Geldpolitik im Euroraum Die EZB spielt auf Zeit – aber Zinssenkungen rücken näher

EZB-Präsidentin Lagarde spricht in Frankfurt vor der Presse. Foto: dpa/Boris Roessler

Die Börsen sehnen Zinssenkungen herbei, die EZB hält vorerst still. Bald dürfte sie jedoch handeln – die Inflation lässt nach und die Konjunktur ist schwach.

Die Inflationsraten sinken, aber die Europäische Zentralbank (EZB) will auf keinen Fall voreilig den Sieg an der Preisfront erklären. „Wir sind noch nicht am Ziel“, betonte Notenbankchefin Christine Lagarde in Frankfurt bei der Pressekonferenz zu den geldpolitischen Beschlüssen der EZB. Angesichts der schwachen Konjunktur im Euroraum sehnen die Finanzmärkte Zinssenkungen herbei. Doch die Währungshüter wollen abwarten, ob das Inflationsproblem wirklich beseitigt ist. Die EZB hat vor allem die Entwicklung der Löhne im Blick – bei starken Anstiegen drohen neue Teuerungsgefahren.

 

„Wir haben ein Mandat, wir haben eine Mission“, sagte Lagarde mit Blick auf die Hauptaufgabe der Notenbank – Geldwertstabilität im Währungsraum zu gewährleisten. Die EZB strebt eine Preissteigerungsrate von zwei Prozent an, im Februar lag sie noch bei deutlich höheren 2,6 Prozent. 2024 erwarten die Notenbanker eine durchschnittliche Inflation von 2,3 Prozent, wie aus neuen Projektionen der EZB hervorgeht. Erst im kommenden Jahr rechnen die Währungshüter mit einem Rückgang auf zwei Prozent.

EZB-Ökonomen senken Wachstumsprognose für 2024

Der Leitzins, zu dem Geschäftsbanken im Euroraum frisches Geld bei der EZB beziehen können, bleibt vorerst unverändert bei 4,5 Prozent. Der an den Finanzmärkten derzeit stärker beachtete Einlagenzins, den Geldhäuser für das Horten überschüssiger Mittel erhalten, liegt weiter bei rekordhohen 4,0 Prozent. Damit ließ die EZB die Leitzinsen im Währungsraum zum vierten Mal in Folge unverändert. Allerdings deuteten neue Inflations- und Konjunkturprojektionen der Notenbanker darauf hin, dass die Zinswende näher rückt. So korrigierten die EZB-Ökonomen ihre Wachstumserwartungen für 2024 von 0,8 Prozent auf 0,6 Prozent nach unten. Für 2025 und 2026 rechnen sie damit, dass die Wirtschaft im Euroraum um 1,5 beziehungsweise 1,6 Prozent zulegt.

Der schwache Konjunkturausblick lässt eine Zinssenkung im Sommer weiterhin plausibel erscheinen. Lagarde bekräftigte zwar, zunächst weitere Daten zur Preisentwicklung abwarten zu wollen: „Wir brauchen mehr Anhaltspunkte, mehr Details“. Zugleich machte die EZB-Präsidentin aber deutlich, dass die Notenbanker nicht abwarten müssten, bis die Inflation auf zwei Prozent fällt, um ihre Geldpolitik zu lockern.

Experte: Wahrscheinlichkeit für Zinssenkung im Juni steigt

„Die EZB kommt ihrer ersten Zinssenkung näher“, resümierte Mark Wall, Europachefvolkswirt der Deutschen Bank. „Mit dem überraschend deutlichen Rückgang der Eurorauminflation und den schlechten Konjunkturdaten wächst die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung im Juni“, erklärte Experte Friedrich Heinemann vom Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW. Allerdings besteht weiterhin das Risiko, dass die EZB beim Kampf gegen die Teuerung Rückschläge auf den letzten Metern erleidet.

„Noch sind die Inflationsgefahren nicht gebannt“, warnte Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank. Den Währungshütern sei vor allem die Lohnentwicklung ein Dorn im Auge. Als besonderes Risiko gelten sogenannte Zweitrundeneffekte: Preiserhöhungen, mit denen Firmen vorherige Kostensteigerungen ausgleichen – zum Beispiel aufgrund höherer Löhne. Lagarde und ihre EZB-Ratsmitglieder verfolgen die Entwicklung deshalb ganz genau. Dass die Gewerkschaften den Druck speziell in Deutschland derzeit besonders hoch halten, davon konnten sich die Notenbanker bei ihrer Sitzung diesmal selbst überzeugen – wegen der Bahn- und Flughafenstreiks in Frankfurt konnten einige von ihnen nicht persönlich anreisen und nur virtuell am Treffen teilnehmen.

EZB-Chefin Lagarde gibt ein Stück weit Entwarnung

Dennoch gab Notenbankchefin Lagarde bezüglich der Gefahr von Lohnpreisspiralen ein Stück weit Entwarnung: „Es gibt Anzeichen dafür, dass sich das Wachstum der Löhne und Gehälter abzuschwächen beginnt.” An den Börsen sorgten die Aussagen für gute Stimmung. Dass die Hoffnung auf Zinssenkungen im Sommer intakt bleibt, ließ die Kurse an den Aktienmärkten zunächst leicht steigen. Eine geldpolitische Lockerung bereits bei dieser EZB-Sitzung hatten die Anleger ohnehin nicht erwartet.

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