Stuttgart - Auch in Deutschland werden immer mehr Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 gemeldet. An der von diesem Erreger verursachten Lungenkrankheit Covid-19 ist hierzulande aber noch niemand gestorben. Doch die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich der Erreger weiter ausbreitet und es dann auch zu Todesfällen kommt. In China scheint die Zahl der Neuinfektionen bereits rückläufig zu sein. Wie es hierzulande weitergeht, kann niemand mit Sicherheit sagen. Aber die Medizin kann auf einen reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit Epidemien zurückblicken. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.
Wie wurde die ebenfalls von einem Coronavirus verursachte Lungenkrankheit Sars besiegt?
Das Coronavirus, das ab Ende 2002 die Welt mit der Lungenkrankheit Sars bedrohte, wurde weltweit intensiv bekämpft. Dies war vor allem ab März 2003 notwendig, nachdem infizierte Personen den Erreger in mehrere Länder transportiert hatten. Nun wurden überall, wo Infektionen auftauchten, die Patienten wie auch Menschen, die mit ihnen in Kontakt gekommen waren, konsequent isoliert. Voraussetzung war, dass der Erreger mit einem Test sicher nachgewiesen werden konnte. Der Aufwand war zwar beachtlich, hat sich aber letztlich gelohnt: Anfang Juli 2003 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Sars praktisch für besiegt.
Was ist bei Covid-19 anders?
Die gute Nachricht: Das mit dem Sars-Erreger verwandte neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 ist lange nicht so aggressiv wie sein Sars-Verwandter. Die schlechte Nachricht: Es springt wesentlich leichter auf andere Menschen über. Daher halten es Experten für immer wahrscheinlicher, dass sich Infektionsketten nicht mehr unterbrechen lassen und es in immer mehr Ländern zu einer ähnlichen Epidemie wie in China kommen könnte. Damit wäre der Erreger fest etabliert und ließe sich nicht mehr ausrotten.
Lesen Sie hier: Wie gefährlich ist das Coronavirus wirklich?
Wie ist die Lage in China?
Die strikten Quarantänemaßnahmen haben sich offenbar ausgezahlt. Auch wenn in China nach wie vor sowohl die Gesamtzahl der Infektionen als auch die Zahl der Todesfälle steigen, hat sich ihr Anstieg inzwischen doch verlangsamt. Die WHO hat daher auch Ende Februar festgestellt, dass die Epidemie in der am stärksten betroffenen Millionenstadt Wuhan ihren Höhepunkt überschritten hat und die Neuinfektionen dort seit Anfang Februar zurückgehen. Die Dynamik der Neuinfektionen habe sich aus China in den Rest der Welt verlagert, heißt es beim Robert-Koch-Institut (RKI).
Was erwarten chinesische Experten?
Mitte Februar hat Zhong Nansham, der Chef der Expertengruppe der chinesischen Regierung, über eine „grobe Schätzung“ der Fachleute berichtet, wonach sich die Lage in China Ende April stabilisieren könnte.
Lesen Sie hier: Wird Südtirol zum Risikogebiet?
Wie verläuft eine Epidemie?
Entscheidend ist, wie viele andere Menschen ein infizierter Mensch anstecken kann. Eine gebräuchliche Maßzahl hierfür ist die sogenannte Basisreproduktionszahl R0. Ist sie exakt eins, steckt jeder Infizierte im Durchschnitt genau einen anderen Menschen an – die Krankheit bleibt erhalten, breitet sich aber nicht weiter aus. Ist R0 dagegen größer als eins, werden mehr Menschen angesteckt – der Erreger breitet sich weiter aus. Wer die Infektion überlebt, entwickelt jedoch in aller Regel eine Immunität gegen den Erreger, kann also in einem bestimmten Zeitraum nicht erneut angesteckt werden – wobei die Dauer der Immunität vom Erreger abhängt. Wenn genügend Menschen immun geworden sind, kann sich der Erreger nicht mehr weiter verbreiten, die Krankheit erlischt.
Was trägt dazu bei, dass ein Erreger sich nicht so leicht vermehren kann?
Wird ein infizierter Mensch isoliert, kann er niemanden anstecken. Auch äußere Umstände bremsen die Verbreitung des Erregers. So breiten sich Influenzaviren in der kalten Jahreszeit leichter aus, weil sie bei niedrigeren Temperaturen und trockener Luft länger überleben. Weiterhin wird laut RKI vermutet, dass die Schleimhaut der oberen Atemwege bei trockener Luft anfälliger für eine Infektion und das Immunsystem im Winter weniger schlagkräftig ist als im Sommer. Ein Grund könnte auch sein, dass sich im Winter die Menschen zusammen mit anderen Menschen länger in weniger gut belüfteten Räumen aufhalten. Allerdings kann sich eine Influenza-Epidemie prinzipiell auch im Sommer ausbreiten.
Wie stark könnte sich das neue Coronavirus weiter verbreiten?
Sollte sich das Coronavirus in Deutschland weiter ausbreiten, trifft es auf eine Bevölkerung, bei der sich noch keine Immunabwehr entwickelt hat. Wie schnell sich das Virus ausbreiten wird, ist allerdings äußerst schwer abzuschätzen. Viele Epidemiologen – das sind Experten für die Ausbreitung von Krankheiten – gehen bei Sars-CoV-2 davon aus, dass ein Patient rund drei andere Menschen ansteckt. Soll die Epidemie in einer Region erlöschen, müssten etwa zwei Drittel der Menschen infiziert und damit immunisiert sein. Bei nur einem Infizierten pro Patient könnte sich die Krankheit nicht weiter ausbreiten. Allerdings sind solche Berechnungen mit erheblichen Unsicherheiten behaftet – vor allem, weil man die tatsächliche Infektionsrate nicht kennt. Auch ist noch nicht bekannt, wie lange der natürliche Immunschutz bei Sars-CoV-2 hält.
Lesen Sie hier:Vergleich zwischen Grippevirus und Coronavirus
Welche Strategie verfolgen die Gesundheitsbehörden jetzt?
Oberste Priorität hat nach wie vor, die Ausbreitung bestmöglich zu bremsen. Denn bei einer raschen Ausbreitung erhöht sich auch die Zahl der Menschen schnell, die schwer erkranken und medizinische Hilfe im Krankenhaus brauchen. Das könnte auch das gut ausgebaute deutsche Gesundheitssystem an seine Belastungsgrenzen bringen oder sogar überfordern. Hinzu kommt, dass – wie beim Influenzavirus – wohl auch beim Coronavirus im Sommer die Bedingungen für eine Ausbreitung schlechter sind. Der Zeitgewinn hilft bei der Impfstoffentwicklung. Hierbei sind weniger die Laborarbeiten ein zeitliches Problem, sondern vor allem die Zulassungsprozeduren. Viele Experten schätzen, dass es ein Jahr oder länger dauern wird, bis ein Impfstoff verfügbar ist.