einfach keine adäquate Ampelschaltung programmiert, damit der innerstädtische Verkehr reibungslos fließt. Nicht zu ändern.
Die Tricks der Experten
Ein paar Tricks gibt es dennoch, um – zumindest die gefühlte – Wartezeit zu kompensieren. Die Wirtschaftsprofessoren David Maister und Dick Larsen geben dazu in Nagels Buch Tipps: „Wartende wollen etwas tun. Und sei es das Ausfüllen eines Anmeldeformulars in einer Arztpraxis.“
In Freizeitparks wissen Besucher meist durch Schilder genau, wie lange sie an der Achterbahn anstehen müssen: „Ab hier noch eine Stunde“. Das klingt zwar lang, ist aber dennoch absehbar. Und schließlich freuen sich alle, wenn sie dann doch nur 55 Minuten gewartet haben.
Maister und Larsen empfehlen Unternehmen zudem, über den Anlass der Wartezeit aufzuklären: „Werte Fahrgäste, hier spricht ihr Lokführer. Ich bin 20 Minuten zu spät. Dafür gibt es einen Grund: Ich kam mit der Bahn.“ Und in Schlangen jedweder Art lassen sich mit ein bisschen Hintergrundwissen aus der Forschung leicht ein paar Minuten wettmachen: Männer brechen das Warten nämlich häufig früher ab als Frauen, daher stelle man sich am besten hinter Männern in eine Schlange.
„Einfach mal entspannen“
Wenige Menschen mit einem großen Einkauf kommen flotter voran als mehr Menschen mit kleinem Einkauf, und Schlangen auf der linken Seite sind meist kürzer als jene auf der rechten, denn die meisten Leute sind Rechtshänder und reihen sich lieber rechts ein.
Man könnte natürlich auch einfach nur die Zeit im Stillstand genießen, „denn beim Warten hat man endlich die Möglichkeit, mal zu entspannen“, findet Armin Nagel. „Man könnte den Geräuschen um sich herum lauschen, Dinge tun, für die man sonst keine Zeit findet, oder auch mit anderen Menschen ins Gespräch kommen.“ Asiatische Meditationstechniken können dabei helfen, im Hier und Jetzt zu sein.
„Dass Warten etwas Schlechtes ist, liegt meist nur an unserer Einstellung“, bekräftigt auch Gabriele Liesenfeld, Roman- und Sachbuchautorin diverser Glücks- und Gelassenheitsratgeber. „Die Situation lässt sich doch nicht ändern. Aber was ich immer ändern kann, ist meine Einstellung dazu.“
Wäre alles sofort verfügbar, was wir uns wünschen, würde das nur für kurze Glücksmomente sorgen. Stattdessen ist Dankbarkeit oft hilfreich – wie etwa: Schön, dass ich hier im Stau stehe und nicht selbst in den Unfall verwickelt bin.
Liesenfeld empfiehlt, rechtzeitig Folgetermine zu verschieben und sich locker zu machen. Dann kann in solchen Momenten gar Kreatives entstehen oder eine geniale Idee wachsen; vorausgesetzt, man greift nicht gleich zum Smartphone und daddelt sinnlos vor sich hin.
Warten ist nämlich manchmal wie ein Sandkorn, das in einer Muschel zur Perle wird. Es braucht nur ein bisschen Geduld. „Und guten Willen“, so die Autorin. „Man kann selbst entscheiden, wie man sich fühlen will. Und wenn das Sich-gut-fühlen-Wollen zur Gewohnheit wird, dann wird das zu einer neuen Programmierung im Gehirn.“ Wer also klagt über das tägliche Zuviel an Aufgaben, sollte sich freuen, wenn er mal wieder warten darf.