Geheimnisvolles Stuttgart Der schaurig-schönste Ort der Stadt
Ganz tief unten im Wald, da findet sich die Falsche Klinge. Und sie ist der vielleicht schaurig-schönste Ort in Stuttgart.
Ganz tief unten im Wald, da findet sich die Falsche Klinge. Und sie ist der vielleicht schaurig-schönste Ort in Stuttgart.
An düsteren Wintertagen ist es hier unten noch ein ganzes Stück weit düsterer. Aus dem wolkenverhangenen Himmel fällt kaum Licht durch die Baumkronen in die tief eingeschnittene Schlucht. Von beiden Seiten rücken die steilen Wände immer dichter heran. Und die grauen Buchen, die ringsherum auf den Abbruchkanten balancieren, muten noch größer und gewaltiger an als sie sind. Wenn, wie jetzt, die Tage nicht aus dem Dämmer erwachen, ist die Falsche Klinge vielleicht der schaurigste Ort in der ganzen Stadt.
Im dichten Wald entlockt der Wind den Bäumen, deren armdicke Wurzeln nur mit Mühe an den steilen Hängen Halt finden, unheilvolle Geräusche: ein Knarren und Knarzen, als ob es auf Biegen und Brechen ginge. Ansonsten ist es auf dem laubnassen Pfad neben dem Tiefenbach, der durch die Klinge unterhalb des Fernsehturms fließt, grabesstill. Der Asphaltklang der Stadt – hier ist er weit weg.
Am Eingang zur Schlucht weist ein Schild auf Wegschäden hin: „Durchgang auf eigene Gefahr“. Einige Baumstämme haben ihren Halt schon verloren und liegen quer wie schmale Brücken über dem Spalt. 700 Meter lang ist die Falsche Klinge – ungefähr. Ihr Name, so heißt es, soll Warnung sein, dem Irrglauben zu verfallen, sich hier, zwischen den vermeintlich schützenden Wänden im Wald, sicher zu fühlen.
Die Bezeichnung soll auf ein Ereignis im Jahr 953 zurückgehen. Um die Nachfolge im ostfränkischen Königreich probt damals Liudolf, Herzog von Schwaben und Gründer des „Stutengartens“, den Aufstand gegen den eigenen Vater, König Otto I., genannt der Große. Als der seinem Sohn an Neckar und Nesenbach auf die Pelle rückt, will einer von Liudolfs Rittern die edlen Pferde des Gestüts vor dem anrückenden Heer bei der Falschen Klinge in Sicherheit bringen.
Eine fatale Entscheidung: Denn ein heftiges Gewitter, lässt plötzlich mächtige Wasserfluten durch die Klinge rauschen. Stämme und Steine werden fortgerissen, erschlagen Ritter und Pferde, falls sie nicht ohnehin schon ersoffen sind. Dass dieser Sage im Laufe der Jahrhunderte dann noch die ein oder andere Geistergeschichte hinzugedichtet wurde, passt ganz gut zu dieser schaurig-schönen Waldklinge.