Gemüse aus der solidarischen Landwirtschaft Biologisch-dynamisch mit wachsendem Erfolg

Zuckerhutsalat ohne Chemie: Florian Keimer und Katharina Dürrschnabel gärtnern nach den Demeter-Richtlinien. Foto: /Gottfried Stoppel

Erzeuger und Verbraucher teilen sich Erträge und Risiken: Der Gemüsebauer Florian Keimer aus Spiegelberg im Rems-Murr-Kreis arbeitet nach dem Prinzip der Gemeinschaftsgetragenen Landwirtschaft – und er baut mittlerweile sogar grünen Spargel und Ingwer an.

Spiegelberg - Grüne Gemüsekisten wohin das Auge blickt. Dazwischen stehen Florian Keimer und Katharina Dürrschnabel und machen den Zuckerhut-Salat hübsch: Sie entfernen die äußeren Blätter, die mal etwas welk sind, mal leichte Fraßspuren haben. Danach wandern die Salatköpfe zurück in grüne Kisten. Ein Teil der Zuckerhut-Köpfe wird auf dem Markt Käufer finden, der andere Teil gehört den Mitgliedern der Gemeinschaftsgetragenen oder auch Solidarischen Landwirtschaft (Solawi), die Florian Keimer 2014 gegründet hat. Seitdem ist ein Teil der Ernte, die Keimers Betrieb „Gartenleben“ einfährt, für die Solawi-Mitglieder reserviert. Als Gegenleistung für die Lieferung von frischen Karotten, Radieschen, Sellerie und Kohlrabi, Zuckerhut, Feldsalat und anderem Biogemüse beteiligen sich die „Mitgärtner“ an den Betriebskosten der nach Demeter-Richtlinien betriebenen Gärtnerei in Spiegelberg-Großhöchberg. Sprich: Erzeuger und Verbraucher teilen sich Erträge und Risiken.

 

2020 hat die Solawi Gartenleben die Zahl ihrer Mitglieder verdoppelt

Das Prinzip findet immer mehr Unterstützer, im Jahr 2020 hat die Solawi Gartenleben ihre Mitgliederzahl auf 150 gesteigert und damit mehr als verdoppelt. Die Corona-Pandemie habe diese Entwicklung zumindest unterstützt, sagt Florian Keimer, dessen Betrieb im auf 530 Meter gelegenen Örtchen Großhöchberg im Rems-Murr-Kreis bis zu 300 Menschen mit regionalem Gemüse versorgen könnte. Der Gärtnermeister träumt davon, vollständig nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft zu wirtschaften und von Zuschüssen völlig unabhängig zu werden.

Mit seiner Berufswahl hat sich Florian Keimer einen Kindheitswunsch erfüllt, wobei er 1999, als er sich für eine Ausbildung entscheiden musste, aber gewisse Zweifel hatte, ob er als Bauer glücklich werden würde. Der Beruf erfahre wenig Wertschätzung, sagt der 41-Jährige, der zudem keine Laufbahn als konventionell arbeitender Gemüsebauer einschlagen wollte: „Ich konnte mir nicht vorstellen, mit chemischen Mitteln die Umwelt zu zerstören.“ Dass sich Florian Keimer dennoch für den Gemüseanbau entschieden hat, hängt mit einem Einführungskurs in die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise zusammen, den er damals besuchte. Seine Erkenntnis aus einer Kurswoche: „Es herrscht da solch ein Wahnsinnshandlungsbedarf, dass ich mich nicht um die Verantwortung drücken kann.“

Florian Keimer hat seine Berufswahl nicht bereut

Nach seiner Ausbildung in der 1952 gegründeten Gärtnerei Willmann, einem der ersten Betriebe, die ausschließlich auf biologisch-dynamische Weise Gemüse anbauten, folgten Gesellenjahre und schließlich die Meisterprüfung. Seine Berufswahl hat Florian Keimer nicht bereut, auch wenn die viele Arbeit bei Wind und Wetter mit einem vergleichsweise bescheidenen Einkommen einher geht. Doch das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, gibt Auftrieb.

Ja, Florian Keimer experimentiert gerne. Die Wünsche der Solawi-Mitglieder beflügeln, ihre finanziellen Beiträge befähigen das Gartenleben-Team, so manches zu wagen, was ein Erzeuger, der normgerechte Ware an Großmärkte verkaufen muss, nicht riskieren kann. „Wir probieren ganz viel aus und dürfen das auch.“ So hat sich zum Beispiel gezeigt, dass der Anbau von grünem Spargel in der Höhenlage ebenso möglich ist wie der von Ingwer. „Die Mitglieder haben sich gefreut“, erzählt Katharina Dürrschnabel.

Das Verständnis für die Landwirte wächst

Je länger die Leute dabei seien, desto größer werde ihr Verständnis für die Landwirte, hat Florian Keimer festgestellt. Seine Idealvorstellung ist, dass es in fast jedem Ort eine Solawi gibt, welche die Menschen drumherum mit Nahrungsmitteln versorgt. „So würde wieder eine kleinbäuerliche Landwirtschaft entstehen, die unabhängig wäre von Subventionen“, sagt der Gärtnermeister, der überzeugt ist, dass die Mehrheit der Menschen „kein Interesse daran hat, dass konventionell gewirtschaftet wird“.

Sein Betrieb arbeitet nach den Regeln des Verbands Demeter, chemische Mittel sind tabu. Die Idee sei stattdessen, die Pflanzen zu stärken, erläutert Florian Keimer. Dazu müsse man deren Bedürfnisse und den Boden gut kennen, die richtige Standortwahl treffen und die Fruchtfolge beachten: „Sonst gehen die Erträge zurück und die Krankheiten nehmen zu.“

In diesem Jahr hat das Gartenleben-Team auf einer Fläche von 1,2 Hektar erfolgreich das Mulchen ausprobiert, welches die Lebewesen im Boden unterstützt und die Wasserverdunstung senkt. Genügend Wasser zu beschaffen, das werde wohl die größte Herausforderung der nächsten Jahre, da sind sich Katharina Dürrschnabel und Florian Keimer einig. Den Solawi-Mitgliedern werden sie daher vorschlagen, einen Bewässerungsteich zu bauen, um Niederschläge zu sammeln.

Beide Seiten profitieren von der Regelung

Die Gemeinschaftsgetragene oder Solidarische Landwirtschaft, kurz „Solawi“, ist ein Zusammenschluss von landwirtschaftlichen Betrieben und Privathaushalten. Letztere verpflichten sich, jährlich einen vorab festgesetzten Betrag zu bezahlen, der die geschätzten Betriebskosten deckt. Im Gegenzug erhalten die Verbraucher die Ernte des Betriebs. Der Erzeuger hat ein gesichertes Einkommen und die Möglichkeit, verantwortungsvoll und nachhaltig zu wirtschaften.

Demeter gilt als ältester Bioverband in Deutschland, seit 1924 bewirtschaften Landwirte ihre Felder biodynamisch, derzeit sind es 1700 Landwirte und Landwirtinnen mit rund 93 000 Hektar Fläche. Die Wirtschaftsweise geht auf Impulse Rudolf Steiners zurück, der auch die Waldorfpädagogik initiierte.

Die Solawi Gartenleben in Spiegelberg beliefert ihre Kunden über Verteilräume, die es in Schorndorf, Winterbach-Engelberg, Winnenden, Großhöchberg, Wackershofen, Murrhardt, Oppenweiler, Ludwigsburg und Benningen gibt. In Waiblingen wird noch ein Raum für das frische Gemüse gesucht.

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