Geheimnisvolles Stuttgart Das ist Stuttgarts vielleicht verborgenster Platz
Wer es abgeschieden und dennoch urban mag, sollte diesen Platz in Stuttgart besuchen. Ihn zu finden, ist allerdings eine Herausforderung.
Wer es abgeschieden und dennoch urban mag, sollte diesen Platz in Stuttgart besuchen. Ihn zu finden, ist allerdings eine Herausforderung.
Stuttgart hat ein Platz-Problem. Österreichischer Platz, Charlottenplatz, Wilhelmsplatz – in Anlehnung an die „Gärten des Grauens“ genannten steingewordenen Vorstadt-Albträume wäre „Plätze des Grauens“ keine unpassende Bezeichnung für diese städtebaulichen Bankrotterklärungen.
Und doch finden sich in der Stadt verstreut auch kleine verborgene Perlen. Reizende Plätze, die sich dem flüchtigen Blick des Rastlosen entziehen oder nur kennt, wer sie auf seinen täglichen Gängen zufällig queren muss.
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Der vielleicht schönste dieser auf Abwegen liegenden urbanen Räume findet sich im Stuttgarter Osten und trägt den Namen Luisenplatz, benannt nach nichts weiter als einem liebenswert klingenden weiblichen Vornamen. Eine mit einem Wohnhaus überbaute Durchfahrt bildet an der Landhausstraße den Auftakt zu diesem rund 1500 Quadratmeter großen grünen Rechteck, in dessen Mitte ein kleiner, von hohen Bäumen beschatteter Spielplatz liegt.
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Drumherum das, was der Zweite Weltkrieg von der 1912 bis 1914 erbauten Siedlung Ostenau übrig gelassen hat und was nach den Zerstörungen des Bombenhagels möglichst rasch und effizient wieder aufgebaut wurde.
Keine Frage: Verglichen mit dem auf Fotografien überlieferten Vorkriegszustand haben auch der Luisenplatz und die dazugehörige Luisenstraße an Charme eingebüßt. Und doch: Wer hier heute auf einer Bank sitzend die Bein streckt und sich von der sechs Stockwerke hohe Bebauung nach allen vier Seiten vom Lärm der Hauptstraßen abgeschirmt fühlen darf, findet sich unvermittelt an einem Ort der Ruhe wieder. Mitten in der Stadt. Himmlisch.
Diese wohltuende Abgeschiedenheit, die den Luisenplatz für Stadtentdecker so schwer auffindbar macht, war von Karl Hengerer, dem Architekten, der im Auftrag des Stuttgarter Vereins für das Wohl der arbeitenden Klasse die Ostenau erdacht hat, genau so gewollt. Denn anders als die zuvor als reines Arbeiterquartier konzipierte Siedlung Ostheim, war die benachbarte Ostenau ein Wohnbauprojekt für den bürgerlichen Mittelstand. Die Beamten und Angestellten schätzten es, unter sich zu bleiben.
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Das ringsum mit einer Blockrandbebauung streng abgeschottete Dreieck aus Abelsbergstraße, Lehmgrubenstraße und Landhausstraße, in dessen Mitte sich der Luisenplatz befindet, sollte sich also nicht nur durch eine noblere architektonische Formensprache deutlich von den Backsteinbauten der Ostheim-Siedlung abgrenzen.
Auch neidische Blicke sollten nach Möglichkeit das Zentrum der Ostenau erst gar nicht erreichen. Ein Konzept, wie geschaffen, damit auch heute noch Stuttgarts verborgenster Platz den eiligen Passanten verborgen bleibt.