Durch den Klimawandel sind Zecken mittlerweile ganzjährig aktiv. Damit steigt auch das Risiko von Infektionen mit der Hirnhautentzündung FSME. Experten raten deshalb auch außerhalb von Risikogebieten zu Schutzimpfungen – insbesondere bei Kindern.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Wissenschaftler erwarten in diesem Jahr steigende Fallzahlen bei der von Zecken übertragenen Hirnhautentzündung FSME. Vor dem 7. Süddeutschen Zeckenkongresses an der Universität Hohenheim (26. bis 28. Februar) beantworten wir wichtige Fragen zum Thema.

 

Wie sehen die aktuellen Zahlen aus? Auf den ersten Blick recht erfreulich. 2023 wurden in Baden-Württemberg insgesamt 143 Fälle von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) registriert – nach 209 im Jahr davor. Auch in Bayern waren die Zahlen mit 265 nach 291 Fällen rückläufig. Rund 85 Prozent der FSME-Infektionen treten in den beiden südlichen Bundesländern auf – wobei es auch hier große regionale Unterschiede gibt. Am stärksten betroffen sind in Baden-Württemberg die Landkreise Calw, Freudenstadt, Rottweil und Ravensburg. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 527 Fälle erfasst – nach 627 im Jahr 2022.

Wie ist der langfristige Trend bei FSME? Rainer Oehme beruhigt der Rückgang im vergangenen Jahr nicht. „Der längerfristige Trend zeigt deutlich nach oben“, sagt der Laborleiter beim Landesgesundheitsamt. Vor allem im bisher weniger betroffenen Norden und Osten Deutschlands stiegen die Zahlen stark, so Oehme. Hinzu kommt der immer frühere Beginn der Zeckenaktivität infolge milderer Winter. „Zecken haben keine Winterpause mehr, das FSME-Geschehen verlagert sich nach vorne“, so Ute Mackenstedt, Professorin für Parasitologie an der Universität Hohenheim. Oehme beobachtet zudem eine Zunahme zeckenreicher Jahre: „Früher hatten wir in Baden-Württemberg alle drei Jahre besonders hohe FSME-Zahlen, seit etwa 2017 beobachten wir einen zweijährigen Rhythmus.“ Demnach wären in diesem Jahr wieder hohe FSME-Zahlen zu erwarten.

Auch in anderen Ländern auf der Nordhalbkugel nähmen zeckenübertragene Krankheiten zu, sagt Gerhard Dobler, der das Nationale Konsiliarlabor FSME am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München leitet. So habe sich etwa die Zahl der FSME-Fälle in Schweden 2023 verdoppelt. Dobler spricht von einer „schleichenden Pandemie“. Bei der Verbreitung spielten vermutlich auch geänderte Flugrouten von Zugvögeln eine Rolle.

Wie viele Infektionen werden erkannt? Die offiziellen Zahlen geben das Infektionsgeschehen nach Einschätzung von Dobler nur lückenhaft wieder. Sein Labor hat Blutproben von Spendern aus dem Ortenaukreise auf Antikörper untersucht, die nur nach natürlichen Infektionen auftreten. Daraus folgert der Mediziner, dass in dem Landkreis das Risiko einer FSME-Infektion siebenmal höher ist als bisher angenommen. Infektionen mit dem Virus lassen sich über PCR-Tests oder anhand von Antikörpern nachweisen.

Wie gefährlich ist FSME? Auch in Risikogebieten trage nur ein kleiner Teil der Zecken das Virus in sich, schreibt das Robert Koch Institut (RKI). Das Risiko einer FSME-Infektion nach einem Zeckenstich beträgt Schätzungen zufolge 1:50 bis 1:100. Ein Großteil der Infektionen bleibt unbemerkt oder führt nur zu milden Symptomen. Rund zehn Tage nach der Infektion können grippeähnliche Beschwerden wie etwa starke Kopfschmerzen auftreten. Behandelt werden können nur Symptome, eine Therapie gegen das Virus gibt es nicht. Bei schweren Verläufen sind auch Gehirn und Rückenmark betroffen, was zu Koordinations- und Sprachstörungen führen kann. Für rund ein Prozent der Infizierten endet die Krankheit laut RKI tödlich. Dobler weist zudem auf mögliche Langzeitfolgen hin. Bei 10 bis 20 Prozent der Infizierten mit schwerem Krankheitsverlauf träten bleibende neurologische Schäden auf.

Wie kann man sich schützen? Wer im Grünen unterwegs ist, kann durch langärmelige Kleidung, lange Hosen, Socken und feste Schuhe das Risiko von Zeckenstichen verringern. Chemische Abwehrmittel schützen nur begrenzte Zeit. Zudem empfehlen Experten, nach Spaziergängen in der Natur sich selbst und vor allem Kinder nach Zecken abzusuchen. Oft setzen sich die Tiere in Arm- und Kniebeugen, unter den Achseln, am Haaransatz oder im Genitalbereich fest. Zecken sollten so bald wie möglich vorsichtig mit einer Pinzette oder einem Zeckenentferner herausgezogen werden.

Wie sinnvoll ist eine Impfung? Angesichts des steigenden Infektionsrisikos rät Dobler auch außerhalb von ausgewiesenen Risikogebieten zur Impfung gegen FSME. Da die Lage natürlicher Zeckenherde oft nicht bekannt sei, sei man letztlich nirgendwo sicher vor einer Infektion, meint auch die Parasitologin Mackenstedt. Die Grundimmunisierung umfasst drei Impfdosen, Auffrischungen werden je nach Alter und Vorerkrankungen alle drei bis fünf Jahre empfohlen. Dobler rät explizit auch zur Impfung von Kindern.

Welche Rolle spielt die Borreliose? Für die häufigste zeckenübertragene Erkrankung besteht im Gegensatz zu FSME keine Meldepflicht. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland 40 000 bis 120 000 Neuinfektionen pro Jahr. Gegen die von Bakterien ausgelöste Borreliose gibt es keine Impfung, sie lässt sich aber gut mit Antibiotika behandeln. Treten binnen vier Wochen grippeartige Symptome, Fieber oder die sogenannte Wanderröte auf der Haut auf, empfiehlt sich ein Arztbesuch. Nicht erkannte Infektionen können zu Spätfolgen wie Muskel- und Gelenkbeschwerden, starker Müdigkeit oder Gedächtnisstörungen führen. Schätzungen zufolge erkrankt etwa einer von 100 Menschen nach einem Zeckenstich an einer Borreliose.