Gemeinde Dietramszell und Hindenburg Ein Dorf schießt sich ins Knie

Die Inschrift an der Büste wurde nach dem Krieg entschärft. Foto: Neubauer/SZ Photo
Die Inschrift an der Büste wurde nach dem Krieg entschärft. Foto: Neubauer/SZ Photo

Wie die bayerische Gemeinde Dietramszell wegen Hindenburg und Hitler ins Gerede gekommen ist – und wie sie wieder heraus­-kommen wollte. Eine Geschichte von Ignoranz, falsch verstandener Heimatliebe und den Gesetzen der globalen Medienwelt.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Mirko Weber (miw)

Dietramszell - Wer Dietramszell googelt, bekommt seit Kurzem zunächst den Begriff „plz“, also Postleitzahl, und danach „Hitler“ als Ergänzung angeboten. Schon daran kann man sehen, dass hier zuletzt etwas ganz schiefgegangen sein muss. Wer weiterklickt, erfährt: der Gemeinderat eines kleinen bayerischen Dorfes, gut 40 Kilometer südlich von München, bringt im Dezember ein 8:8-Patt zustande, als es formell darum geht, ob eine kürzlich im Gemeindearchiv entdeckte Ehrenbürgerschaft für Adolf Hitler formell aberkannt werden soll. Patt heißt: abgelehnt. Bei einer eilig anberaumten zweiten Abstimmung nach anschwellender öffentlicher Empörungswelle endet die Sache mit 21:0. Dafür. Aber da ist längst schon alles vollkommen verquer in der Welt – von der „Times“ über Jay Lenos Talkshow bis zu „The Hindu“ läuft es über den Globus, am Freitag noch einmal ganz groß in der „Süddeutschen Zeitung“ – und Dietramszell, wenn es noch gut geht, ist globales Gespött. Es geht aber natürlich nicht nur gut, und so ist Dietramszell häufig auch einfach nur das „braune Nest“.

Braunes Nest? Wo im Kloster neben den verbliebenen Salesianerinnen seit 1992 eine überfrequentierte Montessori-Schule geöffnet hat und die Kreativen und München-müden Menschen seit Langem schon aus der Stadt übersiedeln: der Regisseur Marcus H. Rosenmüller, um nur einen Namen zu nennen, Schauspieler, Maler, Fotografen? Wo der Trachtenverein, lange bevor so was hip gewesen ist, Völker verbindend plattelnd auf Kuba war, und eine Rad-Spendeaktion nach Uganda zur Stärkung der dortigen Infrastruktur (das hat anhaltend geklappt!) funktionierte.

Das Kloster – sieht so ein braunes Nest aus? Foto: dpa

Man muss genau hingucken, also von fast ganz von vorn.

„So kann man unbesorgt den Beginn des zehnten Jahrhunderts feiern: Die Herren Dietram, Berengar und Otto würden ihren Ort gewiss nicht wiedererkennen – aber ich denke, sie wären zufrieden“, heißt es im Begleitbuch zum 900-Jahr-Jubiläum der Gemeinde Dietramszell. Unterzeichnender ist 1998 – Dietramszell wird damals im Übrigen für über ein Jahrzehnt souverän von der SPD regiert – Edmund Stoiber, Bayerns Ministerpräsident. Er macht das, was man beim rhetorischen Feiern so macht – Gutes loben: ein Grußwort, gestimmt auf hellen Glockenton.




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