Geheimnisvolles Stuttgart Führt die Zwirbeltreppe zum Geheimverlies?

Verbirgt die Zwirbeltreppe in der Stuttgarter Stiftskirche ein dunkles Geheimnis? Foto: Torsten Schöll

Die Stiftskirche ist einer der geschichtsträchtigsten Orte in Stuttgart. Was es mit der doppelläufigen Wendeltreppe und einem verborgenen Verlies im Turm auf sich hat.

Die Stiftskirche birgt eine geheimnisvolle doppelläufige Wendeltreppe. Warum? Von Geheimtipps und Ausflugszielen bis hin zum Lost Place: Wir zeigen das geheimnisvolle Stuttgart.

 

Die ältesten Vorbilder entstammen islamischen Minaretten, eine der berühmtesten und schönsten findet sich im Schloss Chambord an der Loire. Aber auch diese ist jünger als die doppelt verzwirbelte Wendeltreppe, die sich in einem Treppenturm an der Nordseite der Stuttgarter Stiftskirche befindet – und von der kaum jemand etwas ahnt.
 
Wendeltreppe Stiftskirche Stuttgart


Es ist verwirrend: Im Innern des schmalen Türmchens in der Gasse Am Fruchtkasten könnten zwei Menschen hinauf- und hinuntersteigen, ohne sich zu begegnen. Magie? Zauberei? Kein Stück. Nur eine komplizierte bautechnische Konstruktion, die von außen nicht erkennbar ist.

Foto: Torsten Schöll

Eine der beiden massiven Wendeltreppen, die sich in ein und demselben Treppenturm verbergen und wie eine Doppelhelix ineinander verflochten sind, verbindet die untere mit der oberen Sakristei. Ein Aufgang, der auch heute noch häufig benutzt wird, wie der Steinenbronner Architekt und intime Kenner der Stiftskirche, Ludger Schmidt, erklärt.

Foto: Torsten Schöll

Anders die sozusagen über und unter der ersten Wendel verborgene zweite Treppe. Sie führt direkt von einer alten Holztür an der Gasse hinauf in den Dachraum über der oberen Sakristei. Doch zu welchem Zweck zwei getrennte Treppen, wo sie doch beide an derselben Stelle emporführen? Warum wurde einst zu einem so aufwendigen Verfahren gegriffen?

Foto: Torsten Schöll

Noch rätselhafter: Als das Treppentürmchen zur Zeit des Baumeisters Alberlin Jörg um 1481 realisiert wurde, existierten, so bestätigt das Friedrich-Mielke-Institut für Scalalogie (Treppenkunde) in Regensburg, zumindest hierzulande nur ganz wenige Vorbilder für eine solche doppelläufige Wendeltreppe.

Im Dom zu Mainz gab es eine und im Straßburger Münster. Kannte der Baumeister diese? Wollte er sich mit der kleinen und damals wenig bekannten architektonischen Spielerei an der Stiftskirche beweisen?


Schmidt sagt, dass die von außen zugängliche Wendel wohl einst auf die Empore der sogenannte Anna-Kapelle führte. Am oberen Ausgang dieser Treppe finden sich noch heute einige eingeritzte Namen im Sandsteingemäuer, die aus dem 19. Jahrhundert stammen.

In diesem Zusammenhang bemerkenswert: Die darunter liegende obere Sakristei, die über den inneren Wendel von der unteren Sakristei erreichbar ist, diente lange Zeit den württembergischen Herzögen als Karzer für missliebige Pfarrer und Prälaten, die zum Rapport nach Stuttgart vorgeladen waren. Also eine Art Gefängnis. Entdeckt wurde das vor Jahrzehnten, weil bei den Renovierungsarbeiten nach dem Krieg dort reichlich lateinische und griechische Kritzeleien an den Wänden zum Vorschein kamen.

Foto: Torsten Schöll

Wie der ehemalige Messner der Stiftskirche, Otto Schnurr, in den 1960er-Jahren in einer Abhandlung festhielt, fanden sich unter den inhaftierten Geistlichen „bekannte Namen aus altwürttembergischen Theologengeschlechtern“. Die schriftlichen Hinterlassenschaften, die heute nicht mehr zu sehen sind, sind etwas jünger als der Treppenturm selbst, stammen aus der Regierungszeit von Herzog Christoph ab 1550 und später.

Sollten die undisziplinierten Pfarrer also über eine der beiden Wendel möglichst ungesehen in einen Karzer gelangen? Eine Verbindung zwischen der doppelten Wendeltreppe und dem einstigen Haftraum herzustellen sei „reine Spekulation“, sagt auch Ludger Schmidt. Sein wirkliches Geheimnis gibt das Türmchen an der Nordseite der Stiftskirche also nicht so schnell preis.

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