Genetik und Erziehung Es sind die Gene, Dummerchen!

Wenn ein Kind nicht zum Star-Pianisten geboren ist, wird auch mit Klavierstunden kein Lang Lang daraus – vermutlich nicht mal ein Richard Clayderman Foto: dpa

Wer wir sind und was wir werden, hängt deutlich stärker von den Genen ab als bislang gedacht. Was bedeutet das für Eltern, Lehrer und vor allem für das deutsche Bildungssystem?

Stuttgart/York - Das Kind muss unbedingt aufs Gymnasium, schließlich soll ja mal was aus dem Bub werden. Nach dem Unterricht dann zum Klavierunterricht, Sport treiben soll er natürlich auch, und ein Kurs für mehr Selbstbewusstsein wäre vermutlich auch nicht verkehrt. Eltern, Kinder, schwer zu sagen, wer zwischen Hausaufgaben, musikalischer Früherziehung und Turnunterricht gestresster ist.

 

Glaubt man der Psychologin Sophie von Stumm, ist vieles, was Helikopter-Eltern heute veranstalten, jedoch vergebliche Liebesmühe. Denn über einen Großteil der Persönlichkeit eines Menschen bestimmen nicht Erziehung, Umwelt und schon gar nicht ein Kurs in Sachen Selbstbewusstsein – sondern die Gene.

„Zwillingsstudien haben ergeben, dass 50 Prozent der Persönlichkeit eines Menschen auf genetische Faktoren zurückzuführen sind“, sagt die 35-jährige Professorin, die an der Universität York lehrt. Wie in- oder extrovertiert ein Mensch ist, wie selbstbewusst, wie verantwortungsbewusst, wie pünktlich, neugierig oder ängstlich – all das steht bereits zur Hälfte bei der Geburt fest.

Bislang galt die Umwelt eines Menschen als entscheidend

Noch größer ist der Einfluss der Gene auf die Intelligenz eines Menschen. „Intelligenz fällt unter die kognitiven Fähigkeiten: wie schnell nimmt man Informationen auf, wie lernfähig und wie gut ist man im Umsetzen von Informationen“, erklärt Sophie von Stumm, „und das ist auch erblich, sogar noch stärker als bei den Persönlichkeitseigenschaften.“ Ein Effekt, der sich im Alter verstärkt. „Wir haben alle unsere genetischen Prädispositionen, die wir versuchen auszuleben. Sprich: wir suchen uns Umwelten aus, die unseren Genen erlauben durchzuscheinen. Wenn ein Kind musikalisch ist, wird es also mehr Musik hören, ein Instrument spielen oder vielleicht im Schulchor singen. Dadurch wird die genetische Prädisposition gefördert und kommt immer mehr zum Tragen.“ Und das mit jedem Lebensjahr mehr.

Und wo bleibt da die Umwelt, die bisher als absolut prägend für die Entwicklung eines Menschen wahrgenommen wurde? Umwelteinflüsse seien natürlich auch wichtig, sagt die Wissenschaftlerin, aber eben nicht so systematisch wie gedacht. „Eltern sind wichtig, Schulen sind wichtig, Unterricht ist wichtig“, betont von Stumm, „denn ohne Unterricht kann man nichts lernen.“ Ob man allerdings ein guter Schüler oder schlechter Schüler werde, hänge hauptsächlich von den Genen ab. „Denn letztlich bestimmt die DNA, wie ein Mensch die Lernmöglichkeiten nutzt, die ihm die Umwelt bietet.“

Natürlich sei es sinnvoll, wenn Eltern ihre Kinder förderten, sie bei den Hausaufgaben unterstützten und sie zum Lernen ermutigten. „Aber Kinder sind eigene Wesen. Das weiß jede Mutter und jeder Vater, das sieht man ja spätestens beim zweiten Kind, das genau gleich aufwächst und doch ganz anders wird.“ Kurz: „Kinder eignen sich nur bedingt dazu, ummodelliert zu werden.“ Einer, der nicht gerne Sport treibt, wird nie ein Leistungssportler werden, ganz gleich wie viel er trainiert. Gleiches gilt für den berühmten Klavierunterricht, der einfach nicht fruchten will.

Genetik ist eine Lotterie: Der eine hat Glück, der andere nicht

Gene bestimmen nicht nur über den Schulerfolg, sondern letztlich auch über den sozialen Status eines Menschen. Nicht Bildungssystem und Gesellschaft sind ungerecht – die Natur ist es? „Genetik ist eine Lotterie, wer was bekommt, ist nicht gerecht verteilt. Der eine hat Glück, der andere eben nicht. Die Frage ist allerdings, ob wir es durch unser Bildungssystem und unsere Gesellschaft schlimmer oder besser machen“, erklärt die gebürtige Münchnerin, die sich seit Jahren mit der Lernfähigkeit von Kindern beschäftigt.

Nur, was tun mit dieser Erkenntnis? „Das Potenzial unserer Erkenntnisse liegt in der frühen Intervention“, sagt von Stumm. Und da kommt ein neues Verfahren ins Spiel: Genomstudien, mit denen es inzwischen möglich ist, nicht nur allgemeine Aussagen zu treffen, sondern genetische Risiken einzelner Personen genau zu bestimmen. „Wenn wir genetische Veranlagungen frühzeitig erkennen, können wir intervenieren, bevor Probleme auftreten.“ Beispiel Leseschwäche: „Wenn die Gene die Ursache dafür sind, dass sich ein Kind mit dem Lesen schwertut, und wir wissen das früh, können wir früh eingreifen.“

Viele Kinder schafften es in die sechste Klasse, ohne gut lesen zu können. Was sie bis dahin verpasst hätten, könnten sie nur schwer aufholen. Das würde nicht passieren, wenn man frühzeitig helfe. „Genetisch bedingt heißt ja nicht, dass etwas unabänderlich sind, dass man mit Üben nichts erreichen kann“, betont Sophie von Stumm.

Individuelle Förderung funktioniert nur mit kleineren Klassen

Wäre ein individuell zugeschnittener Unterricht die Lösung? „Da habe ich Vorbehalte. Mit der Förderung von Hochbegabten und der Unterstützung von Lernschwachen sind alle einverstanden. Doch das ist natürlich eine Form der Selektion, denn individuelle Förderung bedeutet konkret, dass nicht mehr alle alle Ressourcen zur Verfügung bekommen. Und mit Selektion richtet man oft mehr Schaden an als Gutes. Das müssen wir uns als Gesellschaft überlegen, ob wir so etwas wirklich wollen.“ Zudem sei individuelle Förderung nur möglich, wenn die Klassen nicht zu groß seien, würden Kinder durchaus davon profitieren, wenn sie mit lernschwächeren oder -stärkeren Kindern zusammen lernten.

Was bedeutet das nun für Eltern? „Eltern sollten ihren Kindern Möglichkeiten bieten, damit diese herausfinden, was ihnen Spaß macht und was sie interessiert. Je mehr Möglichkeiten, desto besser“, sagt die Psychologin. Und eins noch: „Kinder sollten nicht zu sehr zu ihrem Glück gezwungen werden. Vor allem wenn Glück das ist, was die Eltern erwarten.“

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