Gefahr durch Felsbrocken in Todtnau Betreten der Wohnung strengstens verboten

Die Kirche ist dicht, die Baustelle ruht und auch Rosi Maier darf nicht mehr in ihr Haus: alles wegen des Rabenfelsens. Foto: Wein

In dem Schwarzwalddorf Geschwend drohen zwei Felsblöcke auf den Ort zu fallen. Am Mittwoch stand plötzlich der Bürgermeister vor der Tür und forderte 70 Bewohner zum Gehen auf. Wie lebt es sich unter solchen Umständen?

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Todtnau - Zwei Ziegen knabbern an einer dürren Weihnachtsfichte. Nur die Tiere haben bleiben dürfen. Die Häuser sind seit Mittwochabend verwaist. Da stand plötzlich der Bürgermeister vor der Tür. „Es sind doch gar keine Wahlen“, habe sie sich noch gedacht, erzählt Rosi Maier, die ein paar Häuser weiter wohnt. Und tatsächlich hatte Andreas Wießner, der Bürgermeister aus Todtnau (Kreis Lörrach), keine Wahlprospekte in der Hand, sondern eine „Nutzungsuntersagung“. Die betroffenen Häuser seien unverzüglich zu verlassen. Andernfalls drohe ein Bußgeld von 5000 Euro. Insgesamt 70 Menschen erging es so. „Und dann steht man in seiner Wohnung und denkt: Was packe ich jetzt noch ein?“, sagt Rosi Maier.

 

Dass sich etwas zusammenbraute am Hang oberhalb der Gisibodenstraße in Geschwend, einem Ortsteil der Stadt Todtnau mit 450 Einwohnern und schönen Schwarzwaldhäusern, hatte sich schon länger abgezeichnet. Immer wieder regnete es von der Geschwender Halde Steine und Äste auf die Grundstücke. Er habe in Eigenregie einen Fangzaun oberhalb seines Gebäudes errichtet, sagt Simon Steiger. Sein Haus ist der Evakuierung entgangen – nicht wegen des Zauns, sondern weil es knapp neben der errechneten Flugschneise liegt. „Wenn so ein Felsbrocken herunter kommt wie im März, hilft mein Zäunle auch nichts“, sagt Steiger.

Wie ein tief fliegender Düsenjet

Ein Granitblock in der Größe eines Kleinwagens war damals den 400 Meter hohen Abhang hinunter gerollt und gegen einen Baum geprallt. Er hatte einen Grillpavillon niedergemäht und war schließlich auf einem Hinterhof liegen geblieben. Wie ein tief fliegender Düsenjet habe sich das angehört, berichteten Anwohner. Verletzt wurde niemand, doch seither richteten die Bewohner immer wieder bange Blicke hinauf auf die Halde.

Die Stadt beauftragte das Geologische Landesamt in Freiburg mit einer Untersuchung. Die gingen akribisch ans Werk. Am Mittwochmorgen legten sie dem Bürgermeister ihren Bericht vor. Das Ergebnis: Es gebe acht kritische Stellen. Zwei davon seien so gefährlich, dass sofort gehandelt werden müsse. So habe sich an einem Granitblock am Rabenfelsen, einem imposanten Felsvorsprung oberhalb der katholischen Kirche, ein zehn Zentimeter breiter Riss gebildet. „Es ist nicht klar, wo der überhaupt noch hält“, sagte die stellvertretende Bauamtsleiterin Andrea Ketterer. Intensive Diskussionen folgten. Jetzt dürfen ein Dutzend Häuser, dazu die katholische Kirche, ein Spielplatz und eine Baustelle nicht mehr betreten werden. Am Montag soll eine Spezialfirma mit der Sicherung der beiden Problemfelsen beginnen. Anschließend werde ein so genannter Hochenergiezaun installiert, der auch tonnenschwere Brocken stoppen soll. „Wir müssen handeln, bevor der Frost kommt“, sagte der Bauamtsleiter Klaus Merz.

Treffpunkt der Ausquartierten ist der Gasthof Rößle

Unklar ist, wer am Ende für die Kosten in Millionenhöhe aufkommt. Die Stadt gehe in Vorleistung, man bemühe sich aber um Zuschüsse, sagte Merz. Ob sich auch die Anwohner beteiligen müssten, sei unklar. Die Betroffenen müssen sich derweil auf eine längere Ausquartierung einstellen. Gegenwärtig ist von sechs Wochen die Rede. Viele sind bei Verwandten untergekommen, andere wohnen in Ferienwohnungen, die im Herbst leer stehen. Auch im Rößle sind alle sieben Doppelzimmer besetzt. Der urige Gasthof, den die Geschwender mit einer eigenen Genossenschaft gerettet haben und dessen Fassade viele als „Löwen“ aus der Fernsehserie „Die Fallers“ kennen, ist zum Treffpunkt der Ausquartierten geworden. „Morgens sitzen wir hier und frühstücken gemeinsam, später am Tag arbeite ich in der Gastwirtschaft“, sagt Rosi Maier. Bei allen Unannehmlichkeiten sei das schön. „Man wächst noch einmal weiter zusammen.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Schwarzwald Todtnau Felssturz