Gerhard Schröder in Hannover Agenda 96 – der Altkanzler lebt

Gerhard Schröder ist seit Ende 2016 Aufsichtsratschef bei Hannover 96. Foto:  
Gerhard Schröder ist seit Ende 2016 Aufsichtsratschef bei Hannover 96. Foto:  

Reißt der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, mit dem Kampfnamen Acker früher ein kreuzgefährlicher Stürmer bei TuS Talle, als Aufsichtsratschef des Fußball-Bundesligisten Hannover 96 am Mittwochabend das Ding im DFB-Pokal in Wolfsburg herum?

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Stuttgart - Dem VfL Wolfsburg droht an diesem Mittwoch im DFB-Pokal ein heikler Abend, denn der Gegner heißt Hannover 96 und gehört zu den Sensationen der Saison. Das liegt daran, dass die Niedersachsen mit zwölf Mann kommen, und ihr zwölfter ist nicht der Fußballgott, sondern die höchste Instanz im Land – der Fußballkanzler.

Gerhard Schröder ist zwar offiziell nur noch der Altkanzler, aber wohin sein langer Arm immer noch reicht, hat man zuletzt gesehen: Das Spiel in Augsburg war verloren, aber Schröder hat das Ding noch herumgerissen. „Ich helfe sehr gerne“, hatte er versprochen, als er Ende letzten Jahres als Aufsichtsratschef in Hannover anfing, und nun zeigt er, dass er sich nicht als Sesselfurzer seine vier Buchstaben platt sitzt, sondern für seinen Club an die Front geht.

Null-eins lagen die 96er am Samstag kurz vor Schluss hinten, und in Großaufnahme war zu sehen, wie der Vereinskontrolleur Schröder auf der Tribüne die stümperhaften Versuche seiner Versager gestenreich geißelte. Als auch der nächste Schuss blamabel ins Knie ging, war er seiner Häme nicht länger Herr – wenn wir ­seinen Gesichtsausdruck richtig deuten, schrie der Mann, der mit dem Kampfnamen Acker früher ein kreuzgefährlicher Stürmer bei TuS Talle war, ungefähr lästerlich hinunter in Richtung Spielfeld: „Ihr Krücken!“

Der letzte lebende Altkanzler als Vereinsmaskottchen

Es half, die wachgerüttelten Krücken siegten, und die Großaufnahmen zeigten den Aufsichtsratschef plötzlich in wilder Leidenschaft. Viel hat nicht gefehlt, und sein Nebensitzer, der Vereinschef Martin Kind, hätte ihm spontan einen Zungenkuss verpasst wie neulich der große Europäer Jean-Claude Juncker um ein Haar dem aufstrebenden Österreicher Sebastian Kurz.

Hannover 96 geht bei der Suche nach dem Glück einen unkonventionell neuen Weg: Wo andere sich eine Hasenpfote in die Hose klemmen, hat sich der Vereinschef Kind den letzten lebenden Altkanzler als Maskottchen zugelegt. Die zwei verstehen sich, sie sind alte Tenniskumpels, und bezüglich Schröders fußballerischer Kompetenz neigt Kind zum Standpunkt: Wer die Tücken des Arbeitsmarkts überlistet, knackt auch eine Abseitsfalle. Damals war es die Agenda 2010, jetzt ist es die Agenda 96.

„Gerhard Schröder lebt Fußball“, spürt Kind.

Wie Gerhard Schröder zum Fußballkanzler wurde

So war es immer. „Der Fußball ist des Mannes zweitgrößtes Glück“, erkannte Schröders Außenminister Joschka Fischer einst mit dem scharfen Auge des grünen Stars, und folgsam trat sein Kanzler fortan gegen alles Runde. Ohne Ball traute sich Schröder in den Wahlkämpfen gar nicht mehr unter die Leute. Er hat mit Pelé auf der Terrasse des Kanzleramts Bälle jongliert, mit Putin beim Torwandschießen die deutsch-russischen Beziehungen gestählt, beim Training von Mainz 05 eiskalt Elfmeter verwandelt – auf den besten Fotos, die ihn beim Regieren zeigten, zauberte er sogar mit dem Ball vor dem Schreibtisch, schrieb für „Bild“ eine Bundesliga-Kolumne oder ließ sich beim Tischfußball knipsen.

Damals wurde Schröder zum „Fußballkanzler“. Er gilt als Erfinder der Tipp-Kick-Politik, und sogar eine aufblasbare Torwand soll er stets griffbereit im Auto mitgeführt haben, um auf den Marktplätzen seine besten Argumente abzuschießen, drei unten, drei oben. „Acker, hau drauf!“, riefen die Leute, und Acker drosch die Kugel ins Loch. Erst neulich hat sich Edmund Stoiber, sein Aufsichtsratskollege beim FC Bayern, an seine unvergessenen TV-Kanzlerschaftsduelle gegen Schröder mit den Lobesworten erinnert: „Er war ein echtes Kaliber.“ Kein Schulz.

So viel Anerkennung ist Schröder aus den Reihen des Fußballs nicht immer zuteilgeworden. So kreuzte Uli Hoeneß während eines Wahlkampfs bei Maybritt Illner in deren ZDF-Talkshow auf und zeigte dem Niedersachsen, was eine Harke ist: Für dumm verkaufe der Schröder den Wähler, grantelte Hoeneß, „schon ab Montag vertritt der wieder eine andere Politik als heute – eine Sauerei ist das“.

Geschmeidigkeit und vielbegehrte Vielseitigkeit

Unerträglichen Verdächtigungen ähnlicher Art war Schröder auch im Fußball oft ausgesetzt. Beispielsweise ging er zu der Zeit auch noch als Kanzler mit den meisten Lieblingsclubs in die Geschichte ein und wurde sogar schamlos verglichen mit seinem Parteigeneral Franz Müntefering – als es von dem einmal hieß, er habe im Büro sowohl einen Dortmund-Schal als auch einen Schalke-Schal hängen, spöttelte die „tageszeitung“: „Wahrscheinlich ist Münte auch evangelisch und katholisch, fährt im Urlaub in die Berge und an die See und hält BMW und Mercedes für das bessere Auto.“

Schröders Fans lachen solche Vergleiche weg, sie lieben seine Geschmeidigkeit und vielbegehrte Vielseitigkeit. Seine flexible Energie wird überall gebraucht, bis hin zu Putin, Gazprom oder Rosneft, und auch in Hannover geht der Altkanzler dem Vereinschef jetzt runter wie Öl, die Pipeline zum Erfolg ist gelegt, es läuft wie geschmiert.

Gerhard Schröder soll als Talisman zum festen Bestandteil der Tribünen werden. Martin Kind hat sich mit der unverhüllten Drohung zitieren lassen: „Er wird jetzt auch auswärts häufiger dabei sein. Auch im Pokal bei den Wolfsburgern.“ Die können sich jetzt schon vom Acker machen.




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