Genfer Autoschau Der Autosalon wird zur Internet-Show

Im vergangenen Jahr besuchten 602 000 Besucher die Genfer Messehallen. Früher kamen mehr als 700 000 Autofans. Foto: dpa/Uli Deck

Die Absage des Genfer Autosalons trifft die Neuheitenschau in schwieriger Zeit. Nun bereiten die Aussteller virtuelle Premieren vor.

Stuttgart - Der Genfer Autosalon hat eine lange Tradition. Bereits 1905 fand hier in einem Lokal am Boulevard Georges-Favon die erste Nationale Automobil- und Fahrradausstellung statt. In der Stadt am Genfer See wurden im Laufe der Jahre Modelle enthüllt, die Geschichte schrieben, wie etwa der Jaguar E-Type, der Audi A8, die Dreier-Reihe von BMW und die A-Klasse von Mercedes-Benz. Manager aus aller Welt liebten den Schönheitswettbewerb in der neutralen Schweiz, der seit 1982 auf dem Messegelände am Flughafen stattfindet und seit einigen Jahren offiziell Geneva International Motor Show (GIMS) heißt.

 

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer beurteilt die Zukunftsperspektiven indes nach der kurzfristigen Absage des Autosalons wegen des Coronavirus skeptisch. „Die Zukunft von Genf steht auf dem Spiel“, meint der Wissenschaftler, der vor Kurzem von der Universität Duisburg-Essen an die Universität St. Gallen gewechselt ist. Stefan Reindl, der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, sieht ebenfalls eher düstere Perspektiven. „Es wird schwierig für Genf“, urteilt der Wissenschaftler.

Mehr als ein Dutzend Autobauer wollten ohnehin nicht in Genf ausstellen

Dudenhöffer und Reindl weisen darauf hin, dass die Schweizer Messe schon in den vergangenen Jahren deutlich an Attraktivität verloren hatte. Insgesamt mindestens 14 prominente Autohersteller, darunter Ford, Opel, Peugeot und Nissan wollten sich laut Dudenhöffer den Messeauftritt in diesem Jahr ohnehin sparen. Die Zahl der Besucher war 2019 um neun Prozent auf 602 000 Autofans gesunken. Früher kamen mehr als 700 000 Besucher. Mit einem neuen Konzept versuchten die Veranstalter, der Messe mehr Zugkraft zu verleihen. Dazu gehörte eine Teststrecke in Halle 7, auf der Autos mit alternativen Antrieben ausprobiert werden können.

IFA-Chef Reindl rechnet damit, dass es bald eine weitere Konsolidierung bei den Automessen geben werde. „Auf jedem Kontinent wird es nur noch eine große Messe geben“, meint Reindl. Wer der Gewinner in Europa sein wird, ist aber noch nicht absehbar. Neben der Schau in Genf gibt es hier in der ersten Liga den Pariser Autosalon, der allerdings sehr von den französischen Herstellern geprägt ist, sowie die IAA in Deutschland. Die IAA hat aber ebenso Probleme wie Genf und soll deshalb ebenfalls neu ausgerichtet werden. Stefan Reindl führt diese schwindende Attraktivität von Ausstellungen darauf zurück, dass dort die Premieren in einem schnellen Takt stattfinden. „Da ist es für den einzelnen Hersteller schwer herauszuragen. Zudem sind Messen ein relativ teures Marketinginstrument“, sagt Reindl. Mancher Autobauer wähle stattdessen andere Formen der Präsentation, wie etwa Roadshows mit Händlern in verschiedenen Regionen, wo die Autos exklusiv präsentiert werden. Daneben würden Neuheiten zunehmend auf großen Elektronikmessen wie etwa in Barcelona oder Las Vegas gezeigt, um zu unterstreichen, dass die Wagen immer mehr zum Smartphone auf Rädern werden.

Die Absage kostet die Autohersteller viel Geld

Die Genfer Veranstalter haben lange gezögert, den 90. Autosalon abzusagen. Noch am vergangenen Mittwochabend, als der Genfer Uhrensalon wegen des Coronavirus schon abgesagt war, verkündeten die Messemacher, dass die diesjährige Show stattfinde. Da wurde jedoch bei den Autobauern schon diskutiert, ob man es verantworten könne, Mitarbeiter nach Genf zu schicken.

Als dann am Freitag der Schweizer Bundesrat schließlich verfügte, dass keine Großveranstaltungen mehr stattfinden dürfen, hatten die Organisatoren keine andere Wahl mehr. Der Schaden ist gewaltig, weil die Vorbereitungen zu diesem Zeitpunkt fast abgeschlossen waren. Genf ist ohnehin ein teures Pflaster, und zu Messezeiten kann ein Zimmer in einem soliden Mittelklassehotel leicht 490 Schweizer Franken (460 Euro) pro Nacht kosten. Auch ist bei den Ausstellern zu hören, dass sie bisweilen Zimmer für die ganze Woche buchen müssen, obwohl sie diese nur drei Tage benötigen.

Der Autosalon ist die größte Schweizer Messe und bringt der Genfer Region nach früheren Berechnungen normalerweise einen zusätzlichen Umsatz von bis zu 250 Millionen Schweizer Franken (235 Millionen Euro). Der Wissenschaftler Dudenhöffer taxiert den Schaden bei den Autobauern in diesem Jahr auf mehr als 100 Millionen Euro.

Wer schon ein Ticket gekauft hat, soll das Geld zurückbekommen

Die Autobauer wollen sich nicht zu diesem Thema äußern. Das Geld dürfte wohl weitgehend verloren sein. Der Autosalon-Manager Olivier Rihs spricht von „höherer Gewalt“. Gleichwohl, so fügt er hinzu, werde man mit allen Ausstellern diskutieren, „wie die heftigen Verluste minimiert werden können“. Wer schon online ein Ticket gekauft hat, so Rihs, solle sein Geld zurückbekommen. Mit voller Energie, so der Autosalon-Manager, werde man dann darum kämpfen, dass im nächsten Jahr vom 4. bis zum 14. März möglichst viele Aussteller und Besucher nach Genf kommen. Die Absage der Messe führt nun dazu, dass es erstmals eine virtuelle Neuheitenschau geben wird. Die Hersteller haben nun umgehend digitale Pressekonferenzen angekündigt. Die Automanager präsentieren den Journalisten aus aller Welt die Neuheiten dieses Frühjahrs im Internet. Diese Präsentationen werden auch klimafreundlicher sein als das traditionelle Format, weil auf viele Reisen verzichtet werden kann. Rund 10 000 Medienvertreter aus aller Welt besuchen laut Veranstalter in der Regel den Genfer Autosalon.

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